Neonazis in Niedersachsen Rechtsextreme räumen besetztes Hotel

Zweieinhalb Wochen lang schüchterten sie Anwohner ein, jetzt sind die Neonazis raus: Nach einem Gerichtsbeschluss haben Neonazis ein besetztes Hotel bei Celle verlassen. Doch der Streit um die Immobilie geht weiter, denn ihre Besitzer wollen gern mit NPD-Vizechef Jürgen Rieger ins Geschäft kommen.

Um halb vier am Nachmittag ist es vorbei. Acht zum Teil vermummte Rechtsextreme werden von Autos der Polizei vom Grundstück gefahren - die Neonazis haben aufgegeben, zumindest vorerst. Zweieinhalb Wochen hatten sie das ehemalige Landhotel Gerhus im niedersächsischen Faßberg besetzt, Reichsflaggen gehisst, Anwohner eingeschüchtert und waren mit Hunden Patrouille gelaufen. Widerstand gegen die Räumung, wie zuvor angekündigt, leisteten die Neonazis nicht.

Durchsuchung am Dienstagmorgen: Polizisten vor dem ehemaligen Landhotel Gerhus

Durchsuchung am Dienstagmorgen: Polizisten vor dem ehemaligen Landhotel Gerhus

Foto: A3794 Peter Steffen/ dpa

Der Grund für den taktischen Rückzug: Eine Entscheidung des Landgerichts in Lüneburg - das hatte am Morgen eine Einstweilige Verfügung zur Räumung erlassen. Die Polizei war mit etlichen Beamten vor Ort, Bereitschaftspolizei in Kleinbussen vor dem Gericht aufgefahren. Personenkontrollen mit Metalldetektor sollten für Sicherheit sorgen.

Vor zweieinhalb Wochen hat sich der Hamburger Anwalt und NPD-Vizechef Jürgen Rieger Zutritt zu dem Gebäude verschafft, das unter Zwangsverwaltung steht. Er pocht auf einen umstrittenen Pachtvertrag mit den Eigentümern, deswegen hat er einfach die Schlösser aufgebohrt. Der Zwangsverwalter ging zur Polizei.

Während der Verhandlung betont die Vorsitzende Richterin, Angelika Maiß, man verhandle nicht über die Gültigkeit des Pachtvertrags, sondern nur über den Antrag auf eine Einstweilige Verfügung des Zwangsverwalters, Jens Wilhelm. Der hatte, vom Amtsgericht Celle beauftragt, Ende Mai das Gebäude in Besitz genommen und die Schlösser ausgetauscht - Wochen später kamen die Rechtsradikalen und brachen ein.

Riegers Anwalt hat extra die Besitzer der Immobilie zur Verhandlung mitgebracht. Elfriede Hennies und ihr Sohn Reiner sollen Aussagen, dass der Pachtvertrag vollkommen in Ordnung sei, obwohl er nur einen Tag geschlossen wurde, bevor ihr Hotel unter Zwangsverwaltung gestellt wurde. Aber die Richterin lehnt es ab, sie anzuhören, schließlich wird diese Frage hier gar nicht verhandelt. Maiß stellt fest, dass Riegers Truppe kein Recht hatte, einfach so in das Landhotel einzudringen - deswegen ergeht die Einstweilige Verfügung.

In Faßberg hat die Polizei da schon seit frühen dem Morgen das Hotel nach Waffen durchsucht. Mehrere Dutzend Polizisten, darunter ein Sondereinsatzkommando, waren ausgerückt, weil Beamte am Abend nach eigenen Angaben zuvor einen Schuss auf dem Gelände gehört haben. Die Staatsanwaltschaft Lüneburg entschied sich zum Eingriff. Schon vor einer Woche sollen auf dem Gelände Schüsse gefallen sein.

Bei der Durchsuchung treffen die Beamten auf zwölf Personen - darunter vier Jugendliche aus der Region im Alter zwischen 15 und 17 Jahren. Sie wurden dem Jugendamt Celle übergeben. Waffen fand die Polizei bei ihrem Einsatz jedoch nicht, nur einen Schlagstock und Pfefferspray. Durchsuchungen gab es auch bei zwei Rechtsradikalen in Rotenburg/Wümme und Hannover, die sich an dem Abend am Landhotel Gerhus aufgehalten hatten. Die Polizei stellte drei Schreckschusspistolen, ein Butterflymesser und einen Schlagring sicher.

Am frühen Nachmittag betraten der Anwalt des Zwangsverwalters, ein Gerichtsvollzieher und mehrere Polizisten das Gelände in Faßberg. Sie hatten den Beschluss aus Lüneburg dabei und forderten die acht verbliebenen Rechtsextremen auf, binnen dreißig Minuten ihre Sachen zu packen und freiwillig zu gehen. Rieger selbst ist nicht in Faßberg.

Der Streit um das Hotel geht weiter. Die Neonazis müssen das Hotel zumindest verlassen, bis ein Gericht geklärt hat, ob der Pachtvertrag gültig ist. Dass ein Investor längst 750.000 Euro für die Immobilie geboten hat, aus dem Haus ein Pflegeheim machen will, interessiert die Familie Hennies eher wenig: Die Summe ist den Besitzern zu niedrig, Rieger hat ihnen mehr Geld in Aussicht gestellt. Sollte der Zwangsverwalter Recht behalten und Rieger keinen gültigen Pachtvertrag besitzen, bleibt dem NPD-Vizechef immer noch die Zwangsversteigerung.

Oder er weicht nach Reinsdorf aus. Dort haben die Hennies, wie die "Schaumburger Nachrichten" berichten, bis 1986 das Hotel Salzbach betrieben.

Mehr lesen über Verwandte Artikel