Nazi-Aussteiger Fischer Blinder Aktionismus gegen Rechts

Seit Anfang der Woche hat das Bundesamt für Verfassungsschutz eine Hotline für aussteigewillige Rechtsextremisten geschaltet. Der ehemalige Neonazi Jörg Fischer bezeichnet im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE die Maßnahme als blinden Aktionismus.



SPIEGEL ONLINE:

Wie bewerten Sie die Hotline-Aktion des Bundesverfassungsschutzes? Macht sie Sinn?

Jörg Fischer: Ich glaube, dass es alleine auf Grund des Anbieters nicht sinnvoll ist und in die falsche Richtung geht. Die Hemmschwelle, sich beim Verfassungsschutz zu melden, ist sehr hoch. Damals, als ich ausgestiegen bin, wäre sie auch sehr hoch gewesen. Bis zum heutigen Tag habe ich nicht die geringste Veranlassung, mit dem Verfassungsschutz zusammenzuarbeiten. Von seiner Aufgabe und von seinem Selbstverständnis her ist er immer auch auf der Suche nach Mitarbeitern. Die Aufgabe von Verfassungsschützern war es nie, Leute da rauszuholen, sondern Leute da drinzuhalten, die ihnen Informationen beschaffen können.

SPIEGEL ONLINE: Das Ganze also ein Riesen-Bluff?

Jörg Fischer: Ich bezweifle die Befähigung, die Motivation des Verfassungsschutzes und die Erfolgaussichten dieser Hotline. Das Ganze ist eher blinder Aktionismus.

SPIEGEL ONLINE: In Rheinland-Pfalz gibt es ja schon eine solche Hotline - mit mäßigem Erfolg.

Jörg Fischer: Das bestätigt mich in der Einschätzung der bundesweiten Aktion. Man sollte sich da wirklich überlegen, ob das was bringt und ob es nicht sinnvoller wäre, Institutionen zu nutzen, die schon seit Jahren in dem Bereich arbeiten und bei denen die Hemmschwelle niedriger ist. Ein Beispiel ist das Berliner Projekt "Exit". Solche Institutionen sind näher dran und haben schon in diesem Bereich gearbeitet, als andere noch unter Kurzsichtigkeit und Schwerhörigkeit gelitten haben. Zudem sind ihre Mitarbeiter psychologisch geschult und können die Erfahrungen der Betroffenen besser nachvollziehen.

SPIEGEL ONLINE: Andere Anstrengungen gehen dahin, die Leute in der Szene gezielt anzusprechen. Ist das eine sinnvolle Alternative?

Jörg Fischer: Da muss man sehr genau differenzieren. Spreche ich jemanden an, der nur Mitläufer oder Neuling in der Szene ist, dann kann das durchaus Erfolg haben. Spreche ich aber jemanden an, der schon in der Szene drin ist, funktioniert das nicht. Jemand, der Drogen nimmt oder in einer Sekte mitmacht, wird auch nicht bekehrt, indem man auf ihn einredet wie auf eine kranke Kuh. Wichtig ist wirklich, dass der Impuls von den Rechten selber kommt.

SPIEGEL ONLINE: Einfach nur abwarten und darauf spekulieren, dass sich irgendwann mal jemand selbst aus der Szene meldet, dürfte aber auch nicht das richtige Konzept sein.

Jörg Fischer: Bei den Führungskadern gibt es keine andere Alternative: Die müssen den ersten Schritt machen. Wenn ich blind von etwas überzeugt bin - und das sind die Kader in der Regel - muss ich mich zunächst im Innern von meiner rechten Weltanschauung distanzieren. Wenn mir etwas von außen eingeredet wird, und das auch noch verbunden mit sozialen Versprechungen, dann ist dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet.

SPIEGEL ONLINE: Im Vorfeld der Hotline-Schaltung wurde berichtet, die Szene sei über die Aktion verunsichert. Können Sie das bestätigen?

Jörg Fischer: Es gibt eher Verhöhnung als Verunsicherung. Auf den Internetseiten der Szene wird nur noch von der 100.000 Mark-Show des Herrn Schily gesprochen. Das Problem ist, dass das Konzept nicht aufgeht, weil es nicht der Logik der Szene entspricht. Ich hätte es vor meinem Ausstieg auch brüsk abgelehnt, mir meine Gesinnung abkaufen zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie bewerten Sie den Stellenwert von Aussteigerprogrammen im Kampf gegen den Rechtsextremismus?

Jörg Fischer: Aussteiger-Programme sind nur ein kleiner Teil. Wichtig sind auch Präventivmaßnahmen in den Schulen - und zwar frühzeitig. Die Szene fängt an, auch Zehnjährige zu rekrutieren. Dann darf die Präventionsarbeit nicht erst bei 15 anfangen. Zudem ist die Konfrontation von überragender Bedeutung. Man muss dort Widerstand zeigen, wo Neonazis auftreten.

SPIEGEL ONLINE: Ist das alles?

Jörg Fischer: Solange der Staat und die Gesellschaft selber die starke Neigung hat, Inhalte der Rechtsradikalen zu übernehmen und mit Stichworten wie "Leitkultur oder "Ich bin stolz ein "Deutscher zu sein" die Hemmschwelle herabzusetzen, so lange kann der Staat nicht mehr machen. So lange doktert er an den Symptomen herum.

Die Fragen stellte Marion Kraske

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.