Nein zu Jamaika und Ampel Grün und Gelb - das beißt sich

Die Volksparteien CDU, CSU und SPD sind für fast jedes Bündnis zu haben - doch Grüne und FDP setzen auf Blockade. Ampel und Jamaika lehnen die Kleinen vehement ab. Kein Wunder, denn ihre Wähler stammen aus völlig unterschiedlichen Milieus und haben füreinander nur Verachtung übrig.
Von Franz Walter

Freidemokraten

Grünen

Sie werden in den nächsten Jahren wohl mehr und mehr das Zünglein an der Waage parlamentarischer Mehrheits- und Regierungsbildung sein: die und die . Und das womöglich im Paket, sei es in einer Ampel, sei es in den Landesfarben von Jamaika.

Indes: Die beiden Parteien, auf die es ankommt, zieren sich. Die Großen halten sich für (fast) alles offen. Aber Freie Demokraten und Grüne machen ängstlich die Schotten dicht. Jene sträuben sich gegen die Ampel, diese verweigern sich Schwarz-Gelb-Grün. Grün und Gelb - das scheint sich zu beißen.

Das kann man paradox, ja unreif finden. Denn im Grunde geht ein Teil der Ressentiments zurück auf die Pubertät der Hauptakteure in beiden Parteien. Die Jugendkultur vor etwa 30 Jahren war geteilt in - wohl mehrheitliche - "Trittins" und - seinerzeit weniger zahlreiche - "Westerwelles". Die einen gerierten sich sehr links, bekämpften zumindest mit Plaketten und Autoaufklebern die Atomkraft, verbrachten die Kneipenabende auf ziemlich schmuddeligen Sofas, trugen ausgefranste Parkas und lange Haare. Die anderen präferierten für die geselligen Abendstunden die mit teuren Alkoholika gut ausgestatteten Partykeller der Eltern, kleideten sich in gelbe Pullis und nicht ganz billige Kaschmir-Schals, legten Wert auf Façon beim regelmäßigen Haarschnitt und gaben sich betont affirmativ gegenüber dem Staat, der Wirtschaftsordnung, der Leistungsgesellschaft.

Das mag klischeehaft klingen, aber es war eine hunderttausendfach geteilte Alltagserfahrung irgendwo in den Jahren 1973 bis 1983. Auf den Schulhöfen standen die beiden Gruppierungen sorgfältig getrennt in verschiedenen Ecken. Die beiden Kulturen begegneten sich mit herzlicher Abneigung, ja Verachtung. Es spricht viel dafür, dass sich selbst bei kühlen Machtmenschen wie Trittin und Westerwelle, ob sie noch wollen oder nicht, sofort die eingeübten Reflexe ihrer Sozialisationsjahre einstellen, sobald sie sich nur über den Weg laufen.

Viele der damaligen Gegensätze drückten sich also in Habitus, Expressivität und Stilisierung aus. Doch hat sich diese Divergenz bekanntermaßen abgeschliffen. Der frühere Aktivist des Kommunistischen Bundes, Jürgen Trittin, ist mittlerweile keineswegs schlechter gekleidet als der ehemalige Yuppie aus Bad Honnef, Guido Westerwelle. Man wird überhaupt die größte Mühe haben, auf den Versammlungen von Grünen irgendwelche Exemplare einer demonstrativen Gegenkultur zu finden. Schmuddelkinder sind die in die Jahre gekommenen Ökos längst nicht mehr. Sie haben vielmehr - vergleicht man es mit der langen und mühseligen Dauer des Integrationsprozesses der sozialistisch orientierten Arbeiterbewegung - in erstaunlich kurzer Zeit ihren Aufstiegs- und Anpassungsprozess hinter sich gebracht.

Eine Ökopartei der Bildungsbürger

Grob soziologisch betrachtet, stehen die Grünen in der gesellschaftlichen Hierarchie da, wo sich zuvor schon seit dem 19. Jahrhundert die Liberalen sicher platziert hatten: In der arrivierten Mitte der besser Gebildeten und besser Verdienenden. Schaut man noch ein Stückchen differenzierter hin, dann wird man gar konstatieren müssen, dass die Grünen mittlerweile die freidemokratischen Bürger hinter sich gelassen haben, da die grüne Wählerschaft beim Erwerb von hochangesiedelten Bildungszertifikaten weit bessere Ergebnisse erzielen konnte als die Zugehörigen des liberalen Gegenübers.

Die Grünen-Wählerschaft zwischen Rostock und Leipzig, also in den "neuen Bundesländern", hat die Bildungsbürgerlichkeit der Ökopartei während der vergangenen Dekade noch ein beträchtliches Stück ausgebaut. Zwischen den Grünen und der Schicht der Arbeiter ist die Fremdheit hingegen so ausgeprägt wie nirgendwo sonst; in dieser Gruppe hätten Künast und Co. keine Chance, die Fünfprozenthürde zu meistern. Demgegenüber ist der Arbeiteranteil am FDP-Elektorat seit Möllemanns Zeit stattlich gewachsen, vor allem im Osten der deutschen Republik.

Im Protest zu dieser Gesellschaft stehen die Grünen natürlich nicht. Im Gegenteil, sie haben sich seit den späten neunziger Jahren zur Republikpartei schlechthin gewandelt. Eine Umfrage vor wenigen Wochen ergab, dass niemand Deutschland als so gerecht verfasst empfindet wie die Sympathisanten dieser Partei. Und dass die deutsche Sicherheit am Hindukusch verteidigt wird, bezweifeln viele Bürger, am wenigsten aber diejenigen, welche sich zu den Grünen bekennen und die entschiedener als alle anderen für den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr plädieren.

Zwei Lebenswelten prallen aufeinander

Dennoch können sich Grüne und Freie Demokraten auch im Jahr 2009 partout nicht ausstehen. Und natürlich geht das nicht allein auf frühere gymnasiale Fehden und pubertär überhitzte Abneigungen zurück. Es gibt nach wie vor tatsächliche Differenzen. Die grobe soziologische Betrachtung reicht eben nicht. Grüne und Freie Demokraten teilen zwar den gutbürgerlichen Status, aber sie begründen gleichwohl zwei verschiedenartige Lebenswelten im Milieu der Besserverdienenden. Zwischen diesen Welten gibt es bemerkenswert wenig soziale Kontakte und normative Berührungspunkte. Selbst CDU-Wähler stehen den Grünen nachweislich nicht so misstrauisch-ablehnend gegenüber wie die Anhänger von Westerwelle.

Auch die Analysen der Wanderungsbewegungen zwischen den Parteien bei Wahlen ergeben, dass sich zwischen FDP und Grünen faktisch nichts tut. Wer der FDP abtrünnig wird, geht nicht zu den Grünen; wer sich von den Grünen enttäuscht fortbewegt, strebt nicht ins Lager der Freien Demokraten. Bei der FDP geben in den vergangenen Jahren wieder kleinere und mittlere Selbständige politisch den Takt an. Bei den Grünen sind das die Beamten des höheren öffentlichen Dienstes.

In der neuen FDP-Kernanhängerschaft dominiert der Typus des jungen Mannes, der laut damit hadert, das nicht genug Netto vom Brutto bleibt. Im Spektrum der Ökopartei überwiegen akademische Frauen mittleren Alters, denen eine ordentliche sozialstaatliche Infrastruktur und öffentliche Institutionen zur Unterstützung ausbalancierter Lebensmodelle wichtiger sind als kräftige Steuersenkungen für den Einzelnen. Ein stattlicher Anteil der FDP-Wähler beurteilt soziale Unterschiede als durchaus gerecht; bei den Grünen ist diese Weltsicht nur wenig vertreten.

Dreiviertel der FDP-Wähler setzt auf Atomtechnologie

Eben das macht das Problem einer Zusammenarbeit der beiden Scharnierparteien der Mitte wirklich aus: Sie sind sich sozial nah, aber differieren im Ethos, in den Alltagsphilosophien, in ihren orientierenden Deutungsmustern nach wie vor erheblich. Sie unterscheiden sich vor allem dort, wo es ums Eingemachte geht, um die primäre politische Identität. Keine Formation wettert stärker über die vermeintliche Steuerlast in Deutschland als die der Liberalen. Niemand hält demgegenüber die steuerliche Beanspruchung der Bürger für so angemessen wie das grüne Pendant.

Fast alle Grün-Wähler hätten zudem gern sämtliche Atommeiler abgeschaltet; nahezu drei Viertel der FDP-Wähler setzt dagegen eindringlich auf die Atomtechnologie. Grüne Anhänger sind in erheblicher Zahl ehrenamtlich aktiv, in den vergangenen Jahren zunehmend im kirchlichen Bereich. Die jungen Truppen der FDP hingegen kündigen vermehrt - nicht zuletzt wegen der Kirchensteuer - ihre Mitgliedschaft im institutionellen Christentum auf und zeigen wenig Sinn für gesellschaftliches Engagement gleich welcher Art.

Es sind also nicht nur Phantomdifferenzen, welche die beiden Parteiführungen beschwören. In der wohlhabenden Mitte der Gesellschaft haben sich zwei eigene und konträre Lebenswelten entwickelt, nicht in materieller Hinsicht, aber in Hinsicht von Prinzipien, von Einstellungen, in der Sichtweise von dem, was man für wichtig hält, wie man die Entwicklungen interpretiert, welchen Umgang man mit anderen Schichten erstrebt.

Dahinter verbergen sich keine fundamentalistisch entgegengesetzte Ideologien. Aber beträchtliche Unterschiede in der normativ unterlegten Perspektive, was eine gute Gesellschaft ausmacht, lassen sich durchaus erkennen. Und manchmal wünscht man sich, dass solch reale Differenzen der Gesellschaft auch in der Politik stärker zugespitzt und in einen ernsthaft ausgetragenen Streit überführt werden. Nicht alles sollte eingeebnet, planiert, entkernt, nivelliert werden. Die Differenz ist schließlich ein Motor für Produktivität.

So gesehen, muss man tatsächlich nicht zwingend darauf drängen, dass Grüne und Freie Demokraten demnächst den koalitionären Schulterschluss vollziehen.

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