Münchener Moschee-Kampf Muslime beten bittschön im Möbelhaus

Integration im Jahr 2007: Münchens Oberbürgermeister Ude will den Muslimen der Stadt endlich zu einer würdigen Moschee verhelfen - doch Hunderte Bürger ziehen dagegen in den Widerstand. Aus dem Symbol des Dialogs wird plötzlich ein Lehrstück in Sachen Kulturkampf.

München - In der urbayerischen "Gaststätte Großmarkthalle" bewegt sich Helga Schandl wie eine Königin. Die Wirtsstube in Münchens südlichem Stadtteil Sendling ist ihr Reich. Sie schreitet die Reihen ab, grüßt hier und nickt da in die Bierbänke. "Super, Frau Schandl!", ruft einer, springt auf und schüttelt ihr die Hand. "Danke, danke", sagt Frau Schandl und lächelt stolz zurück.

Die 67-jährige Rentnerin ist so populär, weil sie den Bau einer Moschee bekämpft.

Wenn es nach der Stadt München geht, soll die gleich nebenan gebaut werden, am Gotzinger Platz. Es geht um eine hässliche Baulücke vor einer Hauswand mit drei darauf gemalten Pinguinen, die Banane tragend für eine Eisfabrik werben. Rundherum aber ein denkmalgeschütztes Ensemble: Gegenüber die katholische Pfarrkirche St. Korbinian, links zwei Schulgebäude im Stil des Neobarock, erbaut um die vorletzte Jahrhundertwende herum.

Nachdem der türkisch-islamische Moscheeverein Ditim  im Frühjahr 2004 den Antrag auf ein Grundstück gestellt hatte, bot die Stadt München jene Baulücke auf dem Gotzinger Platz an. Die Ditim-Leute nahmen an und erhielten von der Stadt den Bauvorbescheid. Der Verein gehört der "Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion" (Ditib) an, die in enger Verbindung zum türkischen Staat steht und sich als Vertreterin von mehr als 70 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime sieht.

Bayerische Kultur? "Bier und Schweinebraten"

Die Zeitungen berichteten über das Moschee-Projekt. Und Helga Schandl gründete die Bürgerinitiative "Bürger für Sendling".  Sie sammelte 2000 Unterschriften gegen den Moscheebau am Gotzinger Platz. Warum? "So ein Fremdkörper, der passt doch hier überhaupt nicht rein."

In einer Petition an den Bayerischen Landtag erklärt die Initiative eine Moschee als "der bayerischen Kultur gegensätzlich", für die doch "der Genuss von Bier und Schweinebraten" stehe. Die Leute auf den Straßen rund um den Gotzinger Platz äußern Angst vor dem Fremden: "Sollen die doch ihre Moschee woanders bauen!", sagen die einen. Die anderen argumentieren mit Neobarock und Denkmalschutz, mit der Erhaltung eines historischen Platzes.

Der vorläufige Höhepunkt im Münchner Moschee-Streit fand dann allerdings nicht auf der Straße statt, sondern im juristischen Klein-Klein des deutschen Baurechts. Weil die rot-grüne Stadtregierung einen einfachen Bauvorbescheid erteilt hatte, statt ein Bebauungsplan-Verfahren einzuleiten, gab es Probleme. Der Unterschied? Ein Planverfahren muss bei überörtlicher Bedeutung des Projekts gestartet werden. Es ist zeitintensiv, denn Einwände der Bürger müssen beachtet werden. Das wollte die Stadt durch den Vorbescheid abkürzen.

Streit über angebliche "Zentralmoschee für 800 Leute"

Die dem bayerischen Innenminister Günther Beckstein (CSU) unterstellte Regierung von Oberbayern widerrief nach einer Beschwerde aus Sendling den städtischen Vorbescheid für den Moscheebau. Dagegen wiederum klagte der Moscheeverein Ditim - und unterlag kürzlich vor dem Verwaltungsgericht München: Eine "bauplanungsrechtliche Koordination drängt sich auf", urteilte Richterin Marion Pauli-Gerz. Das 7500-Quadratmeter-Projekt sei eine zentrale Einrichtung mit überörtlichem Charakter.

Kurz: Die Richterin ging auf den von den Gegnern befürchteten "Moscheetourismus" ein - sie bemängelte die Größe.

Die Sendlinger um Helga Schandl sprechen von einer "Zentralmoschee für 800 Leute". Ditim dagegen gibt für normale Tage an, es würden bis zu 40 Besucher erwartet - und bei Freitagsgebeten etwa 300.

Architekt Walter Höfler sagt, er habe neben einer "Gebetsfläche" ein Restaurant, ein türkisches Bad, Wohnungen, Vereinslokal und Bibliothek eingeplant. Türkische Vorschulkinder sollen Deutschunterricht, die Schulkinder Nachhilfe erhalten. Sagt Höfler. Die "Bürger für Sendling" sprechen von "Koranschule und Islam-Zentrum".

Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) bedauert die Gerichtsentscheidung, verbucht aber als Punkt für sich, dass die "Moschee am Gotzinger Platz per Gericht durchaus zulässig" ist - wenn die Größenordnung stimmt. Innenminister Beckstein vertritt in diesen Tagen eine ähnliche Position. "Meine Auffassung ist: am fraglichen Platz kleiner - oder in gleicher Größe an einem anderen Platz." Moscheen seien aber notwendig, zulässig "und nicht nur in Hinterhöfen willkommen".

Beten im ehemaligen Möbelhaus

Der jetzige Standort des Münchner Moscheevereins Ditim liegt in der Schanzenbachstraße 1, nur 500 Meter entfernt vom Gotzinger Platz. Die 72 Mitglieder des Vereins beten seit 1989 in diesem heruntergekommenen, ehemaligen Möbelhaus. Der Vorsitzende Önder Yildiz sitzt im zweiten Stock auf einer riesigen, abgeschubbelten braunen Ledercouch aus den Achtzigern. An der Wand gegenüber ein Porträt des türkischen Staatsgründers Atatürk, darunter kleine Deutschland- und Türkei-Fahnen. "Wir haben nicht mit einem negativen Bescheid des Gerichts gerechnet", sagt der 40-Jährige und wickelt sich fester in eine hellgraue Jacke, wie sie der einstige "Tatort"-Kommissar Schimanski immer trug.

Yildiz ist erkältet, er fröstelt und schnieft. "Wir wollen raus aus dieser Hinterhofmoschee hier in eine moderne, einladende, offene Moschee."

"Von wegen Hinterhofmoschee", sagt Helga Schandl in der Wirtsstube, "sie hätten den Eingang ja auch vorn bauen können." Also, Herr Yildiz, warum bauen Sie den Eingang nicht einfach zur Hauptstraße hin? Önder Yildiz lächelt nicht, er klingt ein bisschen resigniert. Es gehe nicht darum, an welcher Stelle sich der Eingang befinde, "es geht um die Räumlichkeiten". Mit der rechten Hand zeigt er in sein Büro: "Das hier ist ein Versteck." Man wolle "eine erkennbare Moschee".

Mitglieder der katholischen und evangelischen Kirchengemeinde in Sendling betreiben gemeinsam mit Ditim-Vertretern eine Internetseite, auf der sie für das Moscheeprojekt und den Dialog zwischen den Religionen werben.  Zur Integration der Muslime gehöre es, "dass sie mit ihren Moscheen zu einem Teil des Stadtbildes werden", steht dort. "Die sichtbare Moschee mit Kuppel und Minaretten" symbolisiere Integration. Ja, die Moschee sei "das ideale Gegenüber der katholischen Kirche St. Korbinian".

Helga Schandl sieht das ganz anders. Eine Moschee am Gotzinger Platz "trägt nicht zur Integration bei, die deutsche Bevölkerung würde wegziehen. Das würden Parallelgesellschaften". Verursacht von der Pro-Moschee-Haltung der katholischen Kirche in Sendling gehe "ein großer Spalt" durch die Gemeinde, sagt die Katholikin Schandl: "Viele Christen gehen in andere Pfarreien, die wollen die Moschee nicht."

Kulturkampf liegt in der Luft

Hört man den Oberbürgermeister Ude und die Sendlingerin Schandl übereinander sprechen, liegt Kulturkampf in der Luft: "Fundamentalistische Kritik aus der Nachbarschaft", diagnostiziert Ersterer. Letztere weiß davon zu berichten, dass der Rathauschef "hier im Viertel schon Mustafa Ude genannt" werde. Der Oberbürgermeister spricht von der "Gräuelpropaganda, dass der Muezzin dauernd vom Minarett schreit", und sagt, dass Rechtsextreme noch vor dem städtischen Vorbescheid Flugblätter in Sendling verteilt hätten. Schandl sagt, sie sehe sich "als Braune und Ewiggestrige" verunglimpft und "in eine Ecke gestellt, in der wir nicht sind".

Sie habe 30 Jahre in der Großmarkthalle gearbeitet, immer mit vielen Ausländern zu tun gehabt: "Jahrzehnte habe ich Integration gelebt."

Tatsächlich gibt es interessante Facetten im Münchener Moschee-Streit. In Sendling ist etwas in Bewegung geraten - man redet miteinander. Schandl berichtet von regelmäßigen Treffen. Am vergangenen Freitag habe sie mit 20 Türkinnen in der Schanzenbachstraße zusammengesessen: "Wir haben übers Eheleben gesprochen, über Kopftücher und natürlich über die Moschee." Den Dialog gebe es erst seit dem Streit, zuvor habe sie nicht gewusst, "dass die da überhaupt existieren".

Und Christian Ude sagt, dass "nicht nur ein Zerdeppern von Porzellan" stattgefunden habe. Die türkische Seite zum Beispiel habe durch die Widerstände gelernt: "Wenn man sich hier einrichten will, muss man auch mit den Nachbarn umgehen."

Önder Yildiz sagt, er sei "mit Frau Schandl doch nicht verfeindet, wir reden miteinander". Über "Ängste und Besorgnisse" der Leute am Gotzinger Platz müsse man sprechen, das helfe. Zu Günther Beckstein hätten er und Ditim eine "gute Beziehung": "Wir treffen uns regelmäßig." Der Minister sei erst vor zwei Wochen zu Besuch gewesen.

Und wenn es trotzdem nicht klappt mit der Moschee am Gotzinger Platz? "Wir warten den Bebauungsplan ab, dann entscheiden wir", sagt Önder Yildiz. Für den Gebäudekomplex in der Schanzenbachstraße liegt eine Ausbaugenehmigung vor, man könnte eine Kuppel aufs Dach setzen und den Gebetsraum vergrößern. Aber das wäre eben nicht die repräsentative, moderne Moschee.

Das wäre Hinterhof.

Und wenn die Moschee am Gotzinger Platz gebaut werden sollte, Frau Schandl? "Wenn's hart auf hart kommt, machen wir ein Bürgerbegehren."

Das wäre Konfrontation.