Interne Unterlagen aus dem Bendlerblock Bundeswehr will Rostocker Pleitewerft übernehmen

Seit Wochen treibt das Verteidigungsministerium nach SPIEGEL-Informationen den Kauf des Rostocker Standorts der insolventen MV-Werften voran. Kommt der Deal zustande, sollen dort die Korvetten der Marine gewartet werden.
Korvettengeschwader in Rostock-Warnemünde

Korvettengeschwader in Rostock-Warnemünde

Foto: Bernd Wüstneck / picture alliance / dpa

In jeder Pleite liegt auch eine Chance. So sieht es jedenfalls Vizeadmiral Carsten Stawitzki, der einflussreiche Leiter der Rüstungsabteilung im Berliner Verteidigungsministerium. In der vergangenen Woche verschickte der Marineoffizier einen vertraulichen Brief an die »sehr geehrten Kolleginnen und Kollegen« im Ministerium. Das Schreiben liegt dem SPIEGEL vor.

Durch die Insolvenz der MV-Werften biete sich für die Bundeswehr die »einmalige Gelegenheit«, schrieb er da, »Teile der vorhandenen Werftinfrastruktur zu übernehmen« und so den Instandsetzungsbedarf der Marine »künftig zu decken«.

Die beiden Worte »einmalige Gelegenheit« hatte er gefettet.

Worum geht es? Im Januar meldeten die MV-Werften Insolvenz an. Das Unternehmen des asiatischen Tourismuskonzerns Genting Hong Kong betrieb in Mecklenburg-Vorpommern drei Werften: in Stralsund, Wismar und Rostock. Stralsund ist inzwischen verkauft worden, die etwa 2000 Beschäftigten an den beiden anderen Standorten wechselten in Transfergesellschaften.

Für den Standort Wismar interessiert sich die Kieler Werft Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS), die sich vor allem auf den Bau von U-Booten spezialisiert hat und die internationale Nachfrage kaum decken kann.

Marine leidet

An der Rostocker MV-Werft hingegen hat jetzt die Bundeswehr ihr Interesse angemeldet. Die Marine leidet seit Jahren unter knappen Instandsetzungskapazitäten. Nach der Weltfinanzkrise hatte der damalige CDU-Verteidigungsminister Thomas de Maizière 2011 das Personal der beiden Marinearsenale in Wilhelmshaven und Kiel halbiert, in denen die Kriegsschiffe regelmäßig überholt werden.

Mit dem Krieg in der Ukraine habe die »konsequente Erhöhung der materiellen Einsatzbereitschaft der Bundeswehr« jetzt »mehr denn je an Gewicht gewonnen«, heißt es in Stawitzkis Brief. Die Kapazitäten des Marinearsenals seien dabei von »essenzieller Bedeutung«.

Das Ministerium, das Marinekommando und das Koblenzer Beschaffungsamt der Bundeswehr, dem die Marinearsenale unterstehen, hätten den Kauf der Rostocker Werft »mit einem durchweg positiven Ergebnis« bereits geprüft, inklusive der Wirtschaftlichkeit. Und auch Verteidigungsministerin Christine Lambrecht habe Anfang April in einem »Tischgespräch« weitere Untersuchungen abgenickt, um die »notwendige Entscheidung belastbar zu verdichten«.

Der Insolvenzverwalter hat der Bundeswehr inzwischen zugestanden, die Frist für die Abgabe eines Angebots auf Anfang Mai zu verlängern. Geht es nach den Ministerialen, soll die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben die Rostocker Werftanlage kaufen und dann an das Ministerium weitervermieten.

Nach den jetzigen Überlegungen könnten dann langfristig etwa 500 der bisher 800 Beschäftigten der Rostocker Auffanggesellschaft vom Kieler Marinearsenal als Beamte oder Angestellte übernommen werden. Gleichzeitig würde die Bundeswehr dort etliche Ausbildungsplätze schaffen. Die Schweriner SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, heißt es in der Bundeswehr, sei von den Plänen sehr angetan.

Kommt der Deal zustande, könnten die fünf Korvetten aus dem benachbarten Marinestützpunkt Warnemünde in Rostock gewartet werden. Etwa alle drei Jahre müssen die Kriegsschiffe grundlegend überholt werden. Kostenpunkt: jeweils etwa 20 Millionen Euro.