Negativrekord Kinderarmut steigt dramatisch an

Der Bericht des Kinderhilfswerks ist alarmierend. Die Zahl der armen Kinder ist demnach innerhalb von 40 Jahren um das 16-fache gestiegen - Deutschland hält unter Industrienationen den Negativrekord. Die Folgen sind dramatisch: ungesunde Ernährung, soziale Isolation, ein Leben ohne Chancen.


Berlin - Die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosigkeit geht zurück - aber immer mehr Kinder in Deutschland leben in Armut: Der Kinderreport Deutschland 2007, den das Kinderhilfswerk heute vorstellte, untersucht die Kinderarmut seit 1965. Ergebnis: Vor 42 Jahren war demnach nur jedes 75. Kind unter sieben Jahren zeitweise oder dauerhaft auf Sozialhilfe angewiesen, 2006 war es jedes sechste Kind. Das bedeutet, dass sich die materielle Armut von Kindern etwa alle zehn Jahre verdoppelt habe. Besonders betroffen sind demnach Kinder aus Einwandererfamilien.

Armut in Deutschland: Jedes dritte Kind war im Jahr 2004 bei seiner Einschulung therapiepflichtig
DPA

Armut in Deutschland: Jedes dritte Kind war im Jahr 2004 bei seiner Einschulung therapiepflichtig

Besonders dramatisch haben sich laut Kinderhilfswerk die Hartz- IV-Gesetze vor knapp drei Jahren auf die Situation der Kinder ausgewirkt: Die Zahl der auf Sozialhilfe angewiesenen Jungen und Mädchen habe sich dadurch auf mehr als 2,5 Millionen verdoppelt, sagte der Präsident des Kinderhilfswerks, Thomas Krüger. Laut Report gelten mittlerweile 14 Prozent aller Kinder offiziell als arm. Schätzungsweise 5,9 Millionen leben in Haushalten mit einem Jahreseinkommen der Eltern von bis zu 15.300 Euro - das seien rund ein Drittel aller kindergeldberechtigten Kinder.

Fehlende Bildungschancen programmieren "Armutskarrieren"

Für die steigende Kinderarmut machte Krüger eine "kurzsichtige Politik" verantwortlich und forderte einen "schnellen und radikalen Paradigmenwechsel in der Familien- und Kinderpolitik". Die Bundesregierung müsse ein nationales Programm zur Bekämpfung von Kinderarmut erarbeiten und ein umfangreiches Maßnahmenpaket mit konkreten Zielvorgaben vorlegen. Darüber hinaus solle die im Steuersystem verankerte Benachteiligung von Familienhaushalten mit Kindern aufgehoben und das Kindergeld zu einer eigenständigen Kindergrundsicherung ausgebaut werden. Betreuungsangebote müssten flächendeckend ab dem zweiten Lebensjahr angeboten, Kinder mit Migrationshintergrund besser gefördert sowie die Gesundheitsvorsorge verstärkt werden.

Die Armut hat dem Bericht zufolge erhebliche Auswirkungen: Sozial benachteiligte Kinder ernähren sich ungesünder, bewegen sich weniger, bleiben immer häufiger in isolierten Wohnvierteln unter sich, ohne gute Schulen, Ausbildungsmöglichkeiten und ausreichend soziale Unterstützung. Zudem seien gerade die vielfach fehlenden Bildungschancen ein Problem, das "Armutskarrieren" programmiere.

Gravierende Folgen für die Volkswirtschaft

"So gehen wichtige Potentiale der Kinder und Jugendlichen verloren", sagte Krüger. Das werde mittelfristig gravierende Folgen auf die volkswirtschaftliche Leistung haben. Laut Report wies jedes dritte Kind bei seiner Einschulung 2004 therapiepflichtige Entwicklungsstörungen oder Verhaltensauffälligkeiten auf.

Jedes vierte Schulkind habe die Schule "ohne Beherrschung des Mindestmaßes an Kulturtechnik" verlassen, die selbst Hilfsarbeiten voraussetzen - mit stark steigender Tendenz. Deutschland nehme wegen seiner Familien- und Bildungsverarmung im Kreis der Industrienationen eine negative Spitzenstellung ein. Nach Ansicht des Kinderhilfswerks wurzelt die Familienmisere vor allem im deutschen Steuer- und Sozialsystem. Familien werde ein Übermaß an öffentlichen Abgaben abverlangt.

Laut Familienbericht von 2006 machten die öffentlichen Ausgaben für Familien im EU-Durchschnitt einen Anteil vom Bruttoinlandsprodukt von 2,1 Prozent aus. Dieser Wert liege für Deutschland bei unterdurchschnittlichen 1,9 Prozent.

Im Kinderreport sind zahlreiche wissenschaftliche Beiträge zusammengestellt. Beleuchtet werden die Lebensräume sozial benachteiligter Kinder sowie die Aspekte Kinderarmut, Medien, Gesundheit und Ernährung. Ein weiterer Schwerpunkt bildet die Sicht auf Kinder mit Migrationshintergrund.

anr/AP/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.