Laubhüttenfest in der jüdischen Gemeinde Hamburg "Ich möchte meine Religionsfreiheit ausleben können, ohne um mein Leben zu fürchten"

Der Anschlag von Halle lastet auch auf dem Beginn des Laubhüttenfests Sukkot. Doch in Hamburg versucht die Gemeinde, sich davon nicht abhalten zu lassen - ein Besuch im Hinterhof des Rabbiners im Grindelviertel.

Rabbi Shmuel Havlin im Eingang zu der Laubhütte in seinem Hinterhof
DER SPIEGEL/Jan Petter

Rabbi Shmuel Havlin im Eingang zu der Laubhütte in seinem Hinterhof

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Rabbi Shmuel Havlin huscht über den Hinterhof, er hat buchstäblich alle Hände voll zu tun: Unter seinem rechten Arm klemmt ein überlanger Pappkarton voll Palmblätter, in der linken Hand trägt er eine Schachtel, in der eine makellos gelbe Zitrone gut eingepackt in Schaumstoff steckt. Havlin, 34, bringt beides in die mit Schilfrohr gedeckte Hütte, die neben seinem Haus im Hamburger Stadtteil Rotherbaum steht, dann klingelt wieder sein Telefon.

Sukkot, das am Sonntagabend beginnende Laubhüttenfest, gehört zu den wichtigsten Feiertagen im jüdischen Kalender. Als Erinnerung an den Auszug aus Ägypten sollen die Gemeindemitglieder sieben Tage lang in einer einfachen Holzhütte zusammenkommen, sich freuen und feiern.

In diesem Jahr dürfte das vielen Juden in Deutschland jedoch schwerfallen. Es ist nur ein paar Tage her, als am vergangenen Mittwoch ein junger Mann in Halle zwei Menschen tötete und versuchte, die dortige Synagoge zu stürmen. Nur Glück und eine stabile Holztür verhinderten Schlimmeres. Seit Tagen beschützt die Polizei deshalb jüdische Einrichtungen zusätzlich, auch in Hamburg.

"Wir wollen nicht Opfer sein"

Daran, dass es eine antisemitische Tat war, bestanden schon vor dem Geständnis des 27-Jährigen wenige Zweifel - er verübte den Anschlag an Jom Kippur, dem mit Abstand wichtigsten jüdischen Feiertag, an dem auch viele säkulare Gemeindemitglieder in die Synagoge gehen. Mit Jom Kippur beginnt eine Reihe von Feiertagen. Jetzt schwebt über allen die Frage, wie sicher jüdisches Leben in Deutschland eigentlich noch ist.

Auch in Hamburg kamen zu Jom Kippur Hunderte zusammen. Havlin war Vorbeter, als am Mittwochmittag plötzlich immer mehr Polizeifahrzeuge vor der Synagoge vorfuhren. Drinnen wusste niemand etwas, die Handys waren ausgeschaltet. Am Feiertag sollen die Gemeinden ganz bei sich sein, der Gebrauch elektronischer Geräte ist ebenso untersagt wie das Entzünden von Feuer oder körperliche Arbeit. Auch das machte den Anschlag von Halle so infam - wohl an keinem anderen Tag im Jahr sind Jüdinnen und Juden so verletzlich.

Noch Tage später ist Havlin deshalb dankbar, dass seine Synagoge rasch beschützt wurde. Die Leiterin des nächsten Polizeireviers kam vier Mal zu Fuß vorbei, um über die aktuelle Nachrichtenlage zu informieren. Der Rabbi kennt die Hallenser Gemeinde selbst gut, vor einigen Jahren war er selbst einige Zeit dort tätig.

Trotz der Betroffenheit versucht er, seinen Alltag nicht von den Ereignissen dominieren zu lassen: "Wir wollen nicht Opfer sein."

Der Wunsch nach Gemeinschaft ist größer als die Angst

Viele Gemeindemitglieder haben dennoch Fragen, auch wegen des Feiertags. Deshalb steht das Telefon kaum still. Havlin, der in Israel aufwuchs und in New York studierte, wechselt den ganzen Tag über zwischen Englisch, Hebräisch und Deutsch. Auch mit seinen vier Kindern spricht er, auch sie haben Fragen. Es war das erste Mal, sagt Havlin, dass er mit seinen Kindern in einer Situation war, in der er nicht wusste, ob sie sicher sind. "Ich muss als Rabbiner zur Zeit Fragen beantworten, die selbst für mich neu sind."

Der Anschlag von Halle hatte auch ganz persönliche Konsequenzen: "Mein Sohn fragte mich, ob er seine Kippa abnehmen soll." Für Havlin, der selbst jetzt, beim Arbeiten im Hinterhof, Anzug, Hemd und Krawatte trägt, käme das nicht infrage. Als "slippery road", als rutschige Straße, bezeichnet der orthodoxe Rabbiner solche Überlegungen. "Wenn wir so anfangen, geht es als nächstes darum, ob wir noch Gottesdienste feiern. Ich möchte meine Religionsfreiheit ausleben können, ohne um mein Leben zu fürchten."

Dass seine Sukka, die Laubhütte im Hinterhof, mit fünf mal sechs Meter in diesem Jahr mehr als doppelt so groß ist, wie zuvor, hat auch mit dem Anschlag von Halle zu tun. Etwa 30 Personen sollen dort Platz finden. Viele Gemeindemitglieder hätten das Bedürfnis, in diesem Jahr zusammen zu feiern, auch weil die Ferienzeit die Gemeinde zusätzlich ausgedünnt hat. Der Wunsch nach Gemeinschaft sei bislang größer als die Angst, sagt Havlin, während er in seiner Hüte die Zweige zusammenlegt. Sie und die makellose Zitrone symbolisieren später die unterschiedlichen Mitglieder der Gemeinde. Auch diejenigen, die nicht gläubig sind, gehören jetzt dazu.

Die Stimmung ist angespannt, aber freundlich

Als wenig später im Grindelviertel, dem alten jüdischen Viertel von Hamburg, die Gemeindemitglieder zum Gottesdienst eintreffen, patrouillieren Polizisten mit Maschinenpistolen vor der Tür. Die schon seit Jahren gesperrte Straße wird jetzt zusätzlich von einem Kleinlastwagen abgeriegelt. Zwei dunkle Vans parken direkt vor dem grauen Sechzigerjahre-Bau. Hereingelassen wird nur, wer dem internen Sicherheitsdienst bekannt ist oder sich ausweisen kann. Die Stimmung ist angespannt, aber freundlich.

Bislang schützt nur ein etwas höherer Gartenzaun das Gelände, Kameras gibt es nicht. Schon kurz nach dem Anschlag hatte der Hamburger Landesrabbiner Shlomo Bistritzky angekündigt, das ändern zu wollen. Der Hamburger Senat hat Hilfe versprochen.

Drinnen ist von der Bedrohung wenig zu merken. Kleinkinder spielen auf den Gängen, die Gemeinde wächst seit einigen Jahren wieder. Die Erwachsenen drängen sich währenddessen im Innenhof. Obwohl die Laubhütte der Gemeinde aus mehreren Zelten zusammengebaut wurde, reicht der Platz hinten und vorn nicht für die etwa 100 Personen. Als der Landesrabbiner den aus Israel importierten Rotwein in kleinen Kunststoffbechern segnet, drängen immer noch Gemeindemitglieder in die Hütte.

Im kommenden Jahr müsse man die Sukkot eigentlich ausbauen, sagt Rabbi Havlin. Doch der kleine Kinderspielplatz im Innenhof der Synagoge sei dafür im Weg. Irgendwas werde man sich noch einfallen lassen. Die Stimmung ist auch so ausgelassen, erst vor dem Eingangstor der Synagoge sind wieder schwerbewaffnete Polizisten zu sehen. Ob jüdisches Leben einen Platz in der deutschen Gesellschaft hat, wird nicht hier entschieden.

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