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Nach Rückzug von Oberpiratin Weisband: Partei auf Personalsuche

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Nach Weisband-Rückzug Die Paradox-Piraten

Der einzelne Pirat ist nichts, die Crew ist alles: So lautet das Credo der politischen Newcomer. Doch in Wahrheit hat die Führung die Medienpräsenz von Marina Weisband gern gesehen. Der Rückzug der charismatischen Oberpiratin macht der Partei schwer zu schaffen.

Berlin - Sebastian Nerz, 28 Jahre alter Parteichef der Piratenpartei, war lesbar wütend: "Mein Puls ist immer noch auf 180", twitterte er am Donnerstag, gerade hatte er ein Interview im Frühstücksfernsehen hinter sich. Es war der Morgen nach der Ansage seiner Vorstandskollegin Marina Weisband, sich aus der Piratenführung zurückziehen zu wollen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE führte sie für die Entscheidung auch gesundheitliche Gründe an.

Nun musste Nerz im ZDF erklären, wie es weitergeht - wohin steuern die Piraten, wie wollen sie den Einzug in weitere Landesparlamente schaffen, wie sich für die Bundestagswahl 2012 fit machen? Allerdings behauptete der Sender, Weisband sei die einzige Frau im Vorstand der Polit-Newcomer. Es sind aber zwei. Das brachte den sonst so besonnenen Bioinformatiker auf die Palme.

"So was verlogenes, sexistisches und uninformiertes. grmpf."

Es ist ein Problem der jungen Partei: Sie hat wenig bekannte Köpfe, die ihre Ziele verständlich, glaubwürdig und für die breite Masse der Wähler erklärbar machen können. Denn eigentlich will die Piratenspitze nur Verwalter für die Mitglieder sein, das basisdemokratische Prinzip der Partei nicht aushebeln. So darf Nerz auf Pressekonferenzen nichts zum Afghanistan-Einsatz sagen, weil es dazu noch keinen Beschluss gibt. Auch seine persönlichen Bedenken gegen das Grundeinkommen behält er für sich - weil die Basis beschlossen hat, die Forderung nach dem Lebensgeld ins Wahlprogramm aufzunehmen.

Und so weiter: Zu Parteitagen kann jedes Mitglied anreisen, ein Delegiertensystem gibt es nicht. Für die Bundestagswahl 2013 soll es keine Spitzenkandidaten geben, dafür gleichberechtigte Landeslisten. "Die Konzentration auf Einzelpersonen geht gegen unser Prinzip", sagt Nerz zu SPIEGEL ONLINE und fügt hinzu: "Wir müssen unser Verständnis von Basisdemokratie stärker kommunizieren. Viele Meinungen haben nichts mit Chaos zu tun."

Schizophrene Strategie

Gleichzeitig erklärt Nerz aber: "Von unserer Seite aus war gewollt, dass Marina in die Medien kommt." Die Öffentlichkeit und die Presse "tickt eben so", sagt er. Die Piratenführung hat diesen Tick für sich zu nutzen gewusst, sie sah die 24-jährige Psychologie-Studentin gern in Talkshows und auf Magazincovern. Weisband war der personifizierte Gegenbeweis für jene, die in den Piraten eine Ansammlung männlicher Freaks in abgedunkelten Hobbykellern sehen.

Noch ist unklar, wer diese Rolle jetzt übernehmen soll. Die Piratenpartei kommt am letzten Aprilwochenende in Neumünster zusammen, um den neuen Parteivorstand wählen zu lassen. Nerz hat angekündigt, erneut für den Chefposten kandidieren zu wollen, hält sich aber auch eine Kandidatur als Stellvertreter offen. "Das hängt vom Vorsitzenden ab", erklärt er. "Kandidieren würde ich beispielsweise, wenn Bernd als Vorsitzender gewählt würde."

Der 40-jährige Bernd Schlömer, hauptberuflich akademischer Direktor im Bundesverteidigungsministerium, ist derzeit Parteivize. Auch er bewirbt sich um den Spitzenposten. Schlömer könnte dort die nötige Prise Erfahrung und Politkompetenz nach innen und außen tragen. Dass beide für beide Posten kandidieren, macht eine Doppelspitze aus Nerz und Schlömer wahrscheinlicher - auch wenn grundsätzlich jedes Mitglied kandidieren kann . Den Verdacht eines Arrangements wehrt Nerz ab: "Wir wollten nur klarstellen, dass eine Kandidatur Bernd Schlömers keine Rebellion gegen den Vorsitzenden ist".

"Marina hat hohe Maßstäbe gesetzt"

Auch dem Berliner Fraktionsmitglied Christopher Lauer, 27, werden Ambitionen auf den Posten nachgesagt - allerdings scheiterte er schon einmal mit einer Kandidatur gegen Nerz. Lauer gilt unter Piraten als redegewandt und themensicher, aber nicht gerade als Teamplayer. Er selbst hält sich eine Kandidatur offen: "Um es mit Dr. Helmut Kohl zu sagen: Für ein solches Amt drängt man sich nicht auf, da ereilt einen ein Ruf." Aufstellen lassen kann man sich bis zur letzten Minute.

Wieder als Beisitzerin kandidieren wird Gefion Thürmer, die zweite Frau im Parteivorstand. "Ja, das ist mein richtiger Vorname", sagt sie bei einem Treffen in Berlin, benannt nach einer nordischen Gottheit - die laut Wikipedia in der germanischen Mythologie als "Beschützerin der Jungfrauen" galt . "Aber alle denken natürlich sofort, es ist ein männlicher Name." Sie sitzt über Milchkaffee mit Sahne und erklärt, warum man bislang wenig von ihr gehört oder gelesen hat. Thürmer kümmert sich um die Organisation der Öffentlichkeitsarbeit - ist aber selbst erklärtermaßen kamerascheu.

Wieder so ein Piraten-Paradoxon. Oder nicht? "Je weniger man von mir als Person wahrnimmt, desto besser mache ich meinen Job - weil es Hintergrundarbeit ist", sagt sie. Bürgerbeteiligung müsse unkompliziert und direkter werden, fordert Thürmer. Ein YouTube-Dialog mit Angela Merkel reiche da nicht. "Entweder man macht es richtig oder gar nicht." Thürmer wohnt eigentlich in England. Für ihre Aufgabe bei den Piraten spielt das ihrer Meinung nach keine Rolle. "Es ist unerheblich, woher man kommt, was man beruflich macht, welches Geschlecht man hat."

Doch auch sie räumt ein, dass es auf Dauer ohne charismatische Köpfe schwer werden wird, die Positionen der Partei zu verkaufen. "Marina hat hohe Maßstäbe gesetzt", sagt Thürmer. "Jeder, der jetzt nachfolgt, muss sich daran messen lassen." Für die Piraten steht viel auf dem Spiel. Der neue Vorstand muss die alten Mitglieder vertreten, die Neumitglieder binden. Zumal die Partei alles andere als geschlossen ist. Zwischen den süddeutschen Landesverbänden und den Berlinern kriselt es schon länger, zwischen einigen Mitgliedern im Vorstand und Fraktionsmitgliedern im Berliner Abgeordnetenhaus herrscht Funkstille.

Wenn die Piraten es bei den Neuwahlen im Saarland - derzeit liegen sie in Umfragen um die fünf Prozent - nicht schaffen, dann wird es auch in Schleswig-Holstein schwierig, in den Landtag einzuziehen. Dann könnte man die Partei schnell als Berliner Phänomen abtun. Der Piratenschwarm setzt gerade alles daran, es nicht soweit kommen zu lassen - und bekommt Hilfe aus dem Ausland: Auch Piraten in Luxemburg verteilen Flyer - weil Saarländer gerne mal zum Tanken rüberkommen. Im hauseigenen Piratenpad kann man das Brainstorm für die Wahlplakat-Slogans mitgestalten.

Marina Weisband hat derweil mit den medialen Nachwehen ihres Rückzugs zu kämpfen: Ihr Freund twitterte am Donnerstag: "Liebe Medien. Was genau versteht ihr an 'Auszeit' nicht? Ich will mit meiner Freundin frühstücken, verdammte Hacke! Ruhe jetzt mal."

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