Naumanns Protest-Brief an Beck "Du hast Urtugenden auf die Probe gestellt"

Vier Seiten voller Enttäuschung und Wut: Hamburgs SPD-Spitzenkandidat Michael Naumann zeigt in seinem Protest-Brief an Parteichef Beck wenig hanseatische Zurückhaltung. Becks Kuschel-Kurs mit der Linken habe "uns womöglich auch den Wahlsieg gekostet", schreibt Naumann.

Berlin/Hamburg - Frontalangriff auf Kurt Beck. In einem vier Seiten langen Brief vom vergangenen Dienstag rechnet der SPD-Spitzenkandidat Michael Naumann mit seinem eigenen Parteivorsitzenden und dessen Strategie der Öffnung in Richtung Linkspartei ab. Das Schreiben liegt dem SPIEGEL vor. Es ist ein Dokument der Enttäuschung und der blanken Wut.

"Deine Bemerkungen", schreibt Naumann an Beck, haben "nicht nur meine eigene Glaubwürdigkeit, sondern auch die der Hamburger SPD aufs Spiel gesetzt". Für alle Hamburger Genossen sei klar, dass sie zu einem Stimmenverlust von zwei bis drei Prozent geführt hätten. Der gesamte Vorgang "hat uns womöglich auch den Wahlsieg gekostet", so Naumann. "Dies ist nicht nur meine subjektive persönliche Einschätzung, sondern die Meinung der vielen älteren Freunde, die uns während des Wahlkampfs unterstützten (u.a. auch mit beträchtlichen Spenden)."

Naumann lässt seiner Enttäuschung freien Lauf: "Deine Bemerkung hat dazu geführt, dass in den letzten Tagen unseres Wahlkampfs nicht nur die Springer-Presse, sondern auch alle anderen Medienvertreter ihr Hauptinteresse vom Inhalt unseres Wahlkampfs – also soziale Gerechtigkeit, Bildung, Mindestlohn usw. – verlagerten auf meine Glaubwürdigkeit und die der Hamburger SPD, ja der gesamten SPD selbst." Und: "Was die SPD über fast anderthalb Jahrhunderte als älteste sozialdemokratische Partei der Welt zusammengehalten hat, waren in letzter Instanz die schöneren Schwestern von Parteidisziplin namens Solidarität und Loyalität. Was mich persönlich betrifft, hast Du diese beiden Urtugenden auf die Probe gestellt."

Ausdrücklich macht Naumann klar, dass er den neuen Kurs einer Öffnung in Richtung Linke für fatal hält. "Statt mit jener Geduld weiter zu arbeiten, die unser – und doch auch Dein! – Hamburger Programm charakterisiert, hast Du aus riskantem Kalkül und vor allem zum falschen Zeitpunkt das Tor für die Linkspartei in Westdeutschland zum Einzug in die scheinbare Respektabilität geöffnet."

Zum Schluss bemüht Naumann ein Bild aus dem Sport: "Unter uns Fußball-Fans: Im Augenblick kommt mir unsere SPD-Mannschaft wie ein Team vor, das sich nicht zwischen Raum- und Manndeckung entscheiden kann. Dann hagelt es Tore."

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