Neue SPD-Vizechefin Schwesig Manuela Wer?

Sie ist jung, ostdeutsch und rückt nach dem Wahldebakel der SPD in die Führungsriege auf: Manuela Schwesig, Sozialministerin in Mecklenburg-Vorpommern, soll als Vizechefin in den Bundesvorstand. Ihre Blitzkarriere ist beispiellos - Schwesig könnte zum neuen Star ihrer Partei werden.

DPA

Hamburg - Die Aufsteigerin taucht gerne aus dem Nichts auf. 2006 lugte sie plötzlich auf einem Wahlplakat hinter Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Harald Ringstorff hervor. Sie hätte auch als Studentenmodel durchgehen können - in Wahrheit gehörte die junge, blonde Frau aber zum SPD-Landesvorstand. Fotogene Gesichter sind selten in der Politik. Manuela Schwesig ist hübsch, und sie ist erfolgreich, deshalb kam sie mit aufs Bild.

So ist es auch jetzt wieder. Plötzlich ist sie da. Schwesig soll nach dem Führungswechsel der SPD eine von vier stellvertretenden Parteivorsitzenden werden.

Dabei ist sie erst seit einem Jahr Sozialministerin im Kabinett von Ringstorff-Nachfolger Erwin Sellering. Bei einer Kundgebung bezeichnete SPD-Chef Franz Müntefering die 35-Jährige als "Ministerin aus Schleswig-Holstein". So ein Versprecher dürfte nun nicht mehr passieren. Stimmt die Basis Mitte November den Vorschlägen zu, ist Schwesig nach nur sechs Jahren Parteimitgliedschaft der Sprung in die Bundespolitik geglückt.

Viele Genossen sind erstaunt: Manuela Wer? Tatsächlich fragt man sich, wie eine solche Blitzkarriere möglich ist. Wie schafft es jemand, so schnell in die erste Reihe der Politik vorzudringen?

Entdeckt, gefördert, installiert

"Ich habe das nicht geplant", sagt Manuela Schwesig in ihrem Büro am Schweriner See. Sie kommt gerade aus dem Landtag, Ausschusssitzung. Den Trubel der vergangenen Tage merkt man ihr nicht an, sie spricht freundlich und konzentriert. Im Hof steht ihr Fahrrad, auf den Gepäckträger ist ein Kindersitz geschnallt. Damit bringt sie Julian, ihren zweijährigen Sohn, morgens in die Kita.

Man kann sie sich gut in einem Werbespot für Babywindeln vorstellen. "Jung, hübsch, nett - es gibt Schlimmeres, was man einer Frau sagen kann", sagt sie und lächelt dabei nicht, "aber solche Beschreibungen zeigen doch nur, wie oberflächlich mit der Kompetenz von Frauen noch immer umgegangen wird." Das Angebot der Parteispitze bereite ihr "keine schlaflosen Nächte".

Ihr Aufstieg, der 2003 mit einem Besuch im SPD-Ortsverein Schwerin begann, ist außergewöhnlich, aber kein Zauberwerk. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort, das gilt auch für Schwesig. Frank-Walter Steinmeier holte die Ministerin aus Mecklenburg-Vorpommern in sein Wahlkampfteam. Der Kanzlerkandidat musste eine Reihe von Spitzenpolitikerinnen auffahren, wenn er sein Versprechen von einem zur Hälfte weiblich besetzten Kabinett erfüllen wollte. Viel Auswahl gab es nicht beim SPD-Nachwuchs, vor allem nicht in den mitgliederschwachen Ost-Verbänden.

Sozial engagiert, weiblich, ostdeutsch: Schwesig passte gut ins Schattenkabinett, sollte obendrein als Widerpart zur populären CDU-Familienministerin Ursula von der Leyen aufgebaut werden. Steinmeier und Schwesig haben einen guten Draht zueinander, im Wahlkampf präsentierte er sie als "strahlenden Nordstern".

Nach der historischen Wahlschlappe für die SPD beginnt der Personalpoker, eine neue Generation drängt nach oben. Ministerpräsident Sellering schlägt Schwesig sofort für den Bundesvorstand vor. Es soll Müntefering gewesen sein, der darauf drängte, die neue Stellvertreterriege zu erweitern und dem Osten und Europa mehr Platz einzuräumen. Von Genossen wird das als Zeichen dafür gewertet, dass er dem neuen Personaltableau wenigstens einen Hauch münteferingscher Handschrift verpassen wollte. Deshalb gibt es jetzt vier statt drei Stellvertreter, womöglich ist Schwesig auch deshalb auf neuem Posten.

Im Machtgefüge der neuen Spitze

Schwesig ist gebürtige Brandenburgerin, wuchs in Seelow im Oderbruch auf. In Königs Wusterhausen studierte sie Steuerrecht, lernte ihren jetzigen Mann Stefan kennen und folgte ihm in dessen Heimatstadt Schwerin. Dort arbeitete sie im Finanzamt und Finanzministerium. 2004 wurde Schwesig Mitglied des Stadtrats. 2007, ein halbes Jahr nach der Geburt ihres Sohnes, war sie bereits Fraktionschefin.

Überregional fiel ihr Name zum ersten Mal im Zusammenhang mit dem Hungertod der fünfjährigen Lea-Sophie. Im Untersuchungsausschuss arbeitete sie die Versäumnisse des Jugendamtes auf, den verantwortlichen Sozialdezernenten bezeichnete Schwesig damals als "totalen Versager".

Die Politikerin ist neu im Geschäft, beherrscht aber schon jetzt die Tricks der Profis. Auf spontane Plaudereien, etwa über ihre persönlichen Ziele in der Parteispitze, lässt sie sich nicht ein. Stattdessen verweist sie auf ihre Anliegen in der Sozialpolitik, spricht dann wie gedruckt: "Ich habe Ideale, trotzdem kann ich mir keine Traumtänzerei leisten."

Schwesig fällt auf. All die Kinderzeichnungen und Giraffenköpfe aus Pappmaché im Vorzimmer, die sie von ihren Reisen durchs Land mitgebracht hat, die schlichten Hosenanzüge, das mädchenhafte Lächeln, passen so gar nicht zum Regierungsamt. Ihren Aktenschrank hat sie bei einer Behindertenwerkstatt bestellt, Teenager befragt sie ebenso neugierig wie Senioren, und wird auch von beiden gemocht.

Zweifelsohne soll Schwesig die SPD bei jungen Frauen und Ostdeutschen wieder interessant machen. In beiden Zielgruppen hat die Partei stark an Zustimmung verloren. Schwesigs Beförderung soll signalisieren: Der Nachwuchs kriegt seine Chance, Selbstkritik ist erlaubt. "Die Glaubwürdigkeit der SPD hat sehr gelitten, etwa als sie in der Großen Koalition die Erhöhung der Mehrwertsteuer mitbeschlossen hat", sagt Schwesig. "Etwas versprechen, was man nicht einhält - das verzeihen die Wähler nicht."

Noch ist unklar, wie sich Schwesig im Machtgefüge des Führungssextetts aus Parteichef Sigmar Gabriel, Generalsekretärin Andrea Nahles und den vier Stellvertretern präsentieren wird. "Ich halte nichts von Flügelkämpfen", sagt sie. Vielleicht könne sie helfen, zwischen Parteispitze und Basis zu vermitteln, so ihre vorsichtige Ansage. Bei der Öffnung zur Linkspartei, um die die neue Spitze nicht herumkommen wird, bleibt die Politikerin vage. "Die Linke darf kein Tabu sein. Aber wir haben es auch nicht nötig, ihr hinterherzurennen."

In Landesregierungen würde die Linkspartei zwar oft von ihren "populistischen Forderungen" abweichen, sagt sie. "Mit Leuten wie Oskar Lafontaine oder Gregor Gysi habe ich aber ein Problem. Sie machen starke Sprüche, übernehmen aber im Ernstfall keine Verantwortung."

Die Ursula von der Leyen der SPD

Die Sozialministerin stellt in Frage, ob der Hartz-IV-Satz für Kinder ausreicht. Anders als Klaus Wowereit, der bei der Abstimmung im Parteivorstand regelrecht abgestraft wurde, warnt sie aber vor einer radikalen Abkehr von den Agenda-Reformen. "Es wäre falsch, unsere Politik der vergangenen Jahre komplett zurücknehmen zu wollen."

Einige ihrer Forderungen wirken phrasenhaft ("Wir müssen in die Köpfe und Herzen unserer Kinder investieren"), zuweilen austauschbar. Schwesigs Mitarbeiter beschreiben sie als hartnäckig und sachorientiert - Eigenschaften, die sie in der Bundes-SPD brauchen wird. 48 Millionen aus dem Konjunkturpaket II handelte sie für den Ausbau von Krankenhäusern aus, "gegen den Willen meiner männlichen Ressortkollegen, die länger dabei sind als ich".

Allerdings wird der Aufstieg in die Parteispitze Schwesig nicht automatisch ein bundespolitisches Profil verschaffen. Sie wird ihre Rolle finden müssen, etwa als sozialdemokratische Ursula von der Leyen. Einfach wird das nicht, besetzt Leyen mit Elterngeld und Krippenplatzausbau doch ursoziale Themen. Schwesig hat sich auf die Bekämpfung von Kinderarmut spezialisiert und plädiert für eine Aufnahme von Kinderrechten ins Grundgesetz. Vielleicht hat sie Glück: Von der Leyen ist im Gespräch als Gesundheitsministerin. Dann ist die Familienpolitik wieder frei - als Profilierungsfeld für Schwesig.

Dass sie den Angriff des politischen Gegners beherrscht, bewies sie bereits in Steinmeiers Wahlkampf. Nach dem TV-Duell mit Angela Merkel ließ sie wissen: "Die Kanzlerin hat ziemlich viel Schrott geredet."



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Seite 1
Nante, 27.09.2009
1.
Ich habe richtig gewählt. Aber die anderen?
LukasE 27.09.2009
2.
Zitat von NanteIch habe richtig gewählt. Aber die anderen?
Haben alle falsch gewählt!!!
heisenberg, 27.09.2009
3. Bekommt die CDU endlich ihren Denkzettel ???
Ich habe auch richtig gewählt LINKS !
andreas13053 27.09.2009
4.
Zitat von NanteIch habe richtig gewählt. Aber die anderen?
Glückwunsch. Ich habe die Kreuzchen auch im richtigen Kreis untergebracht - war gar nicht so schwer.
pssst... 27.09.2009
5.
Zitat von sysopMerkel besiegt Steinmeier, die FDP als große Gewinnerin - wie beurteilen Sie das Wahlergebnis?
Wir haben nicht gewählt, meine Familie und ich....
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