Nato-Militärs in Deutschland "In der Türkei riskiere ich, gefoltert zu werden"

Rund 40 türkische Nato-Soldaten haben in Deutschland Asyl beantragt. Im SPIEGEL und in "Report Mainz" erklären sie erstmals öffentlich, warum sie nicht in ihre Heimat zurückwollen.

Türkische Nato-Offiziere
DER SPIEGEL

Türkische Nato-Offiziere

Von , Brüssel


Der Fall ist heikel. In der Bundesregierung wagt kaum jemand, offen darüber zu sprechen. Auch die betroffenen Ämter schweigen eisern. Etwa 40 türkische Nato-Offiziere, die von den Säuberungsaktionen in ihrem Land erfasst wurden und ihre Posten in deutschen Nato-Einrichtungen aufgeben mussten, haben in Deutschland Asyl beantragt (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL).

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Heft 5/2017
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Obwohl die Anträge zum Teil schon seit Monaten vorliegen, hat sich nichts getan. Jetzt wächst der Druck auf die Bundesregierung, eine Grundsatzentscheidung herbeizuführen. "Es gibt keinen Zweifel, dass wir diese Soldaten nicht in die Türkei zurückschicken können", sagt der CSU-Innenpolitiker Stephan Mayer. "Sie würden dort sofort im Gefängnis landen."

Der CDU-Abgeordnete Norbert Röttgen, Chef des Auswärtigen Ausschusses, sieht das ähnlich. "Das Asylverfahren ist rein rechtlich, politische Erwägungen dürfen dabei keine Rolle spielen und werden es auch nicht."

Für Angela Merkel kommen die Forderungen zur Unzeit. Die Kanzlerin will am Donnerstag in die Türkei reisen, ihre Hauptsorge ist, dass der Flüchtlingsdeal hält. Streit über die geschassten Soldaten kann sie nicht gebrauchen.

Wie empfindlich Ankara in dieser Angelegenheit reagiert, hatte sich zuletzt am Freitag gezeigt: Das oberste Gericht Griechenlands hatte die Auslieferung von acht türkischen Soldaten untersagt, weil sie in ihrem Land kein faires Verfahren zu erwarten hätten. Die türkische Regierung hatte Athen daraufhin vorgeworfen, Putschisten zu decken.

SPIEGEL-Redakteur Peter Müller und SWR-Kollegin Monika Anthes im Gespräch mit zwei türkischen Nato-Offizieren, die in Deutschland Asyl suchen
SWR

SPIEGEL-Redakteur Peter Müller und SWR-Kollegin Monika Anthes im Gespräch mit zwei türkischen Nato-Offizieren, die in Deutschland Asyl suchen

Im Gespräch mit dem SPIEGEL und dem ARD-Politmagazin "Report Mainz" treten nun zwei Offiziere erstmals an die Öffentlichkeit. Sie wollen klarmachen, warum sie nicht in ihre Heimat zurückkehren wollen. "Wenn ich in die Türkei zurückgehe, riskiere ich, verhaftet und womöglich gefoltert zu werden", sagt ein hochrangiger Offizier. Mit dem Putschversuch in der Türkei hätten sie nichts zu tun, betonen die Soldaten.

"Wir stehen vor dem Nichts", sagt einer. "Glauben Sie mir, ich habe keine Sympathien für die Putschisten." Die Soldaten unterstellen dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, prowestliche Haltungen von Türken im Militär abstrafen zu wollen. "Die Soldaten, die von den Säuberungen betroffen sind, haben eines gemeinsam", sagt einer der Offiziere, "wir sind erfolgreich, westlich ausgerichtet und stehen für einen säkularen Staat."

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) sowie das Bundesinnenministerium betonen, der Fall der Offiziere werde behandelt wie andere Asylfälle auch.

Der Bericht von "Report Mainz" wird am 31. Januar um 21.45 Uhr in der ARD ausgestrahlt.

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