Nach Kapitänsabsetzung Guttenberg lässt die "Gorch Fock" stilllegen

In der "Gorch Fock"-Affäre muss Kommandant Schatz von Bord gehen. Nach dem Willen von Verteidigungsminister Guttenberg soll nun eine Kommission über die Zukunft des Segelschiffs befinden. Bis dahin soll es im Hafen bleiben. Die Mutter einer verunglückten Kadettin attackiert die Marine scharf - und erstattete Anzeige.

AFP

Von und Simone Utler


Hamburg - Die "Gorch Fock" gilt als Paradeschiff der deutschen Diplomatie, sie ist wichtigster Werbeträger der Marine, Schule fürs Seemannsleben - nach außen zumindest. Doch nun erlebt der weiße Dreimaster die wohl schwerste Krise seiner Geschichte.

Zum einen lassen zwei Todesfälle Zweifel an der Sinnhaftigkeit einer Ausbildung auf einem Segelschiff aufkommen. Zum anderen hat ein Bericht des Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus ein düsteres Innenleben entblößt: Mitglieder der Stammbesatzung sollen Kadetten drangsaliert haben. Vier Auszubildenden soll Meuterei vorgeworfen worden sein. Außerdem soll es zu sexuellen Übergriffen gekommen sein.

Nun hat Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg erste Konsequenzen gezogen: Er hat Kapitän zur See Norbert Schatz als Kommandant abgesetzt. Er habe den Inspekteur der Marine angewiesen, "den Kommandanten des Schiffes von der Führung des Schiffes zu entbinden", sagte Guttenberg der "Bild am Sonntag".

"Nach einer derartigen Häufung von faktisch erschütternden Berichten kann niemand zur Tagesordnung übergehen", sagte der CSU-Politiker am Samstag. "Dort, wo Konsequenzen gezogen wurden, mussten sie gezogen werden", fügte er hinzu. Guttenberg äußerte sich im Zentrum Innere Führung der Bundeswehr in Koblenz.

Der Verteidigungsminister ordnete außerdem an, dass das Schiff bis auf weiteres nicht mehr auslaufen wird. Es soll sogar geprüft werden, ob die "Gorch Fock" überhaupt noch weiter als Schulschiff genutzt werden kann. "Nach Rückkehr in den Heimathafen wird die 'Gorch Fock' aus der Fahrbereitschaft genommen, bis eine noch einzusetzende Kommission auch unter Mitwirkung von Abgeordneten des Deutschen Bundestags beurteilt hat, inwieweit die 'Gorch Fock' als Ausbildungsschiff und Botschafterin Deutschlands auf den Weltmeeren Zukunft hat", erklärte der Minister laut "Bild am Sonntag".

Schatz war im Februar 2006 Kommandant der "Gorch Fock" geworden. Die Dreimastbark sei schon immer sein Ziel gewesen, erklärte der 53-Jährige, der am Bodensee aufwuchs und seine Leidenschaft für das Segeln schon als Junge entdeckte, einst. Nach dem Abitur trat er deshalb 1976 in die Marine ein und entschied sich für eine Laufbahn als Fregattenfahrer. Gleich zu Beginn sammelte er erste Erfahrungen auf dem Segelschiff, die jedoch "nicht immer angenehm" gewesen seien, so Schatz. Trotzdem hielt er an seinem Ziel "Gorch Fock" fest - mit Erfolg: Von 1997 bis 1999 war er als Erster Offizier an Bord, Anfang 2006 erfüllte sich schließlich sein beruflicher Traum.

Nun wird Schatz als der glücklose Kommandant in die Geschichte der "Gorch Fock" eingehen. Während seiner Kommandantur verloren gleich zwei Soldatinnen an Bord ihr Leben: Im vergangenen November stürzte eine 25-jährige Offiziersanwärterin aus der Takelage auf das Deck. Im September 2008 war eine 18-jährige Soldatin während ihrer Wache bei rauer See in die Nordsee gefallen und ertrunken.

Mutter erhebt schwere Vorwürfe gegen Ausbilder

Die Mutter der Anfang November ums Leben gekommenen Sarah Lena Seele erstattete inzwischen bei der Staatsanwaltschaft Kiel Strafanzeige gegen die Bundesrepublik Deutschland. Angelika Seele erhebt schwere Vorwürfe gegen die Ausbilder auf der "Gorch Fock". "Wie konnten die Vorgesetzten Sarah so hoch in die Wanten schicken, obwohl sie noch gar nicht richtig angekommen war?", sagte die Mutter dem SPIEGEL.

Am 5. November war die 25 Jahre alte Marinesoldatin nach rund 20-stündiger Reise im brasilianischen Hafen von Salvador da Bahia eingetroffen, erst früh am nächsten Morgen habe sie in der Hängematte gelegen und geschlafen, berichtet die Mutter dem SPIEGEL. Doch schon am Morgen des 7. November habe der Drill begonnen: Das Unglück sei beim letzten Aufentern des Tages geschehen, nach dem sechsten oder siebten Mal.

Um 10.27 Uhr Ortszeit stürzte die 25-Jährige aus rund 27 Metern ab und prallte aufs Deck. Dennoch dauerte es nach Angaben der Mutter noch sieben Stunden, bis sie über das Unglück informiert worden sei. Da habe ihre Tochter noch gelebt.

Nach ZDF-Informationen ergaben die bisherigen Ermittlungen zu den Vorfällen auf der "Gorch Fock" jedoch keine Hinweise auf ein Fehlverhalten. Der Kieler Oberstaatsanwalt Bernd Winterfeldt sagte dem ZDF-Hauptstadtstudio, die junge Frau sei nach bisherigem Stand der Ermittlungen keine Soldatin gewesen, die Druck benötigte, um in die Takelage zu klettern. Das Gegenteil sei der Fall, so der Oberstaatsanwalt zum ZDF: "Sie war eine hochmotivierte Offiziersanwärterin und eine erfahrene Marinesoldatin."

Bericht: Weiterhin Segelanfänger an Bord der "Gorch Fock"

Die Ausbildung wurde nach dem Tod der Kadettin von der Marineführung abgebrochen, die Offiziersanwärter wurden von Brasilien nach Deutschland geflogen. Das Schiff setzte seine Fahrt mit der Stammbesatzung fort. Ein Bericht des Wehrbeauftragten Königshaus enthüllte nun, dass nach Sarah Lena Seeles Tod trauernde Kameraden gedrängt worden seien, wieder in die Masten zu klettern - obwohl sie dies nach dem Unglück nicht mehr wollten.

Musste Schatz wegen solch rauer Methoden gehen?

Der Kapitän hatte einst in einem Interview gesagt: "Natürlich ist das auch heute noch kein Diskutierclub." Arbeit und Leben auf der "Gorch Fock" hätten sich seit seiner Kadettenzeit aber merklich verändert. "Damals haben wir meist unsere Klappe gehalten und sind öfter mal zusammengestaucht worden", so Schatz, "aber die Kadetten müssen nicht mehr befürchten, wegen dummer Fragen angeraunzt zu werden." Die körperlich und psychisch harte Ausbildung auf der "Gorch Fock" halte er für pädagogisch sinnvoll, sagte der drahtige Offizier, selbst Marathonläufer und Bergsteiger.

Nach dem tragischen Unglück im November hatte Schatz in einem Interview über die Kadetten gesagt: "Die motorischen Fähigkeiten haben abgenommen, die Jugend sitzt nicht mehr im Kirschbaum, sondern eher vorm Computer." Er selbst sei als Junge auf Kirschbäume im Garten des Nachbarn geklettert - und "war auch schnell genug wieder runter, wenn der kam". Als Konsequenz forderte Schatz eine strengere Personalauswahl. "Vielleicht sollte man die Kandidaten erst mal zehn Klimmzüge machen lassen, viele schaffen das nicht."

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Die Zukunft des Traditionsseglers ist ungewiss. Droht das Ende der Ära "Gorch Fock"?

Zunächst muss die "Gorch Fock" ihre Reise abbrechen. Verteidigungsminister Guttenberg verfügte, dass sie sofort und auf direktem Weg nach Deutschland zurückkommen soll. Voraussichtlich am 4. Februar werde sie aus Ushuaia an der Südspitze Argentiniens auslaufen und in ihren Heimathafen Kiel zurückkehren, berichtete das "Nachtmagazin". Das Kommando solle dann der Vorgänger von Schatz, Michael Brühn, haben. Brühn sei auch Mitglied der Untersuchungskommission, die am kommenden Donnerstag in Ushuaia erwartet wird.

Der ehemalige Oberstleutnant der Bundeswehr und Vorstandsmitglied des bundeswehrkritischen Arbeitskreises "Darmstädter Signal", Jürgen Rose, sagte, einerseits könnte bei der Absetzung des Kommandanten der Eindruck eines "Bauernopfers" naheliegen - um die Handlungsfähigkeit des Verteidigungsministers zu demonstrieren.

Andererseits könnten für die Absetzung auch "handfeste" Gründe existieren. "Den Medienberichten zufolge scheint es schon so gewesen zu sein, dass dort nicht entsprechend den Grundsätzen der Inneren Führung mit den Auszubildenden umgegangen worden zu sein scheint", sagte Rose am Samstag im Deutschlandradio Kultur. Der ehemalige Offizier war nach seiner Kritik am "Tornado"-Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan in den Ruhestand versetzt worden.

mit Material von dpa

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Seite 1
semper fi, 20.01.2011
1. -
Zitat von sysop"Meine Tochter fällt da nicht einfach runter": Die Mutter der auf der "Gorch Fock" tödlich verunglückten Kadettin erhebt schwere Vorwürfe gegen*die Schiffsführung.*Der Kommandant des Marineseglers*müsse zurücktreten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,740695,00.html
Bei aller Trauer und allem Respekt: Für eine solche Forderung besteht kein Anlass.
Thomas Kossatz 20.01.2011
2. Sorry
Das gab's schon mal: Am 31. Mai 1987 überlebte der damalige Ministerpräsident Barschel schwerverletzt einen Flugzeugabsturz. Der Pilot Michael Heise und zwei weitere Insassen starben. Die Illustrierte "stern" veröffentlichte am 30. Juli einen Brief der Mutter des Piloten, den diese an Barschel persönlich adressiert hatte. Irmgard Heise erhob darin den schweren, aber unhaltbaren Vorwurf, Barschel sei für den Absturz verantwortlich. Wieso wissen wir, dass die Vorwürfe nicht haltbar waren? In einem SPIEGEL Buch zur Affäre sagte unter anderem als Kronzeuge Rudolf Augsteibn aus, der den Piloten kannte. Heute druckt der Spiegel sowas, ohne die nötige jpournalistische Sorgfalt und Distanz: Die Rücktrittsforderung der Mutter ist so vorhersehbar wie der Aufschrei von Bauern bei Subventiionskürzungen. Hauptsache, gegen den Verteidigungsminister. Lafontaine hatte mal für solchen Journalismus einen Namen. Doch der ist falsch: Schweine wühlen, um was zu finden. Der SPIEGEL wühlt nicht mehr. Er macht nur noch Kampagne. Schade drum.
freeword 20.01.2011
3. Nostalgisches Relikt
Die Kadetten-Ausbildung auf der Gorch Fock ist ein nostalgisches Relikt aus dem vorigen Jahrhundert und gehört - auch aus Kostengründen - längst abgeschafft. Und der Kahn ins Museum. Schliesslich leben wir in einem auch, militärisch gesehen, Hightec-Zeitalter (Cyber-War usw.) und nicht mehr im Zeitalter der Segelschiffe.
baloo55 20.01.2011
4. Respekt
Bisher hatte die Familie der verunglückten Kadettin meinen ganzen Respekt. Wenn sie sich allerdings als Hellseher betätigen oder waren sie an Bord und unsinnige Rücktrittsforderungen stellen, denke ich mal sie gehören eben auch dieser RTL, Sat1 und was weiß Krawall - Generation an. Sich wichtig machende Weicheier.
sunhaq 20.01.2011
5. ...
Zitat von semper fiBei aller Trauer und allem Respekt: Für eine solche Forderung besteht kein Anlass.
Aber sicher besteht dazu Anlass.
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