Neonazis in Hamburg Rechtsextreme feiern Mai-Krawalle als Sieg

Sie schwärmen vom "erlebnisreichsten, kämpferischsten Einsatz der letzten Jahre": Die Organisatoren des Neonazi-Aufmarsches am 1. Mai bejubeln die Hamburger Randale als grandiosen Erfolg. Auch die linken Autonomen sind mit dem Gewaltausbruch zufrieden. Schelte gibt es für die Polizei.

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Berlin - Beinahe hätte es Tote gegeben - das ist am Tag danach die erschreckende Feststellung der Polizei. Mit Gewalt hatten die Sicherheitskräfte am 1. Mai in Hamburg gerechnet, nicht aber mit diesem Ausmaß von Aggression und Brutalität. Während die Behörden Bilanz ziehen und über Strategien und Gerichtsbeschlüsse streiten, feiern sich Links und Rechts als Sieger der Demo-Schlacht.

"Der nationale Widerstand kämpfte sich erfolgreich durch Barmbek", jubeln die Organisatoren des Neonazi-Aufmarsches auf ihrer Website. Man schwärmt über einen der "erlebnisreichsten, kämpferischsten Einsätze der letzten Jahre", schwadroniert im Kriegsvokabular von der erfolgreichen "Verteidigung" eines S-Bahnhofs gegen die "rote Übermacht", von Frontverläufen und an- und abrückenden Kameraden. "Das linke Gesindel hat trotz zahlenmäßiger Überlegenheit und massiver Bewaffnung zu spüren bekommen, dass der nationale Widerstand wehrfähig ist, wenn es darum geht, sein Recht auf der Straße zu erkämpfen", so die dumpfe Bilanz der Rechtsextremisten. Auch der führende Hamburger Neonazi Christian Worch freut sich auf seiner eigenen Website über einen "ereignisreichen Tag", an dem man erfolgreich agiert habe.

Die Polizei räumte heute ein, besonders von der Aggression des braunen Mobs überrascht gewesen zu sein. Die rechtsextreme NPD fordert bei von ihr getragenen Demonstrationen gewöhnlich ein hohes Maß an Disziplin von den Teilnehmern ein. Der Aufmarsch in Hamburg wurde zwar vom dortigen Landesverband der Partei unterstützt, die Anmelder kamen allerdings aus der gewaltbereiten freien Neonazi-Szene. In der Hansestadt marschierte zudem ein starker Block sogenannter Autonomer Nationalisten mit, die Kleidung und Aktionen linker Autonomer geradezu kopieren. Die rechte Gewalt, die die Situation schließlich eskalieren ließ, ging vor allem von dieser Gruppe aus.

Unter NPD-Funktionären sind die Auftritte Autonomer Nationalisten bei Demonstrationen heftig umstritten. Keine Berührungsängste haben allerdings NPD-Bundesvorstandsmitglied Thomas Wulff - in der Szene nach einem Gründer der Waffen-SS nur "Steiner" genannt - und Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger, Chef der Hamburger NPD. Wulff und Rieger waren gestern beide vor Ort und als Redner vorgesehen. Die Bundes-NPD wollte die Demonstration in Hamburg heute nicht kommentieren.

Hetzjagd auf Journalisten

Wie aktiv die Autonomen Nationalisten die Konfrontation suchten, war schon am Treffpunkt der Rechtsextremen an einem S-Bahnhof im Stadtteil Barmbek zu sehen. Auf Kommando stürmte dort der rechte Mob los, um Jagd auf Journalisten zu machen. Die Polizei wurde in diesem Moment völlig überrumpelt, wie auch einige wacklige Bilder des Angriffs auf dem Video-Portal YouTube zeigen. Von Sicherheitskräften, die sich den braunen Stoßtrupps entgegenstellen, ist dort nichts zu sehen. Die Aufnahmen, offensichtlich von Rechtsextremisten eingestellt, sind mit aggressiver Musik der Hooligan-Band "Kategorie C" unterlegt. "Wir sind in Form", grölt der Sänger, "die Welle der Gewalt reißt uns fort."

Auf einschlägigen Seiten im Internet machen sich Neonazis über die attackierten Journalisten lustig. Unter der Überschrift "Berufsrisiko? Kloppe für linke Journalisten in Hamburg" gibt es Schadenfreude und Häme für die "schroffe Abweisung" der Reporter durch "nationale Demonstrationsteilnehmer".

Auf dem NPD-kritischen Rechtsextremisten-Portal "Altermedia" ist auch vom "Totalschaden einiger Nationalisten" die Rede. Daneben prangt das Foto eines brennenden Ford, dessen Kennzeichen die Ziffernkombination 1488 trägt, ein in der Neonazi-Szene häufig gebrauchter Code. Die 14 steht dabei für den aus 14 Wörtern zusammengesetzten Leitsatz des amerikanischen Rassisten David Eden Lane: "We must secure the existence of our people and the future for white children." Die Doppelacht bezieht sich auf den Code für "Heil Hitler". "Selbstdarsteller oder purer Zufall?", fragt "Altermedia" und konstatiert: "1488 auf dem Autokennzeichen und Demonstration in Hamburg - eine Kombination die nicht gut gehen kann."

"Latsch-Demos haben sich noch nie bewährt"

Das Hamburger Bündnis gegen rechts spricht heute angesichts der Tausenden Teilnehmer bei den Gegendemonstrationen von einem "großen Erfolg der antifaschistischen Bewegung". Bei der Antifa freut man sich, "dass der Aufmarsch der Neonazis zu einem solchen Fiasko wurde". Auf der linken "Indymedia"-Seite sind in den Kommentaren nur wenige kritische Stimmen zu Steinwürfen oder angezündeten Autos zu finden. "Latsch-Demos haben sich noch nie bewährt", heißt es dort eher. Oder: "Das Leben ist kein Ponyhof und Militanz ist, war und bleibt der Schlüssel zum Erfolg!"

Die Entschlosseneren im Antifa-Camp hatten eigentlich darauf gesetzt, den Naziaufmarsch ganz verhindern zu können. Dass dies nicht gelang und dafür die Gewalt dramatisch eskalierte, dafür macht das linke Lager nun Innenbehörde und Sicherheitskräfte verantwortlich. "Als Fazit lässt sich festhalten, dass die Hamburger Polizei den Naziaufmarsch mit etwa tausend Nazis gegen den Widerstand von 10.000 Menschen in Hamburg-Barmbek durchprügelte", heißt es bei "Indymedia".

Die Justizschelte des parteilosen Innensenators Udo Nagel, der dem Oberverwaltungsgericht wegen seines Beschlusses zur Demo-Route eine Mitschuld am Barmbeker Chaos gab, weisen die Gegendemonstranten zurück: "Wenn es nach Herrn Nagel geht, haben Anwohner einen Naziaufmarsch vor ihrer Haustür gefälligst hinzunehmen, und wenn sie dagegen protestieren wollen, dann sollen sie das im Nachbarbezirk machen ..."

Mehrfach habe die Polizei angesichts von Blockaden die Gelegenheit gehabt, den rechtsextremen Zug abzubrechen. Dies sei aber nicht geschehen, stattdessen sei die Strecke unter massivem Wasserwerfereinsatz freigeräumt worden. "Für die Krawalle sind nicht diejenigen verantwortlich, die Anwohnern das Protestieren in ihrem Bezirk erlauben, sondern diejenigen die entscheiden, dass ein Naziaufmarsch um jeden Preis in durchgesetzt werden muss", heißt es in der Bilanz weiter.

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