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Neue Fundstellen Online-Fahnder erhöhen Druck auf Guttenberg

Das Netz kennt keine Pause: Auf der Seite GuttenPlag Wiki sammeln Rechercheure ununterbrochen dubiose Fundstellen aus der Doktorarbeit von Verteidigungsminister Guttenberg. Inzwischen sollen es bereits 76 sein. Rückendeckung bekommt der CSU-Politiker von Kabinettskollegen.

Karl-Theodor zu Guttenberg

dubiosen Ursprung

Berlin - Die freiwilligen Helfer bei GuttenPlag Wiki  sind unermüdlich: Am Freitagmorgen lautete der aktuelle Fahndungstand: 76. So viele Seiten in der Doktorarbeit von Verteidigungsminister sollen Stellen enthalten, die einen zumindest haben. Das wären, so gibt es die Website an, 16 Prozent der Seiten in der Dissertation des CSU-Politikers. Ob es sich tatsächlich um Plagiate ohne eindeutigen Quellenverweis handelt, ist bisher nicht letztendlich geklärt.

Im GuttenPlag-Wiki tragen User in gemeinsamer Anstrengung die bisher bekannt gewordenen Fundstellen zusammen. Außerdem sollen in der "kollaborativen Dokumentation der Plagiate" neue Verdachtsfälle vorgelegt werden, die zum Beispiel in Blogs veröffentlicht worden sind. Nachdem die Initiatoren von dem großen Ansturm auf ihr Projekt überrascht wurden, mussten sie am Donnerstag hastig von einem öffentlich zugänglichen Google-Dokument zu einer leistungsfähigeren Wiki-Plattform wechseln.

Auf der Plattform bemüht man sich um Transparenz, Quellen werden angegeben und verlinkt. Dennoch können die Betreiber der Seite Missbrauch nicht völlig ausschließen: "Diese Zusammenstellung basiert in Teilen auf Berichten aus zweiter Hand. Es kann sein, dass Textstellen nicht korrekt wiedergegeben wurden", warnen sie.

Annette Schavan


Inzwischen eilen Kabinettskollegen Guttenberg zu Hilfe. Als erstes Unionsmitglied der Bundesregierung äußerte sich Bildungsministerin zu den Vorwürfen. Sie warnte vor einem vorschnellen Urteil. "Ich finde, auch Minister haben den Anspruch, nicht vorverurteilt zu werden", sagte sie der "Rheinischen Post". Die stellvertretende CDU-Vorsitzende forderte die Öffentlichkeit zur Geduld bei der Überprüfung der Vorwürfe auf. "Die Universität Bayreuth wird den Vorgang prüfen. Kollege zu Guttenberg hat bereits eine erste Stellungnahme abgegeben."

Wolfgang Schäuble

Am Freitagmorgen sprang auch Finanzminister Guttenberg bei. "Ihm zu unterstellen, dass er die ganze Doktorarbeit abgeschrieben haben soll, wird dem Charakter dieser Arbeit überhaupt nicht gerecht", sagte er im Deutschlandfunk. "Jedem passiert auch mal vielleicht ein Fehler." Er selbst habe die Arbeit einmal gelesen. Er halte Vieles für eine typische Übertreibung der Medien.

Der CDU-Politiker empfiehlt seinem Kabinettskollegen aber: "So rasch wie möglich Klarheit schaffen." Auf die Frage, ob sich Guttenberg entschuldigen müsse, antwortete Schäuble: "Wenn er Fehler gemacht hat, ist er derjenige, so haben wir ihn alle kennengelernt, der auch dazu steht einzuräumen, dass man Fehler gemacht hat." Auf die Frage, ob Guttenberg wegen dieser Affäre zurücktreten müsse, sagte Schäuble nach kurzer Pause, Guttenberg sei ein führungsstarker Politiker der jüngeren Generation. "Wir müssen zunächst einmal warten (...) und den Sachverhalt aufklären."

Auch der parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Christian Schmidt, mahnte, "die Kirche im Dorf" zu lassen. "Ein materielles Plagiat kann ich nicht erkennen", sagte der CSU-Mann dem "Hamburger Abendblatt". Guttenberg werde sich jetzt noch einmal hinsetzen und die Arbeit durchgehen. "Wenn die bisherigen Fußnoten nicht ausreichen, muss es eine zweite, verbesserte Auflage geben."

Kanzlerin soll Guttenberg Rückendeckung geben

Am Donnerstagabend hatte Guttenberg mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) im Kanzleramt gesprochen. Nähere Einzelheiten wurden zunächst nicht bekannt. ZDF und ARD berichteten übereinstimmend, Merkel habe einige Erklärungen von dem Minister verlangt. Wie die Nachrichtenagentur dapd am Freitag in Berlin erfuhr, sagte die CDU-Chefin ihrem Minister Unterstützung zu, sofern er sich zu den Vorwürfen erkläre, er habe Teile seiner Doktorarbeit ohne korrekte Quellenangabe abgeschrieben. Mit einem Rücktritt des CSU-Politikers sei nicht zu rechnen, hieß es auch aus Koalitionskreisen.

In der Opposition werden dagegen bereits Konsequenzen gefordert. Der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Dieter Wiefelspütz, hat Guttenberg für den Fall, dass ihm der Doktortitel aberkannt wird, den Rücktritt nahegelegt. "Mit diesem Makel kann man nicht mehr Minister sein. Das würde auch für jeden anderen gelten." Allerdings sei es noch zu früh für eine abschließende Bewertung der Vorgänge und den Ruf nach Konsequenzen, räumte der Innenexperte ein.

ler/ore/dapd/dpa
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