Neue Präsidentin des Zentralrates der Juden Die patente Frau Knobloch

Für Charlotte Knobloch ist ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen: Der Zentralrat der Juden bestellte sie heute zu seiner neuen Präsidentin. Die Münchnerin Knobloch ist die erste Frau an der Spitze der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland.

München - Ihr bisher größtes Projekt ist gleichsam Vergangenheit und Zukunft. Charlotte Knobloch hat es jeden Tag im Blick. Auf ihrem Schreibtisch steht eine Schwarz-Weiß-Fotografie der neuromanischen Münchner Synagoge. Farbaufnahmen gibt es nicht. Auf persönlichen Befehl Adolf Hitlers wurde sie im Juni 1938 abgerissen, als erste Synagoge Europas, fünf Monate vor der Pogromnacht.

Seit ihrem Amtsantritt als Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde von München und Oberbayern im Jahr 1985 kämpfte Charlotte Knobloch um einen Synagogen-Neubau. Sie überzeugte ihre Gemeinde, sie überzeugte die Stadt, sie überzeugte den Freistaat Bayern. Am 65. Jahrestag der Pogromnacht, am 9. November 2003 wurde der Grundstein gelegt für das neue Gemeindezentrum am Münchner Jakobsplatz, gleich neben dem Viktualienmarkt. Im kommenden November nun soll Eröffnung gefeiert werden.

In der Münchner Gemeinde nennen sie den Neubau auch gerne mal "Charlottenburg". Das ist nicht vorwurfsvoll, sondern das ist anerkennend gemeint und voller Dank gesagt. Bei der Grundsteinlegung bemerkte die heute 73-jährige Knobloch, ein Teil von ihr und ein Teil ihrer Koffer sei seit 1938 immer auf der Flucht gewesen. Nun aber werde sie die Koffer öffnen, "und jedes einzelne Teil an den Platz räumen, den ich die letzten 65 Jahre freigehalten habe, denn heute bin ich wieder in meiner Heimat angekommen".

"Meine Großmutter oder ich"

Charlotte Knobloch hat die Shoa überlebt. Nur noch wenige jüdische Deutsche können aus eigener Erfahrung von der Nazi-Zeit sprechen. Als Hitler im Januar 1933 an die Macht kommt, ist die kleine Charlotte gerade erst drei Monate alt. Ihr Vater Fritz Neuland arbeitet als angesehener Münchner Rechtsanwalt.

Als Sechsjährige erlebt sie die Pogromnacht und sieht das jüdische München brennen. Charlotte Knobloch hat keine Kindheit. Sie muss von Beginn an den Überlebenskampf der Erwachsenen kämpfen. Als sie neun Jahre alt ist, sollen Kinder und Ältere deportiert werden, die Neulands sollen ein Familienmitglied auswählen: "Meine Großmutter oder ich", erinnert sich Charlotte Knobloch. Die geliebte Oma ging. "Sie sagte mir, sie würde für einige Zeit verreisen - aber ich wusste doch alles, ich wusste, dass meine Großmutter ins KZ kam."

Der Vater will Charlotte in Sicherheit bringen. Ein ehemaliges Dienstmädchen wird zum rettenden Engel: Mittlerweile die Bäuerin auf einem Hof im Mittelfränkischen, nimmt Zenzi das Kind Charlotte auf, gibt sie als ihre uneheliche Tochter aus. Die Dörfler empören sich über die Unzüchtige, Charlotte aber hat jetzt eine Identität: Sie ist das uneheliche Kind Lotte Hummel, über das die anderen lästern. "Die Boshaftigkeit der Menschen hat mir das Leben gerettet", wird sie sich später erinnern.

Begegnungen mit christlichen Deutschen

Die gläubige Katholikin Zenzi hofft auf die Gnade Gottes für ihren rettenden Dienst an dem jüdischen Mädchen. Sie betet um ihre Brüder an der Front. Beide kehren zurück. Als Charlotte Knobloch ihre Beschützerin später für das Bundesverdienstkreuz vorschlägt, lehnt Zenzi ab: "Ich hab' doch schon meinen Lohn, die Brüder."

Vielleicht sind es auch diese Begegnungen mit Christen in den barbarischen Jahren, die dazu beitrugen, dass viele Verfolgte nach 1945 im Land der Täter blieben, beim Aufbau halfen. Auch der verstorbene Zentralratspräsident Paul Spiegel wurde einst zusammen mit seiner Mutter von einer katholischen Bauernfamilie in Belgien versteckt - und gerettet.

Als junges Mädchen kehrt sie 1945 gemeinsam mit ihrem Vater nach München zurück. Sie besucht die Handelsschule und hilft in der väterlichen Kanzlei. Als 18-Jährige heiratet sie Salomon Knobloch, mit dem sie drei Kinder hat. Vater Fritz Neuland kämpft um das jüdische Leben im Nachkriegs-München, gründet die Jüdische Gemeinde neu. Anfangs finden sich nicht einmal 100 Leute ein. Vor Hitler lebten 10.000 Deutsche jüdischen Glaubens in der Stadt.

Charlotte Knobloch kann zupacken, kann kämpfen

Und deshalb ist die neue Präsidentin des Zentralrats sehr stolz, dass die Münchner Gemeinde mit wieder rund 10.000 Mitgliedern nach Berlin die zweitgrößte in Deutschland ist. Die Erfahrungen in der bayerischen Hauptstadt werden ihr nützen im neuen Amt: Die Integration der aus Osteuropa zugewanderten Juden wird eine ihrer Hauptaufgaben sein.

Ihr volles Haar mutet manchmal an wie eine Löwenmähne. Charlotte Knobloch ist eine patente Dame. Sie kann kämpfen, sie kann zupacken - und sie redet Klartext. Schon vor sechs Jahren wollte sie die oberste Repräsentantin der Juden in Deutschland werden. Nach dem Tod des damaligen Zentralratspräsidenten Ignatz Bubis meldete sie frühzeitig ihre Kandidatur an. Sie unterlag Paul Spiegel, mit 3:6 Stimmen im Präsidium. Knobloch damals: "Ich muss mich damit abfinden, dass ich als Frau nicht die selben Chancen hatte wie ein männlicher Kandidat."

Im Oktober 2000 gab sie der rechten Postille "Junge Freiheit" ein Interview, in dem sie Philosemiten als eine "sehr gefährliche Gruppe" bezeichnete und ihnen damit indirekt eine Form des Antisemitismus unterstellte. Die Empörung war groß, doch Charlotte Knobloch hielt durch.

Kontinuität und Verlässlichkeit gehören zu ihren Tugenden, heißt es in der Münchner Gemeinde. So verteidigte sie vor drei Jahren als Vizepräsidentin des Zentralrats den wegen Drogenmissbrauchs öffentlich bloßgestellten Michel Friedman, damals ebenfalls Vizepräsident, gegen öffentliche Vorverurteilungen. Dabei benutzte sie im deutsch-jüdischen Kontext hartes Vokabular: Friedman werde "buchstäblich hingerichtet", sagte Knobloch und vermutete, dass ihm von der Staatsanwaltschaft "eine Sonderbehandlung zuteil wurde".

Charlotte Knobloch wird den 110.000 jüdischen Deutschen sehr nah sein. Sie wird nicht den versöhnenden Charme eines Paul Spiegel, nicht das moralische Charisma eines Ignatz Bubis ausstrahlen. Dafür ist zu erwarten, dass sie Probleme innerhalb der jüdischen Gemeinschaft sowie Schwierigkeiten im Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland offen und klar angeht. Der Ruf als Macherin wird ihr schnell von München nach Berlin folgen.