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30. November 2013, 07:46 Uhr

Münchhausen-Check

"Jute statt Plastik"

Von Hauke Janssen

Erst die Glühbirne, nun die Plastiktüte. Die einen feiern einen Sieg der Vernunft, andere stöhnen, dass die EU "nur wieder mal etwas verbieten" wolle. Die SPIEGEL-Dokumentation macht den Faktencheck: Welche Tüte hat die bessere Umweltbilanz?

Der Astronaut der Raumfähre "Atlantis" staunte nicht schlecht, als er aus dem Shuttle ins All blickte. Ein seltsames Etwas schwebte an seinem Fenster vorbei. Verdutzt fotografierte er das "Unbekannte Flugobjekt" - eine Plastiktüte, die jemand im All zurückgelassen hatte und die nun den Erdball umkreiste.

Um der allgegenwärtigen Plastikflut Herr zu werden, hat eine Reihe von Ländern, darunter China oder Ruanda, den Kunststoffbeutel verboten, andere schreiben relativ hohe Abgabegebühren vor (Irland: 44 Cent).

Nun geht auch die EU das Problem an. Genau besehen will Umweltkommissar Janez Potocnik lediglich die Richtlinie 94/62/EG verändern. Künftig sollen einzelne EU-Länder "das Inverkehrbringen" von Plastiktüten "in ihrem Hoheitsgebiet" verbieten dürfen, was Artikel 18 bisher nicht zulässt. Zudem sollen die Mitgliedstaaten dafür sorgen, dass Plastiktüten seltener benutzt werden.

Kaum verkündet, melden sich Zweifler zu Wort. "Europa will wieder mal etwas verbieten", bringt die "Berliner Zeitung" die bestehende Skepsis am Segen solcher Vorschriften auf den Punkt.

Das Mantra "Jute statt Plastik" ein Öko-Irrtum?

Und ein vielzitierter Ökobilanz-Vergleich unter Einbezug von Energieverbrauch und Pestizideinsatz bei der Herstellung zeigt, dass sowohl Papier- als auch Jutetaschen dabei nicht besser abschneiden als mehrfach wiederverwendete und ordnungsgemäß entsorgte Plastiktüten.

Die "FAZ": Rechne man den Aufwand an Energie ein, "müsste eine Papiertüte dreimal häufiger verwendet werden als eine Plastiktüte, eine Baumwolltasche sogar dreißigmal mehr."

Die "SZ": "Von der Herstellung bis zur Müllkippe verbraucht eine Papiertüte mehr Wasser und Rohstoffe als eine dünne Plastiktüte und muss daher öfter benutzt werden, um eine bessere Ökobilanz zu zeigen. Mindestens drei Mal." Der "bei hippen Großstädtern beliebte Baumwollbeutel", so die Münchner Vorstädter in Verkennung wahrer großstädtischer Hippness weiter, "muss sogar mehr als 130 Mal mit zum Einkauf, bis er sich lohnt".

Das vor 33 Jahren erdachte Mantra "Jute statt Plastik", "Symbol gegen die Wegwerfmentalität" und "Slogan einer ganzen Generation" politischer Jugendlicher und "engagierter Christen" nur ein Irrtum wohlmeinender Ökosandalen?

Wir suchten Rat bei der Deutschen Umwelthilfe, die sich dem Kampf gegen die Plastiktüte verschrieben hat, und finden eine Untersuchung der britischen Umweltbehörde aus dem Jahre 2011, Titel: "Evidence - Life cycle assessment of supermarket carrier bags".

Ökobilanzen zeigen nur die eine Seite

Auch danach ist die Papiertüte im Vergleich zur Plastiktüte "erst dann ökologisch interessant, wenn diese drei- bis viermal wiederbenutzt wird". Tragetaschen aus Baumwolle oder Jute müssten sogar 25- bis 32-mal beziehungsweise gar 83-mal wiederverwendet werden, wollten sie mit der normalen beziehungsweise der recycelten Plastiktüte ökologisch konkurrieren.

Doch solche Ökobilanzen zeigen nur eine Seite der Umwelt-Medaille. Wir müssen das Entsorgungsproblem einbeziehen.

Das Dilemma der Plastiktüte ist: Sie hält mehrere hundert Jahre. Da ist aus Papier und Jute längst ein neuer Baum gewachsen.

In Europa werden jährlich 750.000 Tonnen Plastiktüten produziert und in Umlauf gebracht. Gebrauchte Tüten werden verbrannt, recycelt - wie der Anfang dieses Artikels - oder deponiert. Manche landen im Straßengraben. Die leichten werden oft vom Wind erfasst und fortgeweht, nicht gerade ins All, aber eben oft ins Meer. Allein im Mittelmeer treibt angeblich Plastik im Gewicht von 500 Millionen Tonnen.

Plastik zersetzt sich in immer kleinere Teile. Diese Fragmente schädigen den Verdauungstrakt und verstopfen die Mägen der Meerestiere, was zum Tod durch Verhungern oder durch innere Verletzungen führen kann. Von 136 marinen Arten ist laut Umweltbundesamt bekannt, "dass sie sich regelmäßig in Müllteilen verstricken und strangulieren."

Eine Million Seevögel, 100.000 Robben und andere Meeressäuger sowie unzählige Fische sterben nach Angaben des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep) jedes Jahr durch den Plastikmüll.

Deutsche verbrauchen 71 Tüten im Jahr

Allerdings geht dieser Müll zu Lande und zu Wasser nur zum geringen Teil auf die Tüte zurück. Sie ist eher Symbol eines Problems als Hauptverursacher. In der Sprache des Umweltbundesamts: "In der Gesamtschau der Umweltbelastungen durch Kunststoffartikel ist der Beitrag von Plastiktüten (…) aufgrund der geringen Gesamtmenge verhältnismäßig unbedeutend."

In Deutschland beträgt der Inlandsverbrauch an Kunststoff rund zehn Millionen Tonnen, der Anteil der Plastiktüten liegt bei 0,7 Prozent. Mit einem Verbrauch von 71 Stück pro Kopf im Jahr rangierte Deutschland 2011 weit unter dem EU-Durchschnitt von 198 (Negativ-Spitzenreiter war Bulgarien mit 421, ökologisch ganz vorn Irland mit 18 Stück).

Gern klopfen sich die Umweltbundesämtler auf die eigene Schulter: Im Lebensmitteleinzelhandel sei die kostenlose Abgabe unüblich, und Plastiktüten würden häufig wiederverwendet. Die Hersteller seien verpflichtet, die Kosten der Entsorgung zu tragen. Eine Deponierung von "nicht vorbehandelten Siedlungsabfällen" gäbe es "in Deutschland nicht mehr".

Heißt: Plastikmüll wird aussortiert und "energetisch wiederverwendet" oder verbrannt. Das Umweltbundesamt: "Die Tüten, die ordnungsgemäß entsorgt werden, können nicht mehr in die (Meeres-)Umwelt gelangen."

Wovon sich jeder bei einem Bummel früh morgens am Nord- und Ostseestrand, durch die Straßen unserer Stadt oder auf dem Weg durch unsere Felder und Auen überzeugen kann.

In vielen Ländern gibt es keine perfekte Mülltrennung

Eine Unep-Studie in der Nordseeregion, wozu auch deutsche Küsten gehören, ergab aber, dass 95 Prozent der untersuchten Seevögel Plastik in ihren Mägen aufwiesen.

Allerdings muss nicht Deutschland der Verursacher sein. Strömungen und Gezeiten verteilen die Plastikteilchen über alle Weltmeere, ganz gleich, wo sie eingespeist werden. Und in vielen Ländern gibt es keine perfekte Mülltrennung.

Fazit des Amtes: Verbote seien nur "dort erforderlich, wo in sensiblen Gebieten das Problem nicht anders gelöst werden kann". Sprich: nicht bei uns, sondern im Ausland. CSU, übernehmen Sie!

Die gelobte deutsche Entsorgung verursacht immense Kosten. Und es gilt die Wahrheit: Was man nicht in die Mülltonne hineinwirft, braucht man später auch nicht mühsam wieder heraussuchen.

Fazit: Das Aufdrucken ethischer Imperative auf Jutetaschen reicht nicht. Der Stoffbeutel muss vielfach wiederbenutzt werden. Sonst ist die Ökobilanz seiner Herstellung womöglich schlechter als die der Plastiktüte. Doch Plastik hat ein Entsorgungsproblem. Und jedes deshalb verendete Tier ist eines zu viel. Der liberale Ökonom versucht, solche Probleme über den Preis zu regeln, der Moralist über den Appell, der Law-and-Order-Typ über ein Verbot.

Note: Einen gestutzten Umweltengel für Jute, keinen für Plastik.

Mitarbeit: Michael Jürgens, Petra Ludwig-Sidow

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