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15. Februar 2012, 14:34 Uhr

Nachfolge für Fraktionsvize Kuhn

Grüne wagen den Mini-Generationswechsel

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Einer aus der alten Garde geht: Fritz Kuhn will OB in Stuttgart werden - und legt dafür seinen Posten als Bundestagsfraktionsvize nieder. Erste Nachfolge-Kandidatin ist Realo-Frau Kerstin Andreae, ihrem Lager steht der Posten zu. Finanzfachmann Gerhard Schick gilt deshalb als chancenlos.

Berlin - Er hat offenbar aus der Berlin-Pleite von Renate Künast gelernt: Der Grünen-Politiker Fritz Kuhn verzichtet bei seinem Versuch, Oberbürgermeister von Stuttgart zu werden, auf ein Netz und doppelten Boden. Kuhn wird seinen Posten als Vizechef der Bundestagsfraktion aufgeben - er will sich mit aller Kraft auf die baden-württembergische Hauptstadt konzentrieren, wo am 7. Oktober ein neuer Rathauschef gewählt wird. Für die Stuttgarter dürfte das ein wichtiges Signal sein. Künast hatte dagegen ihren Posten als Fraktionschefin behalten, während sie Klaus Wowereit das Rote Rathaus in Berlin abspenstig machen wollten. Das bittere Ergebnis ist bekannt.

Als Fraktionsvize führt Kuhn den Arbeitskreis (AK) 1 mit den Themen Wirtschaft und Soziales, den größten und wichtigsten AK der Grünen. Sein Abgang zum 1. März, den er den Abgeordneten-Kollegen am Montagabend per Mail mitteilte, ermöglicht damit eine Art Mini-Generationswechsel in der Fraktion. Denn Kuhn gehört wie die Vorsitzenden Künast und Jürgen Trittin oder Fraktionsvize Bärbel Höhn zu jenen Grünen, die seit Jahren wichtige Posten in der Bundespolitik besetzen. Gefühlt sind es für manche der Jungen schon Jahrzehnte. Nur zwei von fünf Arbeitskreisen werden bisher von ihnen geführt.

Nun also darf endlich ein weiteres frisches Gesicht aufrücken, schon am 27. Februar will die Fraktion die Personalie entscheiden. Eine unverhoffte Karrierechance - und nebenbei wohl auch eine Entwicklung, die Künast und Trittin mit Wohlwollen sehen dürften: Es nimmt angesichts der zunehmenden Unzufriedenheit unter den Jüngeren ein bisschen den Druck aus dem Kessel.

Andreae gilt als natürliche Nachfolgerin

Beste Chancen auf die Kuhn-Nachfolge hat nach Lage der Dinge die Freiburger Abgeordnete Kerstin Andreae, 41, bisher wirtschaftspolitische Sprecherin der Fraktion. Das liegt einerseits an den Qualitäten der Grünen, die sich als Rednerin und gleichzeitig als inhaltlich versierte Fachpolitikerin einen Namen gemacht hat. Gleichzeitig gilt die Frau des Berliner Grünenpolitikers Volker Ratzmann als klare Vertreterin des Realo-Flügels, was sie erst recht zur natürlichen Nachfolge-Kandidatin macht: In der geltenden Fraktionsarchitektur steht dem Realo-Flügel der Vorsitz des AK 1 zu, dem scheidenden Kuhn müsste demnach jemand aus dem gleichen Lager als Fraktionsvize folgen.

Dass Andreae den Kuhn-Job will, ist klar. Sie wurde schon in der Vergangenheit für höhere Ämter gehandelt, auch als mögliche Künast-Nachfolgerin für den Fall einer erfolgreichen Berlin-Wahl. Fraktionschefin Künast hat sich nun bereits für Andreae als Stellvertreterin ausgesprochen. Andere Vertreter des Realo-Flügels aus dem AK1 hätten wohl ebenfalls Interesse an dem Posten, aber an Andreae dürfte auch deshalb niemand vorbeikommen.

Nur für den Fall, dass die Flügel-Architektur mitten in der Legislaturperiode aufgebrochen wird, sähe alles anders aus - aber das erscheint sehr unwahrscheinlich. "Das halte ich für ausgeschlossen", sagt ein Grünen-Abgeordneter.

Entsprechend gering stehen die Chancen von Gerhard Schick, falls er tatsächlich seinen Hut in den Ring werfen sollte. Schick, 39, ist eines der bekanntesten Gesichter bei den Grünen, er hat sich in der Finanz- und Wirtschaftskrise als Fachmann profiliert. Und Schick ist alles andere als ein Ideologe - doch er steht den Parteilinken deutlich näher als den Realos. "Es wäre schon bitter, wenn hier das Lager entscheidet", sagt ein Abgeordneter. Aber so ist das eben bei den Grünen.

Und dass sich die Realos untereinander nicht einigen könnten? Dort knirscht es zwar immer mal wieder, auch weil die Führungsfrage zwischen Fraktionschefin Künast und dem Parteivorsitzenden Cem Özdemir ungeklärt ist. Aber das mutwillige Herschenken eines so wichtigen Postens, heißt es, sei kaum vorstellbar. Nicht einmal unter streitsüchtigen Realos.

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