Neonazis in Bad Nenndorf "Es ist eine Schande"

Ein kleiner Ort wird von Rechtsextremisten geplagt: 850 Neonazis marschieren durch Bad Nenndorf in Niedersachsen, eine Gegendemonstration wurde erst verboten und im letzten Moment doch noch genehmigt. Tausende Polizisten sind im Einsatz - die Einwohner empört.

DPA

Aus Bad Nenndorf berichtet


Sechs Stunden lang sind die Rechtsextremisten in Bad Nenndorf. Straßen und Kreuzungen in dem kleinen Kurort in der Nähe von Hannover sind von Polizei-Hundertschaften abgesperrt. Eine Gegendemonstration wurde erst verboten, schließlich doch noch genehmigt. Rund 2000 Polizisten schirmen die Neonazis ab.

850 Rechtsextreme sind zu dem Aufmarsch gekommen, darunter Anhänger der gewaltbereiten "Kameradschaft 73" aus Celle, aber auch Rechtsextreme aus dem Ruhrgebiet und den Niederlanden. Ihr Ziel: das Winckler-Bad. Dort hatte die britische Armee nach dem Krieg Nationalsozialisten verhört. Weil dabei Insassen misshandelt wurden, sprechen die Neonazis von einem "Trauermarsch" und beklagen "alliierte Nachkriegsverbrechen".

Doch der Marsch der Rechten kann nicht wie vorgesehen starten: Mit einem Kleinbus samt Anhänger schafft es eine Gruppe Gegendemonstranten, die Polizei zu überraschen. Sie stellen eine Pyramide aus Beton auf die Straße, 1,30 Meter hoch, vier von ihnen ketten sich daran fest. Die Polizei kann wenig ausrichten: Das Losschneiden der Demonstranten dauert, der Klotz versperrt den Weg.

"Nazis stoppen", steht auf einem großen Banner, das Einwohner von Bad Nenndorf aufgehängt haben und das den Schriftzug des Wincklerbads verdeckt. Für einen Moment haben sie es geschafft: Ein Bündnis aus Bürgern, Gewerkschaft, Parteien und Kirchen, das zum Protest gegen die "Verdrehung der Geschichte" aufgerufen hat, die sich dagegen wehren, dass die Neonazis "Täter zu Opfern" stilisieren will.

"Es ist eine Schande"

Ursprünglich hatte das Verwaltungsgericht Hannover die Gegendemonstration verboten und nur den Aufmarsch der Neonazis erlaubt. Im letzten Moment genehmigte das Oberverwaltungsgericht Lüneburg doch noch eine zweistündige Kundgebung. Viele Einwohner von Bad Nenndorf sind empört: "Es ist eine Schande, dass diese braunen Horden mehr Rechte haben als wir. Das ist eine katastrophale Entscheidung. Wir werden wie Verbrecher behandelt, unerträglich", sagt Jürgen Uebel. Er hat hier eine Apotheke, ist Mitbegründer der Initiative "Bad Nenndorf ist bunt".

Zusammen mit rund 300 Einwohnern und Kurgästen nimmt er am ökumenischen Gottesdienst teil, den die Katholische und Evangelische Kirche mit der Jüdischen Gemeinde im Kurpark am Samstagmorgen organisiert haben. Dort sitzen auf weißen Plastikstühlen ältere Kurgäste, daneben Familien mit ihren Kindern - und eine Handvoll Jugendlicher mit Dreadlocks, die auf dem Steinboden hockend selbstgedrehte Zigaretten rauchen und Mohnbrötchen mit Karotten essen.

Im gesamten Kurpark stehen Polizei-Einsatzwagen, Reiterstaffeln traben auf den Wegen mit Kieselsteinen, und mittendrin wuselt Marina Jalowaja herum. Die stämmige Mittfünfzigerin ist die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde im Ort. Sie findet den Aufmarsch der Neonazis "entsetzlich". Die Juristin kam vor 16 Jahren nach Deutschland, nie habe sie Angst gehabt, hier zu wohnen, erzählt sie mit ihrem russischen Akzent. Für ihre Gemeinde sei der Aufmarsch der Neonazis eine Katastrophe. Viele ältere Mitglieder hätten die Kriegszeit noch erlebt und müssten jetzt miterleben, wie deutsche Behörden Neonazis einen Aufmarsch genehmigen, sagt sie traurig.

Während des Gottesdienstes herrscht Stille. Die Leute hören der Predigt der evangelischen Pastorin zu und singen zum Abschluss das jüdische Lied "Hevenu schalom alejchem" - "Wir wünschen Frieden euch allen." Der katholische Pfarrer bittet dann gemeinsam mit Bernd Reese, Bürgermeister von Bad Nenndorf, friedlich auf den Weg zur DGB-Kundgebung zu gehen.

Wettrennen durch die Schrebergärten

Rund 1200 Menschen haben sich dort versammelt, um gegen den Gedenkmarsch der Neonazis zu demonstrieren. Jugendliche und ein paar schwarz gekleidete Autonome bestimmen das Bild. Von einem Lkw aus wettert der regionale DGB-Chef Sebastian Wertmüller gegen den "braunen Sumpf", den "unsäglichen Richterspruch" und nennt das Verbot der Gegendemonstration "einen Skandal". "Sie sollen sich verpissen und bleiben, wo sie sind", ruft Wertmüller der Menge entgegen, die klatscht.

Eine Gruppe Autonomer macht sich schließlich in eine Richtung auf, in die sie eigentlich nicht gehen soll: zur Marschstrecke der Neonazis, querfeldein. Auf ein Kommando rennen die schwarz Vermummten los, die Polizei hinterher. Die Einsatzkräfte, selbst nicht ortskundig, wollen die Gruppe einkesseln und suchen auf ihren Karten nach einem geeigneten Ort. Der ist schnell gefunden und heißt Bornstraße - eine Einbahnstraße.

Dort ist man wenig begeistert vom Wett-Trampeln durch die Schrebergärten. Silke Kraus kommt wild gestikulierend in ihrem rosafarbenen Trainingsanzug mit den farblich abgestimmten Hausschuhen auf die Straße gerannt und versucht, die Gegendemonstranten von ihrem Grundstück fernzuhalten. Eine ältere Nachbarin mit grauem Dutt schließt ihren Gartenzaun ab, die Polizei macht ihn wieder auf.

Katz-und-Maus-Spiel

"Antifaschista" schreien die schwarz Gekleideten auf der einen Straßenseite, die Polizisten schauen von der anderen herüber, während sich ihre Kollegen mit den versprengten Gegendemonstranten ein Katz-und-Maus-Spiel liefern. Es ist das altbekannte Demo-Ritual, das hier aufgeführt wird. Aus dem Schutz ihrer Häuser betrachten Anwohner die Auseinandersetzungen in ihren Gärten. Auf Obstbäumen und hinter Brombeerhecken verstecken sich die Linken - doch die Polizei findet sie nach und nach alle. Nur die Gruppe mit der Steinpyramide konnte die Beamten austricksen: Zur Mittagszeit sitzen sie immer noch festgekettet mitten auf der Marschroute. Schließlich umstellen die Beamten die Gegendemonstranten - damit die Rechtsradikalen links und rechts an der Blockade vorbeimarschieren können. Und dabei trommeln.

Bilanz: Vier Beamte wurden durch Fußtritte und eine Fahnenstange verletzt, mehrere Gegendemonstranten in Gewahrsam genommen.



insgesamt 214 Beiträge
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Seite 1
myoto 14.08.2010
1. Sollten wir nicht über sowas stehen?
Eine gesunde Demokratie sollte über sowas stehen können. Bin auch gegen Rechts, aber anderen die Meinung nicht lassen wollen... eine Schande (für beide Seiten!)
gaga007 14.08.2010
2. Es werden Erinnerungen wach ...
Es ist eine Schande für diesen Staat, wie sich Justiz und Polizei um die Rechte der NPD bemühen ! Auch SPD und Grüne kritisierten die Entscheidung des Hannoveraner Gerichts. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) sprach von einem parteiischen Urteil. "Eine solche juristische Parteinahme gegen eine DGB-Versammlung zugunsten einer Neonazi-Versammlung ist angesichts der deutschen Geschichte erschütternd", sagte er. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,711803,00.html Es werden Erinnerungen an die Zeit vor 1945 wach ...
argos 14.08.2010
3. so nicht
Zitat von myotoEine gesunde Demokratie sollte über sowas stehen können. Bin auch gegen Rechts, aber anderen die Meinung nicht lassen wollen... eine Schande (für beide Seiten!)
fhouseman 14.08.2010
4. Realitätsverlust
Eine Schande sind eher Politiker wie Herr Thierse, die autonome Straftaten (auch dieses Mal wurden Polizisten verletzt) erst möglich machen, in dem sie den Tätern eine demokratische Legitimation zu erteilen suchen. Im übrigen waren es laut Angaben der Polizei nicht 1200, sondern 900 Teilnehmer der Gegendemonstration.
RDetzer 14.08.2010
5. Alles richtig gemacht, bis auf eines
Linke Aktivisten machen es sich ein wenig leicht in diesen Tagen. Aller Haß auf das braune Gesindel, nicht wahr. So einfach, so schön und vor allem, schön blind kann ein Weltbild sein. Die Bad Nenndorfer tun einem leid. Wenn man schon falsch herum regiert wird, muß man sich auch noch zum Selbstschutz mit denen zusammen tun, die nichts als linke Hetzparolen in die Welt setzen. Der DGB hat sich in letzter Zeit mehrfach hervor getan, demokratisch ordentlich angemeldete und durchgeführte Demonstrationen unter politischen Vorwänden verbieten zu lassen. Verbietet bitte den DGB, wenn ihr eine gesunde Demokratie haben wollt. Einen faulen Apfel ist man nicht. Einen falschen Staat, wer will so was.
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