Neonazi-Exzesse in Templin Wegschauen, bis es nicht mehr geht

Ein Mann wird brutal getötet, einem Jungen der Kiefer zertreten: Die Gewaltexzesse junger Neonazis erschrecken Templin. Bürgermeister und Gemeindevertreter sorgen sich um das Image des Kurstädtchens, wollen von der Szene nichts gewusst haben - und weisen jetzt die Schuld von sich.

Von , Templin


Templin/Berlin - Er ist also "ausgetickt". Einfach so. Mehr hat Roman A., 19, bisher nicht zu sagen über jene Nacht in Templin am vergangenen Wochenende, als er einen 16-Jährigen bewusstlos geprügelt hat.

Früher Sonntagmorgen. Der 16-Jährige radelt mit einem Kumpel am Aldi-Parkplatz vorbei, auf dem Heimweg von einer Party. Dort steht eine Gruppe Jugendlicher, ein paar Jungs, ein paar Mädchen. Einer ruft ihnen etwas hinterher. Der Teenager, ein Hip Hopper, wie es heißt, hält an. Er glaubt, jemanden erkannt zu haben.

Roman A., kahl rasierter Schädel, Lederjacke, Tarnhose, reißt den Jungen vom Rad. Er stürzt zu Boden, sein Kopf schlägt auf die Bordsteinkante, er wird ohnmächtig. Roman A. tritt zu: Der Kiefer des Opfers zersplittert.

Roman A. wird am Tag nach der Tat festgenommen. Er ist ein Rechtsextremist, gilt als aggressiv, ein "Intensivtäter seit seiner Kindheit", heißt es bei der örtlichen Polizei.

Das Blut spritzte an der Wand 1,60 Meter hoch

Am "Rande eines Tötungsdeliktes" sei seine Tat anzusiedeln, sagen die Ermittler. Roman A. trug offenbar Turnschuhe. Springerstiefel hätten den Tritt womöglich noch verstärkt. Es hat also nicht viel gefehlt, und es hätte in Templin binnen drei Wochen den zweiten Fall von tödlicher Gewalt gegeben - in einem Gewaltexzess brutaler Neonazis, denen ein Menschenleben nichts wert zu sein scheint.

Am 23. Juli hatten die beiden Rechtsextremisten Sven P. und Christian W. den arbeitslosen Bernd K., 55, in seiner alten Werkstatt an Templins historischer Stadtmauer auf grausame Weise umgebracht. Die beiden sitzen in Untersuchungshaft, sie erwartet eine Anklage wegen Mordes beziehungsweise Totschlags. Vor allem der 18-jährige P. wird eines brutalen Vorgehens beschuldigt, er soll nach einem gemeinsamen Zechgelage wie von Sinnen auf den hilflosen Mann eingetreten haben. Das Blut, so wird erzählt, spritzte 1,60 Meter hoch an die Wand. Die mutmaßlichen Täter versuchten noch, die Leiche anzuzünden.

Wieso solch exzessive Gewalt? Wieso hier, im beschaulichen Templin - der "Perle der Uckermark", dem Kurstädtchen, in dem in den fünfziger Jahren Angela Merkel aufwuchs?

"Ich kenne keine rechte Szene"

Der Weg nach Templin führt über prächtige Alleen. Es ist ein hübsches, herausgeputztes Städtchen mit historischem Zentrum und einem Thermalheilbad. Die Kanzlerin kommt heute noch gern zum Urlaub, so wie Tausende andere Touristen auch. 300.000 Übernachtungen zählt das Fremdenverkehrsbüro jährlich.

Der Tourismus ist es auch, worum sich nun, da sich der braune Schatten über den Ort gelegt hat, die lokale Politik, Verwaltung und Bürger am meisten sorgen.

Templins parteiloser Bürgermeister Ulrich Schoeneich gab nach dem Mord eilig zu Protokoll: "Ich kenne keine rechte Szene." Es ist das immer gleiche Bild, wenn irgendwo Neonazis zuschlagen: Alle sorgen sich um den Ruf - von den Tätern, von der rechtsextremen Szene will keiner etwas gewusst haben.

In Templin liegen inzwischen die Fakten auf dem Tisch. Die Gewalttaten der vergangenen Wochen sind blutige Ausbrüche eines lokalen, in der dritten Generation etablierten rechtsextremen Milieus, in dem es schon lange brodelt.

80 meist junge Rechtsextremisten zählt der Verfassungsschutz zur Templiner Szene. 30 gehören zum harten Kern. Es sind nicht mehr als in anderen Städten Brandenburgs auch. Sie sind nicht besonders organisiert. Doch wenn es darauf ankommt, rotten sie sich in kürzester Zeit zusammen. Was die Szene in Templin so gefährlich macht, gefährlicher als anderswo im Land, ist ihre hohe Gewaltbereitschaft.

"Sie sind gefährlicher als früher"

"Die Hemmschwelle ist sehr niedrig", sagt der Journalist Peter Huth, der das rechtsextreme Milieu in der Uckermark seit langem beobachtet. Es werde immer häufiger zugeschlagen, ohne auch nur ein Wort zu verlieren. Für den einen gehört der Knüppel unter der Jacke zur Routineausrüstung, andere haben stets einen Schlagring in der Tasche, der Alkohol tut sein Übriges. "Sie sind weniger organisiert, dafür aber gefährlicher als früher", sagt auch Templins Polizeichef Harald Löschke.

Auf seinem Internet-Infoportal gegen Rechtsextremismus hat Huth für das erste Halbjahr eine erste Bilanz rechtsextremer Gewalttaten in der Region gezogen. Neun von zehn bekannt gewordenen Delikten in der Uckermark ereigneten sich demnach in Templin:

  • Am 26. Juli versetzt ein stadtbekannter Rechtsextremist auf einem Dorffest im Ortsteil Storkow einem jungen Mann ohne Vorwarnung von hinten einen Faustschlag.
  • Am 25. Mai beschimpfen zehn Männer aus der rechten Szene während eines Festes vermeintliche linke Jugendliche als "dreckige Zecken". Einer von ihnen wird verprügelt.
  • Am 16. Mai attackieren mehrere Rechtsextremisten in einem Garagenkomplex einen Jugendlichen.
  • Am 24. April wird ein Punker in der Innenstadt als "Scheiß Zecke" beschimpft. Unmittelbar darauf knallt eine Faust von hinten an seinen Kopf.
  • Am 19. April schlagen zwei junge Männer aus der rechten Szene einen 19-jährigen Punk - ausgerechnet gegenüber des Krankenhauses.
  • An einer Tankstelle schlägt am 10. Januar der bekannte Rechtsextremist Sebastian F. ohne Vorwarnung einem jungen Mann durch das geöffnete Seitenfenster mit der Faust ins Gesicht.
  • Christian W. beleidigt am 2. Januar im Krankenhaus einen Arzt, stößt ihn an die Wand. Im Juli wird Christian W. zu sieben Monaten ohne Bewährung verurteilt. Drei Tage zuvor hat er gemeinsam mit Sven P. Bernd K. getötet.

Dazu kommen die beiden Bluttaten der letzten Wochen. Die Liste könnte ohne Anspruch auf Vollständigkeit für das Jahr 2007 fortgesetzt werden, die regelmäßigen Hakenkreuz- oder SS-Runen-Schmierereien, sie tauchen erst gar nicht auf. "Nach Mitternacht sind die Neonazis die Herren der Straße", sagt Huth. "Das ist eine Entwicklung, die die Zivilgesellschaft, die Bürger dieser Stadt zugelassen haben." Weil sie nicht hingeschaut haben? Weil sie nicht hinschauen wollten?



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