Nach Machtwechsel in Stuttgart Sachsen wirbt um Ländle-Flüchtlinge

Grün-Rot übernimmt die Macht in Baden-Württemberg - wird das Land jetzt wirtschaftsfeindlich? Ja, glaubt die Regierung in Sachsen und will Unternehmer aus dem Südwesten abwerben, die eine neue Heimat suchen. 
Anzeige der sächsischen Regierung: "In Sachsen ist die Welt noch in Ordnung"

Anzeige der sächsischen Regierung: "In Sachsen ist die Welt noch in Ordnung"

Berlin - Baden-Württemberg ist deutscher Industriestandort schlechthin. Hier ist Bosch, hier ist Daimler, Porsche, der Software-Hersteller SAP. Um 5,5 Prozent wuchs die Wirtschaft zuletzt - so stark wie sonst nirgendwo in Deutschland. Das Bruttoinlandsprodukt betrug 2010 insgesamt rund 360 Milliarden Euro - zum Vergleich: Griechenlands BIP liegt bei etwa 230 Milliarden Euro.

In anderen Bundesländern blickt man deshalb neidisch aufs Wirtschaftsmusterländle. Bislang jedenfalls. Jetzt, nach dem Sieg von Grün-Rot in Stuttgart, hofft die schwarz-gelbe Regierung in Sachsen offenbar auf einen Mitnahmeeffekt aus dem Desaster der Parteifreunde. Die von Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) geführte Staatskanzlei in Dresden hat eine Woche nach den Landtagswahlen in Baden-Württemberg halbseitige Anzeigen in fünf Stuttgarter Zeitungen geschaltet - unter anderem in den "Stuttgarter Nachrichten", der "Stuttgarter Zeitung", der Regionalausgabe der "Bild".

"Liebe Unternehmer, wer spricht schon Hochdeutsch", heißt es in der Annonce in Anspielung auf die bekannte Werbeaktion Baden-Württembergs: "Wir können alles außer Hochdeutsch". Und weiter dichteten die Werber im Auftrag der Regierung in Dresden: "In Sachsen ist die Welt noch in Ordnung. Kommen Sie zu uns!" Darüber die Sprüche: "Innovation hat eine Heimat" und "Hightech hat eine Heimat".

Der Hintergrund der Aktion: Baden-württembergische Wirtschaftsvertreter hatten sich nach der Wahl skeptisch zu der Industriefreundlichkeit der künftigen grün-roten Machthaber geäußert. Die Vorreiterposition des Bundeslands stehe jetzt auf dem Spiel - fürchtet etwa der badische Tunnelbauer Martin Herrenknecht im SPIEGEL: "Die Grünen müssen erst mal beweisen, ob sie in der Lage sind, den Technologiestandort Baden-Württemberg zu regieren." Oder der Unternehmer Rudolf Louis Schweizer in der Zeitschrift "Capital": "Die Grünen sind keine Partei, die die Autoindustrie fördert. Die haben kein Gefühl dafür, wie viele Jobs daran hängen."

Für die Strategen in der Staatskanzlei in Dresden Anlass genug, um die Verunsicherung im Unternehmerlager für sich zu nutzen. "Wir sind ständig am Überlegen, was wir in Sachen Standortvorteil tun können", sagt die sächsische Vizeregierungssprecherin Sandra Jäschke. Etwa 75.000 Euro haben die Anzeigen in den fünf Zeitungen laut Jäschke insgesamt gekostet. Abhängig von der Resonanz werde erörtert, ob die Kampagne noch fortgesetzt werden solle.

Im Ländle ist man ob der Abwerbeversuche verstimmt. Die Kampagne sei "nicht gerade eine Freundlichkeit aus Sachsen", so Joachim Möhrle, Präsident von Baden-Württembergs Handwerkstag zur "Sächsischen Zeitung".

"Das ist ein netter Versuch, der sicherlich keinen Erfolg haben wird. Ich halte so einen Wettbewerb zwischen den Ländern für falsch", sagt der grüne Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer zu SPIEGEL ONLINE. Edith Sitzmann, in der Grünen-Fraktion im Stuttgarter Landtag für Wirtschaftspolitik zuständig, erklärt: "Die Werbekampagne wird nicht verfangen, wir werden im Land der Wirtschaft mit den Unternehmen weiter gut zusammenarbeiten." Unternehmer würden ihre Entscheidungen nicht nach Anzeigen, sondern nach Standorten treffen. "Und Baden-Württemberg wird ein guter Standort bleiben."

Es sei "ein bisschen blauäugig von Sachsen, wenn die Regierung nun glaubt, Unternehmer abwerben zu können", sagt der Geschäftsführer vom Landesverband der Baden-Württembergischen Industrie, Wolfgang Wolf. Auf Dauer werde in Baden-Württemberg industriefeindliche Politik ohnehin keinen Erfolg haben.

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