Fotostrecke

Linksfraktion: Gysis neue Truppe

Foto: KAI-UWE KNOTH/ AP

Neue Linke-Bundestagsfraktion 76 Abgeordnete, noch mehr Meinungen

Die neue Linksfraktion will die treibende Kraft in der Opposition sein - doch die Genossen werden künftig wohl stark mit sich selbst beschäftigt sein. Unter den Parlamentsneulingen sind viele zerstrittene Fundamentalisten und Realos.

Hamburg - Es wird eng im Clara-Zetkin-Saal des Bundestages, wenn sich am Freitag erstmals die Linksfraktion trifft: 76 statt wie bisher 54 Abgeordnete - manche Genossen witzeln bereits, man könne nach der nächsten Wahl den Raum mit dem deutlich größeren der Sozialdemokraten tauschen, wenn es für die SPD weiter bergab gehe.

Linke

Wie sich die Zeiten für die geändert haben: 2002 genoss die damalige PDS nicht mal Fraktionsstatus, zwei Plätze im hintersten Winkel des Plenarsaals waren für die direkt gewählten Abgeordneten Gesine Lötzsch und Petra Pau reserviert. "Die Linke führt die Opposition", kündigt dagegen die Fraktion schon jetzt im Internet an. Dabei ist die SPD mit 146 Abgeordneten fast doppelt so stark wie die Linke, zudem hat die neue Legislaturperiode noch gar nicht begonnen.

Oskar Lafontaine

Gregor Gysi

Es wird eine Art Kennenlerntreffen am Freitag, fast die Hälfte der Abgeordneten ist neu im Bundestag. Wichtige Entscheidungen, wie etwa die Wahl des Fraktionsvorstands, sollen deshalb noch gar nicht fallen. Damit will die Linke bis zur Klausurtagung am 9. und 10. Oktober im brandenburgischen Rheinsberg warten. Es gilt aber als sicher, dass und ihre Arbeit als Fraktionsdoppelspitze fortsetzen werden. "Alles andere wäre Quatsch", heißt es in der Linken.

Sahra Wagenknecht

Offen ist dagegen, wie geschlossen die neue Fraktion auftreten wird. Künftig werden deutlich mehr Genossen vom äußerst linken Flügel der Partei im Parlament sitzen, etwa . Sie zog über die Landesliste NRW in den Bundestag ein. Wagenknecht ist in der Partei nicht unumstritten: Als die Kommunistin vor dem Cottbuser Parteitag im vergangenen Jahr kurzzeitig eine Kandidatur für den Vize-Parteivorsitz in Erwägung zog, sprach sich Gysi vehement gegen einen solchen Schritt aus: "Es wäre das falsche Signal, wenn sie ein Jahr nach der Vereinigung zur Linken etwas geworden wäre, was sie in der PDS nie wurde. Diese Art der Zuspitzung in dieser Situation brauchen wir nicht", sagte Gysi damals.

Auch Andrej Hunko schaffte über die NRW-Liste den Sprung ins Parlament. "Wir brauchen eine neue Kultur des Widerstandes und der Solidarität, wie sie teilweise in Frankreich der Fall ist", warb Hunko während des Wahlkampfes. Und das klang bereits gedämpft im vergleich zu seinen Äußerungen im April. Damals hatte Hunko zu "sozialen Unruhen" aufgerufen. Diese seien "notwendig und wünschenswert".

Weitere Vertreter des linken Flügels schickt etwa der hessische Landesverband in die neue Fraktion: Christine Buchholz gehört der Parteiorganisation Marx 21 an. Das Netzwerk steht nach eigenen Angaben "für die Tradition des Sozialismus von unten". Neu in die Fraktion rückt auch die bisherige Attac-Geschäftsführerin Sabine Leidig. Das langjährige Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) hatte der DDR attestiert, nicht nur ein Unrechtsregime, sondern "auch ein Sozialstaat" gewesen zu sein.

In der Linksfraktion werden aber auch die Reformer gestärkt: So setzte sich Stefan Liebich vom Forum demokratischer Sozialismus als Direktkandidat gegen Wolfgang Thierse (SPD) in Berlin-Pankow durch, auch seine Forumskollegin Caren Lay und die stellvertretende Parteivorsitzende Halina Wawzyniak gehören zur neuen Fraktion. Das Forum demokratischer Sozialismus setzt auf pragmatische Politik und begreift die Linke nicht als Protest-Partei, die sich mit Maximalforderungen unglaubwürdig macht.

Klaus Ernst

Im Karl-Liebknecht-Haus, der Parteizentrale der Linken, ist man sich bewusst, dass die gewachsene Fraktion heterogener sein wird als die bisherige. Eine erfahrene Linke-Abgeordnete erwartet deshalb "schwierige Auseinandersetzungen über Inhalte und Schwerpunkte". In den eigenen Reihen säßen künftig Abgeordnete, die ein "gespanntes Verhältnis zum Parlamentarismus" hätten, sagte die Abgeordnete SPIEGEL ONLINE. Dagegen betonte Parteivize "dass er keine Flügelbildung in der Fraktion" erwarte, es gehe vielmehr um gemeinsame Parlamentsarbeit.

Fundamentalisten und Realpolitiker in der Linken hatten zuletzt heftig über das Programm zur Bundestagswahl gestritten. Es wird damit gerechnet, dass die Konflikte erneut ausbrechen, wenn das Grundsatzprogramm erarbeitet wird.

Lothar Bisky

Lafontaines Ko-Parteichef warnte die Genossen deshalb bereits am Tag nach der erfolgreichen Bundestagswahl vor parteiinternem Zwist: Die Linke könne weiter wachsen, "wenn wir keine gravierenden Fehler machen".

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.