Muslime in Deutschland "Das Problem ist die generalisierende Kritik am Islam"

Integrations- und Islamgipfel: Die große Politik hat das Zusammenleben mit dem Islam auf die Agenda gesetzt. Aber in der deutschen Bevölkerung wachsen die Vorurteile gegenüber Muslimen, wie neue Studien zeigen. Experten fordern genaues Hinsehen auf beiden Seiten und die Verbesserung der sozialen Situation muslimischer Migranten.

Berlin - Politiker haben das "Jahr der Integration" ausgerufen, Kanzleramt und Innenministerium haben bei Integrations - und Islamgipfel ihre Pforten für muslimische Vertreter geöffnet. Und auf der "Idomeneo"- Aufführung am Montag sagte Innenminister Wolfgang Schäuble, der Abend in der Oper zeige, dass Muslime und Nicht-Muslime besser zusammenleben, als es die medialen Berichten oft suggerieren würden.

Die große Politik hat das Thema Integration oben auf die Agenda gesetzt - aber die Bevölkerung will nicht recht mitziehen. Diesen Eindruck könnte man zumindest bekommen, wenn man die neuesten Studien zu Fremdenfeindlichkeit und Islam liest. So konstatierte die Studie "Deutsche Zustände 2006" des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer eine "steigende Islamophobie" in Deutschland auch unter Gebildeten. Gut ein Viertel aller befragten Deutschen meinte, Muslime sollten in Zukunft nicht mehr nach Deutschland zuwandern. Die Abwehr gegen den Islam zieht sich der Studie zufolge durch alle Schichten.

Und kaum ist "Deutsche Zustände" erschienen, hat eine Agentur der Europäischen Union, die Beobachtungsstelle für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC), einen Bericht vorgestellt, der die die Ergebnisse der Heitmeyer-Studie unterfüttert. Europas Muslime bekommen, wenn überhaupt, oft nur sehr schlecht bezahlte Jobs, wohnen häufig in ärmlichen Verhältnissen und haben kaum Chancen auf gute Bildung. Jeden Tag erfahren sie Diskriminierungen - unabhängig von ihren ethnischen Herkunft oder ihrer Einstellung zur Religion, so steht es in dem Bericht.

Besonders pauschalisierend wird laut EUMC in Deutschland über Muslime gedacht. So glauben 70 Prozent der Deutschen, dass es "Probleme gibt, wenn man als gläubiger Muslim in einer modernen Gesellschaft lebt". In Frankreich, Spanien und Großbritannien sind diese Zahlen deutlich niedriger - in Frankreich glauben nur 26 Prozent an Probleme. Das Euro-Barometer hat gerade festgestellt: Auf die Frage, ob Migranten eine große Bereicherung für das Land sind, haben nur 30 Prozent aller befragten Deutschen mit Ja geantwortet. Das ist im europäischen Vergleich unterdurchschnittlich.

"Jahrelange Verdrängung"

Aber nicht nur die Bevölkerung ist skeptisch gegenüber Muslimen - auch von Seiten des Staates würden Verdächtigungspolitik betrieben. Wie der Migrationsreport des Rats für Migration sieht auch die EUMC die Gefahr, dass Integrationspolitik sich immer mehr von sicherheitspolitischen Abwägungen abhängig macht als von der Förderung von Gleichheit.

Sind Muslime in Deutschland tatsächlich radikaler als anderswo? Geben sich beide Seiten weniger Mühe gut miteinander klar zu kommen und Fremdheiten zu überwinden?

Armin Laschet, Integrationsminister in NRW, erklärt sich die Ergebnisse der Studien auch damit, dass "die Erkenntnis, dass der Islam Teil der deutschen Gesellschaft ist, bei vielen erst in diesem Jahr kam". Jahrelang seien Realitäten verdrängt worden, sagte er zu SPIEGEL ONLINE.

Der Islam werde noch als fremd wahrgenommen - und das habe auch mit den muslimischen Vertretern zu tun. "Wenn alle Imame gut Deutsch sprechen könnten, würde auch der Islam anders wahrgenommen", glaubt Laschet. Er sehe das Problem, dass viele Muslime in Deutschland nicht genug Deutsch können, um ihre Religion auf hohem Niveau zu erklären. Und wenn dann gerade Prediger wie der Islamist Hassan Dabbagh als muslimischer Vertreter zu Sabine Christiansen eingeladen würden, präge das das Bild des Islam. Eine Entwicklung, an der auch die Mediengesellschaft nicht ganz unschuldig sei, so Laschet.

Unterdessen, so der CDU-Politiker, würden oft soziale Fragen mit religiösen Fragen vermischt. Wenn von Problemen in einem sozial schwachen Viertel, in dem viele Migranten leben die Rede ist, habe das erst einmal nicht mit dem Islam zu tun.

"Es muss und darf immer Kritik an Kulturen geübt werden"

Der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer, der die Studie "Deutsche Zustände" erstellt hat, spricht von Desintegrationstendenzen auf beiden Seiten - bei den Muslimen und bei der "deutschen Mehrheitsgesellschaft". Zu SPIEGEL ONLINE sagt er: "Es muss und darf immer Kritik an Kulturen geübt werden". Das Problem sei jedoch die generalisierende Kritik am Islam in Deutschland. Und während viele pauschal über den Islam urteilen, werde "für viele Muslime die Religion immer wichtiger, denn sie ist der letzte Identitätsanker - vom Arbeitsmarkt sind sie oft ausgeschlossen, eine politische Stimme haben sie meist nicht", so Heitmeyer. Es bestehe die Gefahr, dass selbstkritische Stimmen aus der islamischen Community nicht mehr laut werden könnten, "weil man es sich nicht leisten kann, die Religion als letzte Quelle der Anerkennung zu beschädigen. Die liberalen Stimmen also, die wir fordern, drohen dann leiser zu werden."

Beate Winkler, Direktorin des EUMC, die den jüngsten Bericht über die Diskriminierung von Muslimen in Europa erstellt hat, fordert mehr Anstrengungen der Politik und Medien, um die Situation für in Deutschland lebende Muslime zu verbessern. "Menschen erleben soziale Ausgrenzung und machen Migranten dafür verantwortlich. Der elfte September war ein Meilenstein - seitdem fühlen sich viele Muslime unter einem Generalverdacht und haben das Gefühl, sie müssten beweisen, dass sie keine Terroristen sind." Der Islam dürfte deshalb nicht nur in Problemzusammenhängen thematisiert werden, so Winkler zu SPIEGEL ONLINE.

Da passte es gut, dass Maria Böhmer in der "Süddeutschen Zeitung" gestern mehr Migrantenpräsenz im Fernsehen forderte. Die türkischstämmige Nachrichtensprecherin müsste der Normalfall werden, die Medien stünden in der Pflicht, Reporter zu beschäftigen, die die Lebenswelt der Migranten kennen und erfassen, so die CDU-Politikerin.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.