Netto-Brutto-Versprecher Pflüger nimmt Merkel in Schutz

Angela Merkels Brutto-Netto-Patzer hat der Union den Wahlkampfauftakt gründlich verdorben. Nun glaubt der CDU-Außenpolitiker Friedbert Pflüger den Schuldigen ausgemacht zu haben: die Medien hätten die Geschichte hochgeschrieben.

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 CDU-Politiker Pflüger: "Lieber einen Patzer als sieben Jahre lang zu patzen"
DDP

CDU-Politiker Pflüger: "Lieber einen Patzer als sieben Jahre lang zu patzen"

Berlin - Zum Auftakt seines Wahlkampfes erklärte der niedersächsische Spitzenkandidat der CDU, Friedbert Pflüger: "Lieber sich einmal versprechen als zigmal Versprechen zu brechen." Es sei "völlig überproportional", wie der "verbale Patzer" der Kanzlerkandidatin Angela Merkel "hochgeschrieben" werde, so Pflüger heute im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Die CDU-Vorsitzende hatte vergangene Woche zweimal in Interviews - in der "Bunte" und in der ARD - Brutto mit Netto verwechselt. So hatte sie in der Illustrierten erklärt, die Union wolle durch Senkung der "Beiträge zur Arbeitslosenversicherung um 2 Prozent" einen Impuls für mehr Wachstum und Beschäftigung setzten. "Das bedeutet für die Arbeitnehmer 1 Prozent mehr Bruttolohn", so Merkel. Ähnliche Äußerungen hatte sie im Sommerinterview der ARD gemacht. In Wirklichkeit verhält es sich aber anders: bei geringeren Lohnnebenkosten steigt für den Arbeitnehmer der Nettolohn - und nicht der Bruttolohn. Die Ausrutscher Merkels hatten SPD und Grüne genüsslich ausgeschlachtet.

In der Union versucht man dieser Tage, sich schützend vor Merkel zu stellen und zugleich Rot-Grün anzugreifen. "Lieber einen verbalen Patzer als sieben Jahre ständig zu patzen", erklärte der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der als ein Vertrauter der Spitzenkandidatin gilt.

Angesichts sinkender Umfragewerte ist bei der Union offenbar zunehmende Nervosität zu spüren. Neben Merkels Versprecher hatten auch die Äußerungen des Brandenburger Innenministers Jörg Schönbohm zu den neunfachen Kindermorden in Frankfurt an der Oder für innerparteilichen Ärger gesorgt. Der CDU-Politiker hatte die Tat vergangene Woche auch als Ergebnis einer "erzwungenen Verproletarisierung" in der früheren DDR zu erklären versucht, sich nach öffentlicher Aufregung kurz darauf aber öffentlich dafür entschuldigt. Aus ihrem Urlaubsort in der Uckermark hatte Merkel vergangenen Donnerstag mit Schönbohm in der Sache telefoniert und ihn zu einer Richtigstellung aufgefordert, die Schönbohm zu diesem Zeitpunkt aber bereits selbst vorgenommen hatte - unter anderem durch ein Interview in der "Bild". Merkel selbst hatte sich am selben Tag von Schönbohms Aussage öffentlich distanziert.

Pflüger räumte heute im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE ein, dass es sich bei Schönbohms Äußerung um einen "schweren Fehler" gehandelt habe. Doch sollte zur Kenntnis genommen werden, dass sich der Innenminister sofort entschuldigt habe. Dabei solle man es auch bewenden lassen, zumal angesichts des "glaubwürdigen Engagements von Jörg Schönbohm für Ostdeutschland".

Pflüger erinnerte daran, dass CDU und CSU vor Wochen die Entschuldigung des SPD-Vizefraktionschefs Ludwig Stiegler für einen an die Adresse der Union gerichteten Auschwitz-Vergleich sofort angenommen hatten. Wenn jetzt Rot-Grün weiterhin Schönbohm angreife, sei dies "nur ein Ablenkungsmanöver", so Pflüger. Das eigentliche Thema seien die "gebrochenen Versprechen von Rot-Grün".



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