Neonazi-Prozess in Dresden "Wenn ich trinke, mache ich alles mit"

Im Prozess um die sächsische Neonazi-Gang "Sturm 34" haben alle fünf Angeklagten Geständnisse abgelegt. Die Mitglieder der Kameradschaft sollen in der Region Mittweida brutale Überfälle verübt haben - ein Beschuldigter will so betrunken gewesen sein, dass er sich kaum noch an etwas erinnert.

Angeklagter im Landgericht Dresden: "Skinhead-Kontrollrunden" im ländlichen Sachsen
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Angeklagter im Landgericht Dresden: "Skinhead-Kontrollrunden" im ländlichen Sachsen


Dresden - Die Anklageschrift hat es in sich: Unter anderem sollen die Männer bei einem Dorffest mit anderen Neonazis mehrere Punker angegriffen und verletzt haben. Zur Last gelegt wird ihnen auch eine Attacke auf Jugendliche an einer Tankstelle. Dem Richter zufolge handelte es sich insbesondere im letzteren Fall um eine sehr brutale Attacke. Eines der Opfer sei mit Tritten "heftig wie beim Fußball" malträtiert worden und habe Kopfverletzungen sowie einen Fußtrittabdruck am Bauch erlitten. Vor dem Angriff soll die Gruppe das antisemitische Lied "Blut muss fließen" gesungen haben.

Am Freitag legten alle fünf Angeklagten im Dresdner Prozess um die verbotene Neonazi-Gruppe "Sturm 34" Geständnisse ab. Der Vorsitzende Richter am Landgericht hatte ihnen zuvor eine Strafobergrenze von zwei Jahren auf Bewährung beziehungsweise Geldstrafen angeboten, wenn sie sich noch am Verhandlungstag zu den Vorwürfen äußerten.

Den fünf Männern im Alter von 23 bis 31 Jahren wird neben den beschriebenen Straftaten vorgeworfen, die rechtsextreme Kameradschaft aus Mittweida im Frühjahr 2006 mitbegründet zu haben. Im August 2008 waren bereits zwei Rädelsführer von "Sturm 34" zu Haftstrafen verurteilt worden. Bei den aktuell angeklagten Männern handelt es sich um Mitglieder aus der zweiten Führungsebene der Kameradschaft.

Zwei Geständnisse, drei Teilgeständnisse

Die Neonazi-Organisation wurde im April 2007 vom sächsischen Innenministerium verboten. Zum harten Kern zählten laut Behörde 50 Mitglieder und rund hundert Sympathisanten.

In Dresden gestanden zwei Beschuldigte über ihre Verteidiger die gegen sie erhobenen Vorwürfe in vollem Umfang. Drei Männer räumten ein, Mitglieder der Organisation gewesen zu sein, bestritten aber den Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung.

Einer der Angeklagten berief sich auf Erinnerungslücken wegen des Alkohols, der bei den Treffen der Gruppe immer in großen Mengen getrunken worden sei. Wenn er getrunken habe, mache er "eigentlich alles mit", sagte der junge Mann.

Er habe sich auch an sogenannten Skinhead-Kontrollrunden beteiligt, bei denen "Sturm 34"-Mitglieder durch Mittweida gefahren waren, um nach ihnen missliebigen Menschen Ausschau zu halten und sie anzugreifen. Bei den ihm zur Last gelegten Überfällen sei er jedoch entweder nicht anwesend gewesen oder sei erst hinzugekommen, als die Schlägereien fast schon zu Ende gewesen seien.

amz/dpa/dapd



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