Neonazis im Osten Judenhass in der Kinderliga

"Fidschi", "Ausländerschwein", "fick dich, du Jude" - Zitate aus dem Spielbericht des Schiedsrichters eines Fußball-Jugendspiels im sächsischen Wurzen. Der Rassismus in Ostdeutschland hat die Kinderligen erreicht - und Verantwortliche finden alles gar nicht so schlimm.

Wurzen - Das Albert-Kunz-Stadion im sächsischen Wurzen, ein schmuckes Städtchen in der Nähe von Leipzig. "Eine U-Bahn bauen wir, von Chemnitz bis nach Auschwitz...", skandieren etwa 30 Jugendliche aus voller Kehle. Kurz darauf eine umstrittene Abseitsanzeige durch den Linienrichter: "Wink' richtig, sonst ziehen wir dir die Vorhaut runter, du Jude!", rufen einige dem Assistenten der Schiedsrichterin zu. Es ist Himmelfahrtstag, die C-Jugend des "ATSV Frisch Auf Wurzen" spielt zu Hause gegen den VfB Fortuna Chemnitz.

"Du Fidschischwein", "Ausländerschweine", brüllt es zwei Jungen des Gastvereins, beide 14, beim Einwechseln auf dem Rasen entgegen. Sobald sie Ballkontakt haben, ertönen "affenähnliche Laute". "Du Judenschwein, fick deine Mutter, denn die ist Jüdin", muss sich der ebenfalls 14-jährige Torwart aus Chemnitz anhören. Nach der Begegnung heißt es seitens der Gastgeber: "Spielt das nicht so hoch... Solche Gesänge kommen doch bei jedem Fußballspiel vor."

Die Zitate stammen aus dem Sonderbericht der Leipziger Schiedsrichterin Christine Weigelt, die das Spiel leitete. Zusammen mit weiteren schriftlichen Aussagen von Zeugen liegt das Papier beim Chef der Polizeidirektion Westsachsen, Bernd Merbitz. "Aufgrund des Berichtes ermitteln wir von Amts wegen. Die Kriminalpolizei und der Staatsschutz befassen sich damit", erklärt er. Und schiebt in aller Deutlichkeit hinterher: "Wir nehmen die Sache sehr ernst."

Was er nicht sagt: Nur weil Schiedsrichterassistent Henry Lickfeldt bei der Polizei anrief, hat die Sache überhaupt ein Nachspiel. "Sonst wäre der Vorfall vielleicht gar nicht bekannt geworden, wie so oft", meint Martin Endemann vom Bündnis aktiver Fußballfans (BAFF) in Hanau. Das Bündnis setzt sich für mehr Toleranz und Fairness unter Fußballfans aller Vereine in Deutschland ein und versucht, jegliche Form von Ausländerfeindlichkeit zu bekämpfen. Endemann weiß: "Schiedsrichter schauen in solchen Situationen öfters weg, um keinen Ärger zu bekommen. Diese Erfahrung haben wir über Jahre gemacht."

"Schon zu Spielbeginn war die Gruppe, aus der die Rufe kamen, alkoholisiert", erzählt Schiedsrichterassistent Lickfeldt. "Braune Glasflaschen machten die Runde. In der zweiten Spielhälfte gab es eine längere Spielunterbrechung, weil es einem Zuschauer aufgrund fehlender Ordnungskräfte gelang, mit einer Bierflasche in der Hand in die Zone der Chemnitzer Bank vorzudringen und dort Wechselspieler und den Trainerstab anzupöbeln."

Trotz mehrfacher Aufforderung durch die insgesamt drei Schiedsrichter hätten die Gastgeber keinen erkennbaren Ordnungsdienst gestellt. Nach dem Spiel sei es in der Schiedsrichter-Kabine zu "unglaublichen Szenen" gekommen. "Der Wurzener Schiedsrichterbetreuer Armin Häring wollte einen normalen Spielablauf gesehen haben. Zudem warnte er die Schiedsrichterin vor einem Sonderbericht. Trainer Mäding hat geäußert: Wenn du schon etwas schreibst, dann mach es nicht so wild, da der DFB eh gerade ganz heiß auf solche Geschichten ist." Lickfeldt pfeift seit 1986, doch so etwas habe er noch nicht erlebt. Da sei der 0:2 Erfolg für die Gäste völlige Nebensache. Noch vor Pfingsten stellte er Strafanzeige wegen Beleidigung und Nötigung.

"Wir werden dargestellt als reine Monster"

"Kein Ordnerdienst vorhanden, rassistische Äußerungen und Feuerwerkskörperabschuss durch Wurzener Anhänger" ist im Spielbericht unter sonstigen Vorkommnissen zu lesen. Für ATSV-Präsident Heiko Wandel, der nach eigenen Angaben am 17. Mai nicht auf dem Spielfeld war, stimmt der Bericht "hinten und vorne nicht". Seine Meinung: "Die Schiedsrichterin war nicht Herrin der Lage. Da wird viel reininterpretiert", meint er. "So was hat's bei uns noch nie gegeben. Wir werden dargestellt als die reinen Monster. Dabei haben wir selber Vietnamesen und Russen unter den Spielern und machen eine gute Jugendarbeit."

15 Nachwuchsmannschaften zähle der Verein, "und es mangelt an Trainern, weil sich bei uns immer mehr Jugendliche melden." Seine anfangs geschilderte Version gegenüber einer Lokalzeitung, bei den Pöblern handelte es sich "um Fremde", vertritt er jetzt nicht mehr. "Es kann schon sein, dass darunter welche aus unserer A- und B-Jugend waren, das wird sich klären."

In Wurzen gab es schon oft rassistische Übergriffe.

Immerhin: Nach dem Match hatte sich der Vater eines Spielers beim Trainer und der Mannschaft aus Chemnitz für das Verhalten der Gastgeber entschuldigt. Präsident Wandel will nun jeden Spieler einzeln zur Rede stellen. Noch für diese Woche berief er einen Elternabend ein. Er findet, "dass sich die Eltern der Jungs, die ausfällig wurden, an die eigene Nase fassen sollten". Schließlich seien es ihre Kinder, die unter Alkohol ins Stadion kamen. Doch sollte es sich bewahrheiten, was dort gerufen wurde, "dann bekommen die eine gehörige Strafe, bis hin zum Rausschmiss, und Aufbaustunden oder so etwas - für die Stadt".

Für Harald Sather, Vorsitzender des Sächsischen Schiedsrichterausschusses und Präsident des Muldentaler Fußballvereins steht fest: "Das muss aufgeklärt werden." Derartige Pöbeleien seien "unterste Schublade". Und natürlich sollte man die ausländischen Spieler respektieren. Sather: "Wer ahnt denn, dass bei einem C-Jugend-Spiel so etwas passiert?"

Dass es um eine Partie von 12- bis 14-Jährigen geht, gibt dem Vorfall in der Tat eine neue Qualität. Bei Spielen der Herren hatte es in Sachsen zuletzt mehrfach Ärger wegen Randale und Pöbeleien rechtsextremer Fans gegeben. Zuletzt hatte der sächsische Fußballverband (SFV) im Februar auf schwere Ausschreitungen in den Amateurligen des Freistaates reagiert und einen ganzen Spieltag - insgesamt 60 Partien - der Sachsenliga und im Kreis Leipzig kurzerhand abgesagt. Auch in Wurzen gab es schon Übergriffe auf Gästefans.

Aber auch der Rassismus auf den Jugendplätzen wird nicht länger totgeschwiegen. Bereits kurz nach dem Vorfall ließ das Sportgericht des SFV einen Spieler des ATSV Frisch Auf Wurzen bis zur Verhandlung sperren. Ihm werden rassistische Äußerungen gegenüber einem vietnamesischen Spieler vom Chemnitzer Verein vorgeworfen. Präsident Wandel hat dafür kein Verständnis. "Das geht zu weit", sagt Wandel, "über ihn halte ich meine Hand. Er hat mir glaubhaft versichert, dass da nichts war." Der Verein werde die Einspruchsfrist nutzen, um gegen die einstweilige Verfügung des Sportgerichtes vorzugehen. "Die Deutschen darf man beschimpfen", kommentiert Wandel den Vorgang, "aber bei einem Vietnamesen wird so was hochgespielt."

Rote Karte für den jungen Vietnamesen

Der junge Vietnamese, um den es geht, erhielt nach dem Spiel eine Rote Karte. Er hatte den Gegenspieler, der ihn beleidigt haben soll, nach Spielende gestoßen. "Ich möchte mich für diese Aktion entschuldigen", schrieb er an den Sächsischen Fußballverband, "aber solche Ausdrücke lasse ich mir nicht gefallen."

Er und ein weiterer vietnamesischer Junge kicken in Chemnitz, in der Stadt, in der Michael Ballack spielerisch groß geworden ist. Sie sind völlig integriert, sprechen akzentfrei deutsch, sind hier geboren und aufgewachsen. Ihr Trainer Dirk Radomski ist gleichzeitig der Vizepräsident des VfB Fortuna Chemnitz. "Meiner Meinung nach ist aus der guten Idee des ATSV Frisch Auf Wurzen, zur Unterstützung ihrer Mannschaft auch Spieler anderer Altersklassen zu mobilisieren, ein Desaster geworden", sagt er. "Man war seitens des Heimatvereins auf solche Vorkommnisse nicht vorbereitet."

Wurzen ist eine Kleinstadt bei Leipzig, etwa 15.000 Einwohner, rund 1700 Arbeitslose. Der beschauliche Ort im Muldentalkreis ist bekannt für seine Kekse, den Dichter Ringelnatz - und für Neonazismus und Antisemitismus in vielfältiger Form. Vor Jahren machte Wurzen als Neonazihochburg Schlagzeilen, in den Neunzigern jagten Skinheads portugiesische Arbeiter, rechtsextreme Schläger überfielen ein Asylbewerberheim. In der Stadt ist ein Versandhandel für Musik und Kleidung mit Zielgruppe ganz rechts außen beheimatet. Im Stadtrat und im Kreistag sitzen Funktionäre der NPD, denen Landrat Gerhard Gey (CDU) Ende April mit einer Abordnung der "volkstreuen" Jugend eine Audienz zum Thema Jugendarbeit gewährte.

Dafür erntete er Kritik, selbst aus seiner eigenen Partei. Wurzens OB Jürgen Schmidt (CDU) wollte sich zu den Vorgängen um das Spiel nicht äußern. Er müsse sich erst schlau machen, sagte er vor Pfingsten am Telefon. Nach einer internen Vereinssitzung schwieg er gegenüber der Presse. Schmidt ist Vizepräsident des ATSV Frisch Auf Wurzen.

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