Nach Rücktritt Boettichers Kiel sucht den Affären-Flüsterer

Wer hat die Liebesbeziehung zwischen Christian von Boetticher und einer 16-Jährigen öffentlich gemacht? Für die schleswig-holsteinische Opposition ist klar: Parteifreunde wollten dem CDU-Spitzenkandidaten schaden. Die Christdemokraten an der Küste erleben ein Desaster.

Boetticher, Parteifreunde (am 14. August): Details, "die Sprengkraft haben"
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Boetticher, Parteifreunde (am 14. August): Details, "die Sprengkraft haben"

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Kiel - "Bitte nicht stören": Die Signallampe vor dem Sitzungsraum "Ostsee" des Kieler Landtags leuchtet an diesem Dienstag lange. Die Tür ist zugezogen, drinnen sitzen die Abgeordneten der CDU-Fraktion. Der Mann, dessentwegen einige Parlamentarier ihren Urlaub abgebrochen und in die Landeshauptstadt zurückgeeilt sind, ist nicht dabei: Christian von Boettichers Platz bleibt leer.

Der 40-Jährige hatte am Montagabend seinen Rücktritt vom Fraktionsvorsitz bekanntgegeben. Es war eine weitere Reaktion auf die zuletzt öffentlich gewordene Liebesbeziehung zu einer damals 16-Jährigen, die der Jurist im vergangenen Jahr hatte - und die jetzt seine Partei in eine tiefe Krise stürzt. Das Ergebnis des Fraktionstreffens ist, dass es zunächst kein Ergebnis gibt: Die Wahl eines Nachfolgers für Boetticher an der Fraktionsspitze soll erst am Donnerstag erfolgen.

Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) steht nachmittags vor dem Fraktionssaal, nestelt an seinem Sakko, guckt in die Augen fragender Journalisten und sagt dann mit betonter Gelassenheit: "Wir sind in der Lage, bis Donnerstag einen neuen Fraktionsvorsitzenden zu stellen - ich finde das kernig." Eine Sprachhülse. Ein Satz, der den Eindruck von einem normalen politischen Alltagsgeschäft vermitteln soll.

Nur ist für die Christdemokraten im Norden derzeit eben nichts mehr normal, schon gar nicht für Carstensen. Denn der scheidende Regierungschef, der bei der Wahl im kommenden Jahr nicht mehr antritt, hatte sich Boetticher als seinen Nachfolger gewünscht. Unter Carstensen legte Boetticher einen steilen Aufstieg hin: erst Minister, später Fraktionschef, dann Parteivorsitzender, im Mai folgte die Kür zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl. "Der Kronprinz von Carstensen", so lautete der inoffizielle Titel für Boetticher.

Gerüchte bereits kurz nach der Nominierung im Mai

Und jetzt der jähe Absturz: Rückzug von Parteivorsitz und Spitzenkandidatur, schließlich noch das Ende als Fraktionschef. Für die CDU, die bei den Wählern um die Fortsetzung der schwarz-gelben Regierung kämpft, ist das ein Desaster.

Auf den Fluren des Landtags wird längst darüber getuschelt, wer Interesse daran gehabt haben könnte, die längst beendete Liebesbeziehung Boettichers öffentlich zu machen. Für Vertreter der Opposition ist klar, dass es sich um eine parteiinterne Intrige handeln muss. Schon lange habe es in der CDU kaum versteckte Unzufriedenheit mit Boetticher gegeben, sagt etwa ein führender Grünen-Politiker. Demnach gab es bei Boettichers Parteifreunden "erhebliche Zweifel an der Eignung" des 40-Jährigen für den Posten des Regierungschefs. Manchen in der Union ging der Aufstieg Boettichers demnach zu schnell, andere störten sich offenbar daran, dass der Fraktions- und Parteichef Entscheidungen ohne große Rücksicht auf seine Parteifreunde durchboxte, andere haderten demnach damit, dass er sich auf Facebook im Internet als Lebemann mit Vorlieben für guten Wein inszenierte.

Kurz nach Boettichers Nominierung als Spitzenkandidat habe es in CDU-nahen Kreisen geheißen, dass es "Details" zu Boetticher gebe, "die Sprengkraft haben", so der Grünen-Politiker.

In der CDU habe zuletzt eine "resignative Stimmung" angesichts der bevorstehenden Landtagswahl geherrscht, sagt ein anderer Oppositionsvertreter. Im Haus B, dem Gästehaus des Landtages, hätten Unionsvertreter bei Treffen mit Journalisten sogar offen Witze über Boetticher gemacht.

"Eine gezielte Intrige schließe ich aus"

Tatsächlich muss die Union fürchten, ihre Regierungsmehrheit in Schleswig-Holstein zu verlieren. Zwar liegt sie in Umfragen vor der SPD, zusammen mit den Grünen kommen die Sozialdemokraten aber auf eine deutliche Mehrheit.

In der Union dagegen glaubt man nicht daran, dass Boettichers Liebesbeziehung zu der damals 16-Jährigen von Parteifreunden publik gemacht wurde. "Eine gezielte Intrige schließe ich aus", sagte Vizelandeschef Ingbert Liebing der "Welt".

Den Rückzug des 40-Jährigen hielt man in der Partei aber offenbar für unumgänglich. Wer ein politisches Spitzenamt anstrebe, müsse besonderen moralischen Ansprüchen genügen, hatte Ministerpräsident Carstensen zuletzt erklärt. Man habe Boettichers Entscheidung "mit Respekt zur Kenntnis genommen", gaben am Dienstag seine drei stellvertretenden Fraktionschefs zu Protokoll.

Zuletzt hatten Gerüchte über Boettichers einstige Liebesbeziehung die Runde gemacht, auch Carstensen erfuhr davon und stellte seinen politischen Ziehsohn Mitte Juli zur Rede. Dabei drang der Regierungschef offenbar auch auf eine schnelle Klärung der Angelegenheit.

Boetticher selbst hat die Dynamik der Ereignisse möglicherweise unterschätzt. Er sei am 6. Mai als Spitzenkandidat für die Landtagswahl am 6. Mai 2012 nominiert worden und wolle "alle meine Kraft dafür einsetzen, dass die CDU klar stärkste Fraktion in Schleswig-Holstein bleibt", heißt es weiterhin auf seiner Homepage.

Am Ende blieb Boetticher nur ein Rückzug, den er freiwillig so wohl nie gewählt hätte: In einem Zeitungsinterview sagte er noch im vergangenen Jahr, dass er "von abrupten Abtritten" nicht viel halte.

insgesamt 73 Beiträge
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Palmstroem, 16.08.2011
1. Erst mal abwarten
Zitat von sysopWer hat die Liebesbeziehung zwischen Christian von Boetticher und einer 16-Jährigen öffentlich gemacht? Für die schleswig-holsteinische Opposition ist klar: Parteifreunde wollten dem CDU-Spitzenkandidaten schaden. Die Christdemokraten an der Küste erleben ein Desaster. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,780634,00.html
... und wie war das nach der Wahl bei Barschel! "1993 trat der SPD-Chef, Kanzlerkandidat und Ministerpräsident Björn Engholm von allen Ämtern zurück – und begründete den spektakulären Schritt mit seiner Falschaussage vor dem Untersuchungsausschuss zur Barschel-Affäre."(Die Welt)
LouisWu 16.08.2011
2.
Zitat von sysopWer hat die Liebesbeziehung zwischen Christian von Boetticher und einer 16-Jährigen öffentlich gemacht? Für die schleswig-holsteinische Opposition ist klar: Parteifreunde wollten dem CDU-Spitzenkandidaten schaden. Die Christdemokraten an der Küste erleben ein Desaster. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,780634,00.html
Würde mich auch sehr interessieren. Eigentlich ist das sogar viel interessanter als die freiwillige Liaison zweier geschlechtsreifer Menschen. Ich habe Petzen schon immer gehasst. Vielleicht finden wir den Verantwortlichen und können ihn ein wenig denunzieren? Denn irgendeinen Dreck hat ja (fast) jeder am Stecken....
Pepito_Sbazzagutti 16.08.2011
3.
"Der größte Lump im ganzen Land - das ist und bleibt der Denunziant." Ich persönlich finde Denunzieren erheblich abartiger als eine Liaison mit einer Sechzehnjährigen zu haben.
Revarell 16.08.2011
4. Durchgesickert.......?
Wer da warum und welche Info's lanciert ist mir eigentlich gleichgültig. Wichtig ist dass es bei der nächsten Wahl zu einem Machtwechsel kommt!
schauster 16.08.2011
5. Immer diese Denunzianten ;-)
Ich hab es der BamS nicht gesteckt. Aber wie heißt jetzt eigentlich die 16jährige? Hat Sie noch Ihre Facebook-Seite? Würde mich auch gerne mal mit Ihr unterhalten. Mal sehen, ob es ein Gespräch auf "Augenhöhe" wird. ;-)
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