Nachwahl in Dresden Nahkampf in der Altstadt

Der verlängerte Wahlkampf in Dresden steuert auf seinen Höhepunkt zu: Parteistrategen rechnen jede Variante des Wahlausgangs penibel durch, endlose Plakatreihen säumen die Straßen, kein Passant ist mehr sicher vor den Nachstellungen engagierter Parteimitglieder auf Stimmenfang.

Von Jens Todt, Dresden


Dresden - Geduldig steht Andreas Lämmel auf dem Bürgersteig vor der Altmarkt-Galerie und parliert mit einer Rentnerin. Das Gespräch ist offenbar gut gelaufen, die alte Dame lächelt und gibt ihm die Hand, bevor sie sich zum Gehen wendet, vielleicht hat der 46-jährige CDU-Kandidat ihre Stimme gewonnen. Lämmel schüttelt viele Hände im Moment, die CDU ist an jedem Tag mit zehn Infoständen im Wahlkreis präsent.

Wahlplakate in Dresden: "Es gibt kein Entrinnen"
AP

Wahlplakate in Dresden: "Es gibt kein Entrinnen"

In Umfragen liegt Lämmel nur knapp vor Marlies Volkmer, seiner Konkurrentin von der SPD. Knapp hundert Meter vom Stand der Union entfernt versucht Grünen-Kandidat Stephan Kühn, Passanten an seinen Stand zu locken. Vor einem grün-weißen Wohnwagen verteilt der Soziologie-Student Faltzettel und Gummibärchen. Es ist nicht viel los an Kühns Stand, vielleicht wurden die Passanten vorher bereits von der CDU aufgehalten. Oder von der Linkspartei. Oder der SPD.

Die Dresdner können ihren Lokalpolitikern derzeit nicht entgehen, sie stehen unter Wahlkampf-Dauerfeuer. In einer wahren Materialschlacht kämpfen die Parteien wenige Tage vor der Nachwahl in der sächsischen Landeshauptstadt um jede Stimme. Kondome von der Linkspartei, Luftballons von der Union, und Spaß haben auf der FDP-Hüpfburg - es gibt kein Entrinnen. Freie Laternenmasten sind momentan eine Rarität in Dresden. Jede Partei hat Plakate nachdrucken lassen, von der Altstadt über die bürgerlichen Stadtteile an der Elbe bis in das Plattenbauviertel Prohlis flankiert bunt bedrucktes Papier die Straßen.

219.000 Dresdner, die durch den plötzlichen Tod einer NPD-Kandidatin zwei Wochen später wählen als die übrigen Deutschen, können das Gesamtergebnis der Bundestagswahl zwar nicht mehr maßgeblich verändern, jedoch weiß man in den Parteizentralen der Hauptstadt um die psychologische Wirkung der sächsischen Abstimmung. Jedes Mandat zählt im Berliner Koalitionspoker.

Komplizierte Lage

Sollte die SPD um ein oder gar zwei Sitze zur Union aufschließen, könnte dies Gerhard Schröders Anspruch auf die Kanzlerschaft untermauern, hoffen die sozialdemokratischen Wahlstrategen. Wenn jedoch die CDU das Direktmandat im Wahlkreis 160 erringen sollte, würde gleichzeitig Angela Merkel in Berlin punkten. Es wird spitz gerechnet in Dresden, die Lage könnte komplizierter kaum sein. Zwar gilt der Wahlkreis 160 eigentlich als CDU-lastig, durch die verspätete Wahl und das Debakel der Demoskopen vor der Abstimmung am 18. September jedoch sind hier alte Gewissheiten und herkömmliche Arithmetik wertlos.

Das deutsche Wahlrecht bringt vor allem die CDU in die Bredouille. Zwar ist man dringend auf die Erststimmen angewiesen, um einen weiteren Direktkandidaten per Überhangmandat nach Berlin zu holen, jedoch würde durch ein zu gutes Ergebnis bei den Zweitstimmen, nämlich mehr als 41.000, gleichzeitig wieder eines wegfallen. Durch den höheren landesweiten Stimmanteil verlöre die CDU ein Überhangmandat. Diese kuriose Situation führt dazu, dass die Dresdner FDP nun eine massive Zweitstimmenkampagne gestartet hat. "Erststimme CDU, Zweitstimme FDP", plakatieren die sächsischen Liberalen, und "Dresden ist schwarz-gelb".

Die CDU hingegen bestreitet jegliche Absprache. "Wenn wir den Leuten das am Stand erklären müssten", sagt Kandidat Lämmel, "würden die denken, dass wir nur noch schachern." So baut man auf die mathematischen Fähigkeiten der Bürger an der Elbe und hofft darauf, dass die Dresdner "einen weiteren Sachsen nach Berlin" bringen möchten. Lämmels Konkurrentinnen Katja Kipping von der Linkspartei und Marlies Volkmer von der SPD seien schließlich bereits über die Landesliste in den Bundestag eingezogen und die 19-jährige Liberale Peggy Bellmann ohnehin chancenlos. Grünen-Kandidat Kühn hält nichts von der Leihstimmenkampagne der FDP: "Die Wähler brauchen keine taktischen Empfehlungen, sie sind kein Stimmvieh", so Kühn, "das wird nach hinten losgehen."

Die SPD könnte im für sie günstigsten Fall neben dem Direktmandat für Marlies Volkmer einen zweiten zusätzlichen Sitz erringen, nämlich dann, wenn die Sozialdemokraten einen Vorsprung von etwa 40.000 Zweitstimmen gegenüber den Grünen erreichen würden. In diesem Fall hätte die Union bundesweit nur noch einen einzigen Sitz Vorsprung vor der SPD, was Gerhard Schröders Verhandlungsposition im Poker um die Führung einer großen Koalition verbessern würde.

Linkspartei-Kandidatin Kipping mit Gysi und Lafontaine: "Psychologische Wirkung"
REUTERS

Linkspartei-Kandidatin Kipping mit Gysi und Lafontaine: "Psychologische Wirkung"

Von Unterstützung für die SPD will Katja Kipping nichts wissen, sie fordert beide Stimmen der Wähler, für sich und ihre Partei. "Die psychologische Wirkung der Nachwahl in Dresden wäre nur dann groß, wenn die Kandidatin der Linkspartei gewinnen würde", sagt die Kandidatin der Linkspartei. "Selbstbewusster als Schröder kann man doch ohnehin nicht mehr werden", so Kipping, "wenn man sogar nach einer Wahlniederlage wie der Sieger herumläuft."

Als die Wahlkreiskandidaten am Abend im Medienkulturhaus Pentacon zu einer Podiumsdiskussion zusammentreffen, stehen dem Moderator Thomas Bärsch von der Sächsischen Zeitung schon vor der ersten Frage an die Politiker Schweißperlen auf der Stirn. Jeder Stuhl im Saal ist besetzt, bis auf den Flur drängeln sich Zuschauer und Journalisten. Die Runde auf der Bühne muss sich jedoch zunächst unerwarteter Konkurrenz erwehren: Kasia Kruczkowski, Kandidatin der Splittergruppe "Bürgerrechtsbewegung Solidarität" (BüSo), fordert vehement ihre Teilnahme an der Diskussionsrunde ein, muss jedoch auf ihrem Platz im Publikum bleiben.

Inhaltlich erfahren die Zuschauer an diesem Abend nicht viel Neues, Wahlprogramme und Positionen sind klar, jedoch zeigt sich rasch, wie der Druck deutschlandweiter Beobachtung den Diskussionsteilnehmern zusetzt. Die Scheinwerfer brennen hell auf die Bühne, die Kandidaten sprechen ins Dunkel, und dort sitzen nicht nur Freunde. SPD-Kandidatin Marlies Volkmer knetet ihre Hände und presst die Knie zusammen, während sie fordert, mehr Geld in die Forschung zu stecken.

Die Kandidaten spähen unsicher in die Menge, sie merken schnell, dass die Veranstaltung unterwandert ist. Immer wieder rufen geschickt im Saal platzierte BüSo-Anhänger dazwischen, Moderator Bärsch hält wacker dagegen. Mehrmals fordert er das Publikum zu Fairness auf, nach einer halben Stunde hat sich bei ihm auch zwischen Oberlippe und Nase ein feiner Schweißfilm gebildet.

Katja Kipping sitzt direkt neben dem leidenden Moderator und nimmt ihre Sabine Christiansen-Position ein. Lässig zurückgelehnt, fein lächelnd und mit zusammen gekniffenen Augen schlägt sie den Kunstpelzkragen ihrer Jacke hoch. Sie kennt das Spiel, als stellvertretende Bundesvorsitzende ihrer Partei ist sie Medienauftritte gewohnt, der Saal ist zu klein, um sie zu verunsichern. Bärsch liefert allen Kandidaten eine Steilvorlage, indem er sie nach drei wichtigen Projekten für Dresden fragt. Von Verkehrsinfrastruktur ist dann die Rede, vom Kampf gegen Nazis, von der Ausbildungsplatzabgabe und frühkindlicher Bildung.

Details sind nicht gefragt

Komplizierte Details sind nicht mehr gefragt im Endstadium des Wahlkampfes. Ein Zwischenrufer verliert die Beherrschung, er könne keine Zahlen und Prozentangaben mehr hören, man solle doch bitte zum Wesentlichen kommen. Er will die großen Menschheitsfragen von der Bühne des Medienkulturhauses Pentacon aus gelöst sehen. Hartz IV, Arbeitslosigkeit und der Weltfrieden - Dresden wird langsam ungeduldig. Niemand lacht, als ein Zuschauer die Kandidaten fragt, wie sie dazu stünden, den Ölpreis einzufrieren. Den Ölpreis einfrieren. Weltweit. Vom Wahlkreis 160 aus.

Der Wahlkampf dreht sich im Kreis, er überhitzt - genau wie der arme Moderator auf der Bühne. In dieser Woche wird die Parteiprominenz in der sächsischen Landeshauptstadt erwartet. Gregor Gysi und Oskar Lafontaine werden Reden halten, genau wie Angela Merkel, Renate Künast, Guido Westerwelle und Gerhard Schröder. Sie werden auf die deutschlandweite Bedeutung der Dresdner Stimmen hinweisen, ein letztes Mal.

Mehr Dresdner als jemals zuvor haben Briefwahl beantragt, sie wollen es offenbar hinter sich bringen. Als die Veranstaltung im Pentacon zu Ende geht, dringt Gesang aus dem Innenhof in den Saal im zweiten Stock. Fünf BüSo-Aktivisten stehen unten auf dem Parkplatz, sie singen "Die Gedanken sind frei", im Saal stehen mehrere Sympathisanten auf und stimmen in den Gesang ein. Am Sonntag ist der Wahlkampf beendet. Die Dresdner haben es sich verdient.

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