Neonazi-Opfer Noël Martin Kampf gegen das Vergessen

Heute vor elf Jahren machten Brandenburger Neonazis Noël Martin in Mahlow zum Krüppel. Weil er die Folter der Lähmung nicht mehr aushält, will sich der Brite bald das Leben nehmen. Ist sein Ende der Anfang des Vergessens?

Mahlow - Es ist ein großes Versprechen, das den Besucher begrüßt, der von Norden ins brandenburgische Mahlow einfährt. "Himmel auf Erden", haben sie in großen weißen Lettern auf die tiefblau gestrichene Betonwand gepinselt. Ein paar Meter weiter das ganze noch mal auf Englisch - so dass es Noël Martin auch verstehen würde: "Heaven on Earth" - nachvollziehen könnte er sie nicht.

Für Noël Martin ist Mahlow die Hölle. Elf Jahre ist es her, dass man ihm hier die Würde genommen hat. "Nicht nur für einen Tag, sondern für den Rest seines Lebens", so steht es in seinen Erinnerungen. Noël Martin hat kein Gefühl mehr für die Welt, in die er vor 48 Jahren im lebensfrohen Jamaika geboren wurde. "Wenn du nicht fühlen kannst, kannst du die Welt nicht berühren. Und wenn du sie nicht berühren kannst, bist du kein Teil von ihr."

Es ist der 16. Juni 1996. Der dunkelhäutige Martin, damals 37, hat als Verputzer in dem kleinen brandenburgischen Städtchen vor den Toren von Berlin gejobbt. Die Arbeit ist getan, den letzten Abend hat er mit seinen zwei Kollegen Michael und Arthur in einem Club in der Hauptstadt verbracht. Am späten Abend, gegen elf, fahren sie in Martins Jaguar nach Mahlow zurück, wollen nur eben ihre Sachen holen, dann weiter nach Halle: der nächste Auftrag. Sie halten noch am Bahnhof, von einer Telefonzelle ruft Martin seine Frau Jacqui in Großbritannien an.

Dann pöbeln Neonazis: "Nigger, Nigger". Martins Kumpels ballen die Fäuste, wollen sich prügeln. "Steigt ein", sagt Martin. "Wir ignorieren die Scheißkerle."

Kleinstadtidylle oder braunes Nest

Er fährt los, biegt nach ein paar Metern links auf den Glasower Damm. Er sieht das Abblendlicht im Rückspiegel, ein Auto überholt, dann dieses knarzende Geräusch. Martin verreißt das Lenkrad, der Wagen schleudert gegen einen Baum. "Es gab einen wahnsinnig lauten Knall", erinnert sich die alte Frau, die direkt an der Unfallstelle wohnt und den Rettungswagen gerufen hat. Viel Staub hat sie aus dem Wohnzimmerfenster gesehen, zwei Männer, die aussteigen, Martins Freunde. Martin steigt nicht aus. Er ist vom Hals an gelähmt, weil Sandro R. und Mario P. aus Ausländerhass einen sechs Kilo schweren Stein in die Scheibe seines Wagens schleuderten. Fünf und acht Jahre Haft saßen die beiden Rechtsradikalen ab.

Noël Martin bekam lebenslänglich. Und Mahlow sein Stigma.

Kleine, schicke Häuschen säumen die Straßen, in den gepflegten Blumenbeeten wachen Gartenzwerge und Terrakotta-Schildkröten. Vom nahen Schönefeld dröhnt der Lärm der startenden und landenden Jets herüber, man kämpft gegen den Ausbau des Airports Berlin-Brandenburg International. Der FC Preußen hat einen vorzeigbaren Rasenplatz, beim Metzger gibt es mittags Riesenbulette mit Kartoffelsalat für vier Euro. Die Tanzbar "Lindengarten" hat schon bessere Zeiten gesehen, die jungen Leute gehen aufs Bier ins "Cheers" direkt über dem Griechen, der so heißt, wie ein Grieche in der Kleinstadt heißen muss: "Akropolis". Es ist nicht viel los, aber Berlin ist nicht weit von dieser 10.000-Einwohner-Kopfsteinpflaster-Idylle, die S-Bahn fährt die ganze Nacht bis in die Partyzonen der Hauptstadt. Mahlow, das sind die Probleme und Vorzüge im Speckgürtel des großen Nachbarn.

Aber Mahlow, das ist eben auch das braune Nest, als dass es sich mit dem 16. Juni 1996 ins Gedächtnis vieler eingebrannt hat. Als der Ort, an dem Neonazis einen Schwarzen zum Krüppel machten.

"Wandelndes schlechtes Gewissen"

Es gibt Menschen in Mahlow, die nehmen es ausgerechnet Noël Martin übel, dass ihr Städtchen so ein schlechtes Image hat. Andere haben offensiv für einen besseren Ruf gekämpft, ohne den Rassismus zu verleugnen. Sie haben versucht, Martins Schicksal, das untrennbar mit ihrer Heimat verbunden ist, zu begleiten. Sie haben ihn nach Mahlow eingeladen, am fünften Jahrestag im Juni 2001 kehrte er an die Stelle zurück, an der sein erstes Leben einst endete.

Ein Gedenkstein steht dort, wo die längst gefällte Platane stand, gegen die Martins Auto krachte. In den vergangenen Wochen hat die Gemeinde den Platz gegenüber der Grundschule erweitern lassen, eine richtige Erinnerungsstätte ist nun daraus geworden. Heute wird sie eingeweiht. An einem Lesepult ist die Geschichte des 16. Juni 1996 nachzulesen. Heute Abend wird im evangelischen Gemeindehaus aus dem gerade erschienen Buch Martins gelesen: "Nenn es: mein Leben".

"Noël Martin war nie anklagend, aber trotzdem ist er das wandelnde schlechte Gewissen", sagt Vera Hellberg, 43, von der Arbeitsgemeinschaft "Tolerantes Mahlow", ein Netzwerk engagierter Bürger, gegründet schon vor dem Überfall. Das Netzwerk funktioniert noch heute: zwei, drei Anrufe und ein paar Leute sind zusammengetrommelt. Aber es sind immer dieselben, die etwas auf die Beine stellen: "Die Arbeit lastet auf wenigen."

Noël Martin will sich das Leben nehmen, weil er die Qualen nicht mehr erträgt

Bald wird das schlechte Gewissen nicht mehr leibhaftig sein. Noël Martin will sich das Leben nehmen, weil er es nur noch als Alptraum wahrnimmt. Als SPIEGEL ONLINE ihn vor einem Jahr in Birmingham besuchte, saß da ein einst kräftiger Bauarbeiter mit eingefallenen Schultern, geplagt von Hitze- und Kälteschüben, nur noch ein Funken Kontrolle im rechten Arm, um per Joystick seinen Rollstuhl zu steuern. Dazu Pfleger, die rund um die Uhr jeden Atemzug, jedes Zucken beobachten, ihm den Strohhalm oder die Zigarette in den Mund schieben, ihn kratzen. Keinerlei Intimsphäre - "jede Blähung ist öffentlich", sagt Martin.

Aus dem Fenster kann er das Grab seiner Frau Jacqui sehen, die vor sieben Jahren an Krebs starb. Zwei Tage vor ihrem Tod hatten die beiden an ihrem Sterbebett geheiratet, 36 Sekunden nach dem Ja-Wort fiel Jacqui ins Koma. In ihrem Grab "ist Platz für mich, da will ich jetzt hin".

Eigentlich wollte er am 23. Juli, seinem 48. Geburtstag, in die Schweiz fahren, bei der Sterbehilfeorganisation "Dignitas" zu Musik von Bob Marley und Frank Sintatras "I did it my way" einen tödlichen Giftcocktail trinken. Jetzt hat er den Termin verschoben. Er habe Zeit verloren, sagte er in einem Interview mit dem "Stern", transportunfähig durch eine Druckstelle am Rücken, ein zehn Zentimeter tiefes und sechs Zentimeter breites Loch. Und er müsse noch ein paar Dinge regeln: Sein Haus soll nicht an den Staat, sondern an seine Stiftung fallen, er müsse noch einige Schulden begleichen. "Ich will sauber und rein in die andere Welt treten", sagt Martin.

"Es ändert sich nichts"

Vera Hellberg akzeptiert Martins Entscheidung. Sie ist Physiotherapeutin, weiß um die Schmerzen manch ihrer Patienten. "Es ist würdelos, es ist hart - es ist ganz beschissen." Was ändert sich, wenn Noël Martin geht? Vera Hellberg überlegt lange. "Für mich ist Noël Martin sehr präsent, sehr lebendig, sein Buch erzeugt sehr viel Nähe." Das Opfer sei dadurch Mensch geworden. "Nein", sagt sie dann und holt tief Luft. "Es ändert nichts."

Mehmet Özbek, 27, sieht das anders. Seit fast zehn Jahren ist er Ausländerbeauftragter der Gemeinde Mahlow-Blankenfelde. Ihm fehlt die Auseinandersetzung mit dem bevorstehenden Tod Martins. Er glaubt, dass viele Menschen in Mahlow sich wünschen, das Kapitel Noël Martin könnte endlich geschlossen werden. "Nicht nur ich habe die Befürchtung, dass es so weit ist, wenn er sich das Leben genommen hat. Dass dann auch der 16. Juni bald in Vergessenheit gerät." Niemand lebe schließlich gern mit dem Nazi-Stempel.

Schon gar nicht die, die nach 1996 hierher gezogen sind: Mahlow ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen, schon heute können viele mit dem Namen Noël Martin nicht auf Anhieb etwas anfangen. "Das ist so lange her" - auch dieser Satz fällt häufig, wenn man sich in der Stadt umhört. Oder der Abwehrreflex: "Wir sind kein braunes Nest."

Nein, Mahlow ist kein braunes Nest. Es hat sich viel getan seit dem Anschlag. Die Rechten treffen sich zwar immer noch auf der Treppe vor dem Eingang des S-Bahnhofs, vor allem im Sommer, sie trinken, pöbeln Leute an. Aber die Menschen schauen nicht weg. Man bescheinigt der Stadt eine gute Jugendarbeit, es gibt Schülercafés, Jugendclubs, Bandprojekte, eine Skateranlage ist geplant. Auch eine Antifa hat sich gegründet, Aktivisten und Bürger knibbeln Aufkleber der NPD von Stromkästen, Laternenmasten und Fahrkartenautomaten, hinterlassen ihre eigenen Spuren: "Keine Nazis in die Parlamente", ist überall rund um den Bahnhof zu lesen.

Neonazi-Feier im Nachbarort

Aber dann gibt es sie eben immer noch, diese Fälle, die Mahlow in die braune Ecke rücken, weil man sich bei diesen Gelegenheiten wieder an Noël Martin erinnert. In der Silvesternacht 1997 sprühten Jugendliche einem 15-jährigen Mädchen ein Hakenkreuz auf die Brust. Im Sommer 2000 attackierten andere einen schwarzen Mitarbeiter der Bahn. Und vor ein paar Monaten feierten 200 Neonazis mit der "Heimattreuen Deutschen Jugend" in Blankenfelde auf dem Grundstück einer Gaststätte mit Fackeln, Lagerfeuer und keltischer Musik den "Märkischen Kulturtag".

Noël Martin hat also noch immer guten Grund, an die Mahlower zu appellieren. "Bitte, lassen Sie so etwas nie wieder zu", das hat er ihnen schon im vergangenen Jahr in einem Brief geschrieben. "Und achten Sie bitte darauf, dass ihre Kinder nie jemandem so etwas antun."

Es ist Noël Martins Vermächtnis. "Dieses Vermächtnis müssen wir in seinem Interesse weiterführen", sagt Vera Hellberg.

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