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SPIEGEL-Journalist Jürgen Leinemann: Intime Einblicke in das Innenleben der politischen Klasse

Foto: Monika Zucht/ DER SPIEGEL

Zum Tod von Jürgen Leinemann Der Mann, der die Mächtigen durchschaute

Er war ein begnadeter Reporter und ein feiner Kollege: Der frühere SPIEGEL-Redakteur Jürgen Leinemann ist im Alter von 76 Jahren gestorben. Eine seiner besonderen Fähigkeiten war es, die Machtspiele und eitlen Inszenierungen der Politiker zu durchschauen.

Der Reporter Jürgen Leinemann hat Texte geschrieben, die Politikerkarrieren befördert oder beendet haben. Er wurde mit Preisen ausgezeichnet, die eigens für ihn erfunden wurden. Im Kinofilm "Das Wunder von Bern" trat er als jener Sportreporter auf, der Sepp Herberger den berühmten Satz entlockt, der Ball sei rund und ein Spiel dauere 90 Minuten. Er ist der einzige SPIEGEL-Journalist, dem sogar Helmut Kohl öffentlich Respekt zollte.

Aber das Wichtigste, was junge Kollegen wie ich von ihm lernten, war: immer schön auf dem Teppich bleiben.

Im Herbst 1999 hat mich Jürgen Leinemann zum SPIEGEL in die Parlamentsredaktion geholt. Der Bundestag war gerade nach Berlin umgezogen, es regierte Rot-Grün mit den Raufbolden Gerhard Schröder und Joschka Fischer an der Spitze, die CDU taumelte ihrer Parteispendenaffäre entgegen. Selbst für routinierte Journalisten wie Jürgen Leinemann war es eine aufregende Zeit. Für einen Neuling war es der reine Wahnsinn. Ich erlebte, wie eine kleine Meldung ein politisches Beben auslösen konnte und Minister umgehend auf dem Handy zurückriefen, nachdem ich ihnen meine Visitenkarte mit dem roten SPIEGEL-Schriftzug in die Hand gedrückt hatte.

Jürgen Leinemann wusste, was der Hauptstadtbetrieb mit Menschen macht. Als erfahrener Berichterstatter aus Bonn und Washington, aber auch als trockener Alkoholiker kannte er die Wirkung der Droge Politik. Er durchschaute die Machtspiele und Bedeutsamkeitsrituale, die eitlen Inszenierungen der Politiker und das wichtigtuerische Gehabe einiger Journalisten, das Gedrängel um die Spitze und die ständige Angst vor dem Abstieg. Und so kam er eines Tages zu mir ins Zimmer, hörte sich die jüngsten Wahnsinnsgeschichten an und gab mir, ganz beiläufig und ohne erhobenen Zeigefinger, einen seiner Überlebenstipps mit auf den Weg. "Frag dich", sagte er, "was von dir übrigbleibt, wenn das Rote von der Visitenkarte weg ist."

Bei aller Kritik nicht unter die Gürtellinie

Jürgen Leinemann war kein uneitler Mensch. Aber auch als Starjournalist hat er sich in der Redaktion nicht für etwas Besseres gehalten. Älteren Kollegen begegnete er freundschaftlich, den Jüngeren teilnahmsvoll, manchmal väterlich. Er stellte sich höflich jedem neuen Praktikanten und jeder Sekretariatsaushilfe vor. Er mochte Menschen und interessierte sich für ihre Geschichten. So wie er Politiker durchschaute, so präzise war sein Gespür für die Stimmung im Büro. Die Leute vertrauten sich ihm an. Mitunter muss er sich eher als Kummerkastenonkel denn als Büroleiter gefühlt haben.

Für mich war es ein Glück, ihn als Chef zu haben, denn bei ihm gab es über schreiberisches Handwerk ebenso viel zu lernen wie über journalistische Ethik. "Nie darf ein Zweifel daran bestehen, dass ich als Reporter verantwortlich bin für die Realität, die ich mit meiner Geschichte schaffe. Keinen Augenblick behaupte ich: So ist es. Ich sage nur, so sehe ich es", lautete einer seiner Grundsätze. Und obwohl er die härtesten Porträts über Politiker schrieb, wahrte er stets die Grenzen menschlichen Anstands: "Man muss sich auch nachher noch in die Augen gucken können."

Das war wohl auch der Grund, warum er immer die besten Geschichten anschleppte. Politiker wussten, dass Jürgen Leinemann bei aller Kritik nicht unter die Gürtellinie zielen würde. Deshalb ließen sie ihn so nah an sich heran. Wirklich schlimm wäre es nur gewesen, er hätte sich nicht für sie interessiert.

Berichterstattung in der Tradition Rudolf Augsteins

Als Ressortleiter hat Jürgen Leinemann uns jungen Kollegen zugeraten, eine politische Haltung einzunehmen. Das war schon damals altmodisch. Die meisten Journalisten, die sich einem politischen Lager zugehörig fühlten, waren in Bonn geblieben.

Aber Jürgen Leinemann forderte uns auf, eine Geschichte nicht nur gut zu recherchieren, sondern auch zu bewerten und mit einer These zu versehen. Er hat damit die Berichterstattung im SPIEGEL in der Tradition Rudolf Augsteins fortgesetzt, und nicht nur dort: Auch bei der "Süddeutschen Zeitung", bei der "Zeit" und in den Magazinredaktionen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sitzen Journalisten, die bei und von ihm gelernt haben.

Jürgen Leinemann musste sich nie Sorgen darüber machen, was von ihm übrigbleibt, wenn das Rote von der Visitenkarte weg ist. Sein Erbe wird noch lange nachwirken. Er war ein großartiger Reporter, ein Vorbild für viele Journalisten und ein feiner Mensch.

In der Nacht zum Sonntag ist Jürgen Leinemann mit 76 Jahren gestorben. Viele Kollegen werden ihn vermissen, ich auch.

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