Neue Ermittlungen Die Berliner Schaltstelle im Terrornetz

Der Generalbundesanwalt geht einer weiteren Terroristen-Spur in Deutschland nach. Im Fadenkreuz der Fahnder steht jetzt ein Mann, der in Berlin gewohnt und dort offenbar als Kontaktperson des algerischen Islamisten Mohammed Bensakhria fungiert hatte, der vergangenes Jahr in Spanien festgenommen wurde.

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Der Islamist Mohammed Bensakhria bei seiner Festnahme in Spanien im Jahr 2001
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Der Islamist Mohammed Bensakhria bei seiner Festnahme in Spanien im Jahr 2001

Berlin - Die Generalbundesanwaltschaft bestätigte das eingeleitete Ermittlungsverfahren bereits am Mittwoch. Über die Details schwiegen sich die Fahnder hingegen aus und sagten lediglich, dass gegen mehrere Personen ermittelt werde, die der Szene der "nonaligned Mujaheddin" angehörten. Unter diesem Begriff fassen die Fahnder radikale Islamisten zusammen, die keiner bestimmten Terrorgruppe wie al-Qaida oder al-Tawhid angehören, deswegen aber nicht weniger gefährlich sind.

Denn die Fahnder sind sich sicher, dass auch die nicht organisierten Mudschahidin Kontakte zu anderen Terroristen unterhalten. Sie stellen immer wieder fest, dass "irgendwie jeder jeden kennt", wie es ein Sicherheitsexperte ausdrückt. Mit Hochdruck versuchen die Beamten deshalb, sich ein Bild von den Querverbindungen und Strukturen zu machen. So unterhielten die Männer, gegen die Bundesanwalt Kay Nehm jetzt ermittelt, enge Kontakte zum mutmaßlichen Chef der so genannten Meliani-Gruppe. Diese vier Algerier stehen derzeit wegen der Planung eines Sprengstoffattentats auf den Straßburger Weihnachtsmarkt in Frankfurt vor Gericht.

Kontaktmann in Berlin

Hauptverdächtiger in dem neuen Ermittlungsverfahren ist der 29-jährige Algerier Mohammed S., der mittlerweile untergetaucht ist. Die Fahnder wissen seit längerem, dass er enge Kontakte zu dem in Frankreich inhaftierten Mohammed Bensakhria unterhielt. Bensakhria alias Meliani alias Ben Mokhtar alias Mohammed Ziane - um nur einige seiner benutzten Tarnnamen zu nennen - galt lange als Kopf der vor Gericht stehenden Frankfurter Zelle, deshalb trägt die Gruppe in Ermittlerkreisen auch seinen Tarnnamen Meliani. Mittlerweile wird diese Annahme immer fragwürdiger - vor allem weil die Angeklagten in Frankfurt zu diesem Thema beharrlich schweigen.

Bensakhria und sein Umfeld gelten gleichwohl als hoch gefährlich. Die Fahnder wissen, dass der 34-jährige Algerier ein wichtiges Verbindungsglied zwischen verschiedenen radikalen Islamisten ist und vermutlich ein europaweites Netz von kleinen Zellen aufbauen wollte. Außerdem soll er auch Kontakte zur Terrororganisation al-Qaida unterhalten und für diese auch die finanzielle Versorgung in ganz Europa organisiert haben.

Die spanischen Terrorermittler waren auch dem Verdacht nachgegangen, dass der Todespilot Mohammed Atta Kontakte zu Bensakhria unterhielt, da ihnen ein Aufenthalt von Atta in Spanien aufgefallen war, wo sich auch der Algerier zu dieser Zeit aufhielt. Deutschland hat mittlerweile die Auslieferung Bensakhrias beantragt, der 2001 im spanischen Alicante festgenommen worden war.

Falsche Pässe und logistische Hilfe

Wie eng die Verbindung von Mohammed S. zu Bensakhria war, belegen abgehörte Gespräche der beiden Männer. Darin ging es um die Fälschung von Ausweisdokumenten für Personen, die nach Deutschland geschleust werden sollten. Außerdem holte Mohammed S. Post für Bensakhria bei einer der beiden Wohnungen im Berliner Bezirk Wedding ab, die der Algerier offenbar als Basis in der Hauptstadt unterhielt. Die beiden offiziellen Mieter dieser Wohnung gehören ebenfalls zu den Verdächtigen aus dem jetzt bekannt gewordenen Ermittlungsverfahren.

Ob Mohammed S. allein oder gemeinsam mit Bensakhria auch Anschläge oder andere terroristische Aktionen in Berlin oder anderswo in der Bundesrepublik plante, ist ungewiss. Trotzdem gilt er den Fahndern als weiteres kleines Puzzlestück in dem weit verzweigten Netzwerk, das sie zu entwirren versuchen.



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