Muslime in Berlin "Sarrazin ist eine Schande für mein Land"

Wenn Thilo Sarrazin seine Thesen streut, wirkt er unmittelbar provokativ - zumindest in Politik und Medien. Aber wie reagieren eigentlich die Muslime, die der Bundesbanker aufs Korn nimmt? Ein Ortstermin in den Berliner Vierteln Kreuzberg und Neukölln.

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Berlin - Die U-Bahn hält, die Türen öffnen sich, und drei Frauen - von Kopf bis Fuß verschleiert - steigen aus. In gebührendem Abstand folgen sie einem älteren Mann, der eine gehäkelte Strickmütze auf dem Kopf trägt und eine Gebetskette in der Hand hält, deren Perlen er mit Daumen und Zeigefinger dreht und dabei einige der neunundneunzig Namen Allahs murmelt.

Das Quartett fährt mit der Rolltreppe aus dem U-Bahnschacht hinauf zum Kottbuser Tor im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Dort steht ein kleiner Kiosk, der ein halbes Dutzend türkischer und arabischer Zeitungen führt, daneben ist ein Gemüsehändler, eine Teestube und ein Dönerladen. Wenige Meter weiter gibt es ein Reisebüro, bei dem man Pilgerreisen nach Mekka buchen kann.

In diesem Berliner Kiez wohnen seit Jahren viele Muslime. Sie hält der Bundesbanker Thilo Sarrazin (SPD) für eine Bedrohung der abendländischen Kultur, der deutschen Intelligenz, der kommunalen Sozialkassen und der persönlichen Sicherheit. Für seine Äußerungen und sein Buch "Deutschland schafft sich ab" hat der Polit-Provokateur in den vergangenen Tagen viel Kritik geerntet.

Was aber denken die von Sarrazin Attackierten selbst?

"Ihr müsst schon Deutsch reden"

"Was Thilo Sarrazin über uns Muslie schreibt, ist unfair", sagen die drei jungen türkischen Männer, die hinter der Theke des "Orient-Ecks" stehen. Sie schneiden Fladenbrote und hängen das Kebabfleisch an den Spieß. "Wir arbeiten jeden Tag von morgens bis abends, wir zahlen Steuern, wir sind Deutsche, alle hier geboren und aufgewachsen."

Ein paar Straßen weiter, vor dem "Özlem-Kiosk", über dem ein Schild in altdeutscher Schrift für "Schultheiss-Bier" wirbt, sitzt ein Mann mittleren Alters, der den Zucker in seinem Schwarztee verrührt. Nein, von der Debatte habe er bisher nichts mitbekommen, lässt er durch seinen Sohn ausrichten. Er sei vor mehr als 20 Jahren aus Anatolien nach Deutschland gekommen, könne zwar auch die Sprache sprechen, aber nicht so gut.

Dafür hat Samira Heinrich, 35, kein Verständnis. Sie ist vor sechs Jahren aus Aserbaidschan nach Deutschland gekommen, hat einen Sprachkurs gemacht und arbeitet bei "Lasans Holzkohlegrill" in der Nähe des Kottbuser Tors als Bedienung. Die gläubige Muslimin findet zwar, dass Sarrazin mit seinen polemisierenden Verallgemeinerungen zu weit gegangen ist, gleichzeitig wirft sie aber auch vielen Muslimen vor, sich der deutschen Realität zu verweigern: "Sie leben in ihren eigenen Parallelgesellschaften, können kein Deutsch und wollen die Sprache ihres Gastlandes auch nicht lernen", sagt sie.

Als zwei Jugendliche, Hosen in den Socken, Zahnstocher im Mund und Basecap schief auf dem Kopf, das Lokal betreten und auf Türkisch zwei Fleischspieße bestellen, schüttelt Heinrich nur den Kopf und erklärt, dass sie die beiden nicht versteht. "Ihr müsst schon Deutsch reden", sagt die Aserbaidschanerin. Die Jungs gucken verdutzt.

"Dit is' doch alles Kokolores"

Genauso verwundert sind die beiden deutschen Bauarbeiter, die in Neukölln vor der Bäckerei "Sultan 2" sitzen und ihre Mittagspause bei türkischem Kaffee und Blätterteigtaschen verbringen. "Wat der Sarrazin da sagt, dit is' doch alles Kokolores", meint der eine, während der andere zustimmend nickt. Drinnen in der Bäckerei will man dazu lieber nichts sagen. Sie verfolge zwar die Debatte über die Medien, aber ihr Mann sei gerade nicht da, erklärt die Verkäuferin mit dem Kopftuch. Außerdem sei gleich Gebetszeit, sagt sie - und verweist auf die Uhr an der Wand, auf der die Gebetszeiten abzulesen sind.

In der Sonnenallee gibt es viele Läden und Geschäfte, die in arabischer und türkischer Schrift Werbung für ihre Produkte machen: Neben den vielen Teestuben, Wettbüros und Gemüseläden steht eine Menschenschlange vor der "Fleischerei al-Salam". Dort hat die Ware das Gütesiegel "halal" - das Fleisch ist also nach den islamischen Speisevorschriften rein.

Reinkommen ist indes schwieriger: "Hau ab", ruft einer der Verkäufer. Auch in der nahen Spielothek trifft man auf versteinerte Mienen, die stumm auf die Ausgangstür zeigen.

"Sarrazin, wer ist das?"

Der arabische Konditor in der Nähe des Hermannplatzes hingegen ist aufgeschlossen: "Achlan ve Sachlan", "Herzlich Willkommen", ruft er - den Namen Sarrazin hat der Mann mit dem kräftigen Schnauzer und den sich kräuselnden, grauen Brusthaaren, die aus seinem dunkelgrünen Hemd hervorquellen, indes nie gehört: "Sarrazin, wer ist das?", fragt er.

Ufuq Yilmaz kennt den Namen, den Mann und dessen Thesen. "Dieser Mann ist eine Schande für mein Land", sagt der Obstverkäufer mit der schwarzen Bauchtasche und der Zigarette in der Hand, der gerne hier lebt und dessen Kinder einen deutschen Pass haben. Er steht an seinem Stand an der U-Bahnstation Hermannsplatz. "Jeden Morgen fahre ich zum Großhändler und arbeite für die Zukunft meiner Kinder", sagt der 42-Jährige. Er will nicht diskriminiert werden. Und seine Kinder sollen es auch nicht. "Sie sind Deutsche", sagt er - und ruft dann in bester Marktschreiermanier die potentiellen Kunden an seinen Stand: "Bitte schön, kommen sie her, alles süß und lecker hier."



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Seite 1
Benjamin1965 28.08.2010
1. Nun ja
Zitat von sysopDie Diskussion um Ausländer-Integration fokussiert sich immer häufiger auf die Gruppe der Muslime. Zeigen radikale Thesen eine fatale Wirkung? Nimmt dadurch die generelle Islamfeindlichkeit in Deutschland zu?
Ich glaube eher, dass die Feindlichkeit gegenueber Leuten zunimmt, die sich nicht in dieses Land integrieren wollen. Deutschland braucht keine lebenslangen Sozialleistungsempfaenger, die ungebildet sind und z.B. weder Deutsch noch Englisch lesen udn schreiben oder grundsaetzlich rechnen koennen. Leider wollen sich viele Muslime einfach nicht integrieren. Sie halten die Deutschen sogar fuer Weicheier, weil sie sich das alles so gefallen lassen.
Bert2501 28.08.2010
2. Nein
Die Islamfeindlichkeit nimmt nicht zu, sondern a) das Selbstbewusstsein der Bevölkerung, seine Meinung offen zu sagen, ohne gleich Angst davor zu haben, als Nazi beschimpft zu werden. b) die kritische Haltung jedweder Gruppierung gegenüber, egal ob Religion oder Nation, die unsere Freiheit und Sicherheit, die Säulen unserer demokratischen Grundordnung gefährden und unsere Lebensweise ablehnen. c) das Bewusstsein, dass unser "Reichtum" nur eine Illusion ist. Wir haben Schulden bis über beide Ohren, und somit nichts zu verschenken an Menschen, die unser soziales Netz ausnützen. d) die Dummheit und/oder mangelhafte Bildung und das fehlende Interesse der jungen Generation, etwas daran zu ändern. Das muss man leider jeden Tag aufs Neue feststellen. Das betrifft aber auch, jedoch nicht in so großem Maße wie bei manchen anderen Nationalitäten, die deutsche Jugend.
Moralinsaurer 28.08.2010
3. Sicher nimmt die zu,
man muss sie aber anders interpretieren: Islamfeindlichkeit ist die Feindlichkeit des Islam gegen die europäischen christlichen Gesellschaften.
MonaM 28.08.2010
4. Es kommt darauf an
Zitat von sysopDie Diskussion um Ausländer-Integration fokussiert sich immer häufiger auf die Gruppe der Muslime. Zeigen radikale Thesen eine fatale Wirkung? Nimmt dadurch die generelle Islamfeindlichkeit in Deutschland zu?
Das scheint mir eine ganz natürliche Konsequenz der Tatsache zu sein, dass sich ein Teil der in D lebenden Muslime am deutlichsten von der autochthon-deutschen Mehrheitsbevölkerung unterscheidet, d.h. als eigene Gruppe erkennbar ist und sich auch bewusst abgrenzt (Stichwort: Parallelgesellschaft). Warum wohl gibt es keine Diskussion um die - sagen wir - Vietnamesen- oder Japaner-Integration in D? Nein. Der Vorwurf der generellen Islamfeindlichkeit ist wie jeder Pauschalvorwurf falsch. Liberal und demokratisch orientierte Muslime haben auch im säkularen Europa keine Probleme. Was es gibt ist allerdings ein Grundmisstrauen gegenüber allen Gruppen, die demonstrativ archaische Denk- und Lebensweisen praktizieren und sich offensichtlich nicht in die moderne, westlich-demokratische Gesellschaft, in der sie leben, integrieren wollen. Feindschaft gegenüber einem archaisch-fundamentalistischen Islam, der z.B. die Menschenrechte nicht anerkennt und Frauen benachteiligt, ist legitim.
TC Matic 28.08.2010
5.
Zitat von sysopDie Diskussion um Ausländer-Integration fokussiert sich immer häufiger auf die Gruppe der Muslime. Zeigen radikale Thesen eine fatale Wirkung? Nimmt dadurch die generelle Islamfeindlichkeit in Deutschland zu?
Nur in Deutschland? In ganz Europa bilden sich Fronten gegen eine Religionsgesellschaft, die sich die nichtislamische Gesellschaft (und davon eine nicht unerhebliche Anzahl an Atheisten) durch das massive Vorpreschen des Islam ausbreiten sieht. (Islamisch-)Religiöse "Vorschriften" haben bereits in weiten Bereichen des täglichen Lebens Einzug gehalten (werden vehement von den Islam-Verbänden eingefordert und von den verantwortlichen Politikern vorbehaltlos zugestanden) und beeinträchtigen nicht unerheblich die bisher religionsfreie Lebensführung eines großen Teils der Bevölkerung. Das massiv-auffällige Hineindrängen von Religiosität in die Öffentlichkeit wird als aufdringliche Frömmelei empfunden, die in die privaten Räumlichkeiten oder die entsprechenden religiösen Stätten gehört. In Schulen sind nichtislamische Schüler einem Spießrutenlaufen ausgesetzt ( siehe http://www.zitty.de/magazin-berlin/63190/ und viele andere Quellen). Der Islam wurde von (den) Politikern für unantastbar erklärt, die "restliche" Bevölkerung dazu verdonnert, sich der Etablierung islamischer "Eigenheiten" widerstanslos zu beugen, anderenfalls sie zu rassisten und fremdenfeinde erklärt (kriminalisiert) wird. Die Menschen haben die Nase voll von grundgesetzwidriger Bevorzugung einer bestimmten Personengruppe.
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