Neonazis und 2. Weltkrieg Bomben über Bauhaus

In Dessau gedenkt man dieser Tage des Bombenangriffs vom 7. März 1945 - die Stadt wurde fast völlig zerstört, mehr als 1100 Menschen starben. In der Stadt an der Mulde wurde das Auschwitz-Gift Zyklon B produziert und Kriegsflugzeuge hergestellt - Erinnerungskultur als Drahtseilakt.

Von und Manfred Schmidt


Bomber im zweiten Weltkrieg: Bauhaus und Zyklon B.
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Bomber im zweiten Weltkrieg: Bauhaus und Zyklon B.

Dessau - Auf der Homepage einer örtlichen Antifa-Gruppe fliegen sie wieder, die Bomber über Dessau. Doch in der Animation ist ihre Fracht nicht tödlich, sie lassen Herzen auf die Bauhaus-Stadt regnen, keine Bomben.

Am 7. März 1945 legten britische Lancaster-Bomber Dessau in Schutt und Asche. Allein 668 der insgesamt 1136 Dessauer Bombenopfer des Zweiten Weltkriegs starben bei diesem Angriff. Die Stadt an der Mulde wurde zu mehr als 80 Prozent zerstört. 60 Jahre danach kann Dessau die Herzen gut gebrauchen. Denn die Erinnerung an die Bombennacht erfordert viel Gefühl. Aber auch einen rationalen Blick auf die Geschichte.

Rechtsextremisten machen sich gerade in diesem Jahr das Gedenken an die Opfer der alliierten Luftangriffe auf deutsche Städte zu Nutze. 60 Jahre Magdeburg, 60 Jahre Dresden, heute kommt die rechte Opfermythoskarawane nun nach Dessau. Zu einem "Trauermarsch", wie es im Demonstrationsaufruf heißt, angemeldet vom bekannten Hamburger Neonazi Christian Worch. Die Antifa will den "Nazi-Aufmarsch smashen", was ihr einen Besuch der Polizei einbrachte. Die sah in den Plakaten einen Aufruf zur Gewalt.

So entschlossen die links-alternative Szene ist, den braunen Zug zum Grab des Kampffliegers Oswald Boelcke zu verhindern, so schwer tut sich die Stadt im Umgang mit dem Marsch der Rechtsextremisten. Ein Verbot, das ließe das Versammlungsrecht nicht zu. Versucht hat man es erst gar nicht. Lauter Protest? Mahnwache? Der parteilose Oberbürgermeister Hans-Georg Otto appellierte schließlich gemeinsam mit dem Stadtrat an die Menschen in Dessau, dem Aufmarsch "keine Beachtung zu schenken und von Gegendemonstrationen möglichst abzusehen, damit das Ziel der Demonstranten, eine breite Öffentlichkeit zu erreichen, weitestgehend ins Leere läuft".

Doch mit Ignoranz wird man des Problems nicht Herr werden. Ralf-Peter Weber, Grünen-Landeschef in Sachsen-Anhalt und Stadtrat in Dessau, spricht von einer "missverständlichen Interpretation" durch den Oberbürgermeister: "Es war von Anfang an klar, dass wir ein Zeichen setzen wollen." Die Fraktion Bürgerliste/Die Grünen unterstützt nun eine Protestkundgebung, die das "Dessauer Bündnis gegen rechts" heute am Anhaltinischen Theater organisiert. Gleiches gilt für die PDS, nach der CDU zweitstärkste Fraktion im Stadtrat. Man wolle dem braunen Spuk mit Zivilcourage begegnen, sagte Fraktionschef Ralf Schönemann.

Bomber aus Dessau über Guernica

Der OB bleibt dabei. Nicht-Beachtung wäre die beste Strategie. Das sieht auch die CDU so, allerdings "auch nicht mehr so ganz", wie Fraktionsvorsitzender Lothar Ehm erklärte. "Wenn jetzt etwas stattfindet, dann sollte man das auch personell unterstützen." Und so werden heute am Theater wohl auch Christdemokraten Flagge zeigen gegen rechts. Hans-Georg Otto empfiehlt aber weiterhin eine Strategie des Wegsehens. Mögliche Krawalle zahle "der Steuerzahler". Er selbst ist heute nicht in Dessau sondern im Lande unterwegs - wegen einer Diskussion zur Gebietsreform.

Die offizielle Gedenkveranstaltung der Stadt Dessau fand am Jahrestag des Luftangriffs selbst statt, am vergangenen Montag. Rund 350 Gäste waren in die überfüllte Marienkirche gekommen. Besonders Filmdokumente, in denen Zeitzeugen sich an das Inferno der Bombennacht erinnern, bewegten die Besucher zutiefst. Genau um 21:49 Uhr, dem Zeitpunkt, an dem vor 60 Jahren die Bomber über Dessau hinwegdröhnten, läuteten die Glocken aller Kirchen der Stadt.

Die Opfer dürfen nicht vergessen werden. Aber auch nicht, dass lange vor dem Feuersturm die Dessauer Synagoge und das jüdische Gemeindehaus brannten, sagte Probst Gerhard Nachtwei. Dass es überwiegend Flugzeuge aus den Dessauer Werken des 1933 von den Nationalsozialisten enteigneten Hugo Junkers waren, die beim Luftangriff der Legion "Condor" auf die spanische Stadt Guernica acht Jahre systematischen Bombenterror gegen die Zivilbevölkerung begonnen hatten, davon war auf der Gedenkveranstaltung in der Marienkirche nur in einem Nebensatz zu hören. Dies gehört aber ebenso zur Geschichte der Stadt wie die Produktion des Schädlingsbekämpfungsmittels Zyklon B in den Dessauer Werken für Zucker und chemische Industrie. Mit zweckentfremdetem Zyklon B aus Dessau wurden Millionen Menschen in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten getötet.

Bauhaus Dessau: Die Nazis vertrieben die Bauhaus-Künstler nach 1933
DPA

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"Geschichte ist nicht teilbar", sagt Steffen Andersch von der Dessauer Forschungsgruppe Zyklon B. "Die Verantwortungsfrage kommt im öffentlichen Diskurs zu kurz." Keine Stadt möchte als Stadt des Zyklon B gebrandmarkt sein, das hat Andersch im sechsjährigen Ringen um den Mahn- und Informationspunkt gemerkt, der am 27. Januar dieses Jahres auf der Brauereibrücke eingeweiht wurde. Begriffe wie "Investoren-" und "Touristenschreck" seien da in Sitzungen des Kulturausschusses von Seiten der Politik gefallen.

Banalisierung der Geschichte

Muss der "historischen Zufälligkeit", wie Andersch die Produktion des Giftgases gerade in Dessau bezeichnet, im Gedenken an die Opfer der Bombennacht mehr Platz eingeräumt werden? Oder reicht es, wenn sie in einem Halbsatz erwähnt wird? CDU-Mann Lothar Ehm und Ralf-Peter Weber von den Grünen nannten die Gedenkveranstaltung "angemessen". PDS-Fraktionschef Schönemann sieht das anders. Zwar sei nicht Terror gleich Terror gesetzt worden. Die Redner hätten dieser Formel allerdings auch nur "halbherzig widersprochen". Persönliches Empfinden bestimmt die Antwort auf die Frage, was angemessen ist und was nicht. Sicher ist, dass Stadtgeschichte im Gedenken an die "eigenen" Opfer nicht banalisiert werden darf.

Aufrichtiges Gedenken droht zuweilen zwischen schamloser Neonazi-Instrumentalisierung und dem linken Vorwurf des Geschichtsrevisionismus unterzugehen, das wurde auch schon in der Debatte um die Erinnerung an die Luftangriffe auf Dresden deutlich. Als die Neonazis durch Dresden marschierten, haben sich die Bürger nicht von ihrer Entschuldungsrhetorik vereinnahmen lassen. Sie haben sie aber auch nicht einfach ignoriert, sondern ihre Botschaft unübersehbar in die Dunkelheit leuchten lassen: "Diese Stadt hat Nazis satt."

"Mit Ignoranz tun wir uns keinen Gefallen", hat Dessaus PDS-Chef und stellvertretende Stadtratsvorsitzende Frank Hoffmann jüngst gegenüber der "Mitteldeutschen Zeitung" gesagt. Ignoranz könne als Wegschauen oder Nicht-Wollen interpretiert werden. Um einer erneuten missverständlichen Interpretation vorzubeugen, schaut Dessau heute nicht weg. Es wird funktionieren. Dresden hat es vorgemacht.



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