Neue US-Vertretung in Berlin Versteckte Botschaften am Pariser Platz

Amerika zieht um in Berlin - an diesem Freitag wird die neue US-Botschaft eröffnet. Der Bau ist umstritten wie kaum einer anderer in der Hauptstadt. Hinter der Kritik deutscher Medien verbirgt sich auch ein gutes Stück Bush-Bashing, glaubt der frühere US-Botschafter John Kornblum.

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Berlin - Ein hoch dekorierter Offizier der US-Marine, in blütenweißer Uniform, strebt am frühen Morgen zum Hintereingang der US-Botschaft. In der einen Hand eine schwarze Tasche, in der anderen ein Pappbecher mit Kaffee, zieht er an einem deutschen Polizisten und einem US-Wachmann vorbei. Ein paar freundliche Worte, dann geht er durch den gläsernen Hintereingang seines neuen Dienstgebäudes.

Neubau der US-Botschaft am Pariser Platz: "Die Deutschen kritisieren immer alles, was öffentlich gebaut wird"
DPA

Neubau der US-Botschaft am Pariser Platz: "Die Deutschen kritisieren immer alles, was öffentlich gebaut wird"

Die Szene wirkt entspannt. Die Polizisten lassen die Radfahrer gewähren, die auf dem Bürgersteig und entlang der Poller radeln, die die Behrenstraße abschirmen sollen.

Diese Gelassenheit steht in auffallendem Kontrast zu den erregten Debatten, die den Botschaftsbau begleiteten, der heute, am 4. Juli - dem amerikanischen Unabhängigkeitstag - , offiziell eingeweiht wird. Mit dabei sind der frühere US-Präsident George Bush senior und über 4.500 geladene Gäste, darunter die Bundeskanzlerin. Pikant am Rande: Abgesagt hat der ebenfalls eingeladene frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder, der in seiner zweiten Amtszeit wegen des Irak-Kriegs über Kreuz mit dem gegenwärtigen US-Präsidenten George W. Bush lag.Mit dem neuen Bau zieht die Botschaft nach fast 70 Jahren zurück an ihren historischen Standort am Pariser Platz. Das schien nach der Wiedervereinigung 1990 zunächst eine Selbstverständlichkeit, hatten doch die USA einst das Palais Blücher, in Sichtweite des Brandenburger Tors, in den dreißiger Jahren erworben. Der Bau, im Krieg schwer beschädigt, war zu DDR-Zeiten abgeräumt worden.

Jahrelanger Streit um Sicherheitsmaßnahmen

Doch nach den Attentaten auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania 1998 und schließlich vom 11. September 2001 in New York und Washington verschärfte das US-Außenministerium die Sicherheitsbestimmungen für seine Auslandsvertretungen. In Berlin folgte ein jahrelanger Streit mit dem Senat, weil die Amerikaner zunächst die komplette Sperrung des Pariser Platzes wünschten. Schließlich wurden pragmatische Lösungen gefunden, so die hinter der Botschaft am Holocaust-Mahnmal verlaufende Behrenstraße verschwenkt, um den Abstand zum Gebäude zu vergrößern. Außerdem wurden am Pariser Platz und entlang des seitlichen und hinteren Flügels Poller in der Erde versenkt - nicht anders übrigens als bei der nur wenige hundert Meter entfernten britischen Botschaft, für die bis heute ein Teil der Wilhelmstraße komplett für den Autoverkehr gesperrt ist.

Die neuen Standards veränderten auch das Gebäude. Der Entwurf des US-Architekturbüros Moore Ruble Yudell, der 1996 gekrönt worden war, musste mehrmals überarbeitet werden, außerdem strich der US-Kongress die Bausumme von 180 auf 130 Millionen US-Dollar zusammen. Erst im Herbst 2004 erfolgte der erste Spatenstich - der Bau nahm Form an.

Dass das Gebäude mit dem eleganten und schlichten Nachbarn, das US-Architekt Frank O. Gehry für die einstige DG und heutige DZ Bank errichtet hat, nicht mithalten kann, fällt wohl jedem Betrachter auf. Und dennoch fügt sich die neue Botschaft ein in die strengen Vorgaben, die einst von Berlin für den Wiederaufbau des nach dem Zweiten Weltkrieg völlig abgeräumten Platzes erlassen wurden: Eine bestimmte Höhe durfte nicht überschritten, möglichst Sandstein und wenig Glas verwendet werden. Nur eine Ausnahme wurde vom Senat - zum Leidwesen des früheren Senatsbaudirektors Hans Stimmann - genehmigt: die gläserne Fassade der Akademie der Künste. Sie wirkt heute wie ein Fremdkörper.

Die Kritik an der Architektur der US-Botschaft, die schon die lange Planungs- und Bauphase begleitet hatte, kulminierte in den letzten Monaten vor der Einweihung. "Embassy-Bunker" schrieb die linksalternative "taz", was irgendwie zu erwarten war; "Versteckte Festung" der "Tagesspiegel", als seien die französische und britische Repräsentanz offener. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" sprach von dem oberen fensterlosen Teil zur Behrenstraße hin gar als "Wellness- und Waterboardingbereich", als würde hier eine Folterzentrale einziehen. Und das Feuilleton der "FAZ" sichtet heute gar einen "Anflug von Alcatraz".

Es war wie fast immer, wenn es in letzter Zeit um das deutsch-amerikanische Verhältnis geht: Die Ästhetik des Baus, die man durchaus kritisieren kann, wurde zur Projektionsfläche deutscher Feuilletonisten, die daran gleich die US-Außenpolitik und das Leiden an der aktuellen Politik mit abhandelten.

Ein deutscher Volkssport: Kritik an öffentlichen Bauten

Der frühere US-Botschafter John Kornblum kann sich aufregen, wenn er auf solche Artikel der letzten Monate angesprochen wird. Der 65-Jährige, vorher bereits in Bonn, blieb nach seiner Tätigkeit für das US-State-Department in Berlin und kennt die Bundesrepublik wie kaum ein anderer Amerikaner. "Die Deutschen", sagt er, "kritisieren fast immer alles, was öffentlich gebaut wird". Das scheine "fast eine Art Volkssport" zu sein, wie man ja an der Auseinandersetzung um das neue Kanzleramt in Berlin habe sehen können.

Auch damals schrieben viele Medien den Bau herunter. Oft war gar nicht zu unterscheiden, ob ästhetische Kriterien zählten oder nur die schiere Lust, Helmut Kohl zu treffen, der in seiner Amtszeit als Kanzler persönlich entschieden hatte, dass die Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank ihren Entwurf umsetzen sollten. Heute ist das Bundeskanzleramt längst angenommen, ein beliebtes Fotomotiv allemal, die Kritik weitgehend verstummt.

Der neuen US-Botschaft steht dieser Prozess offenkundig noch bevor. Vielleicht wäre das Gebäude wohlwollender beurteilt worden, wenn der Demokrat Barack Obama bereits regieren würde. Doch noch sitzt George W. Bush im Weißen Haus, der Mann, der auf der Beliebtheitskala der Deutschen weit unten rangiert.

Für Kornblum gibt es da einen Zusammenhang: "Hinter der zum Teil maßlosen Kritik in einigen Medien an dem US-Neubau versteckt sich eine gute Portion Bush-Bashing". Noch nie sei in Deutschland das Ansehen der USA auf einem solchen Tiefpunkt gewesen: "Es gibt daher offensichtlich eine große Bereitschaft und ein großes Bedürfnis, etwas Negatives über unsere Botschaft zu sagen oder zu schreiben", so Kornblum.

Bunkerstimmung? Keine Spur!

Was auch immer die Kritiker schrieben und schreiben - beliebt aber ist der Platz, der nun mit dem Neubau der US-Botschaft vollendet ist. Zumindest bei den Touristen, die ihn Tag für Tag bevölkern. Weil hier mehr oder weniger begabte Straßenmusiker spielen, Akrobaten ihre Künste darbieten und Breakdancer über den Steinboden wischen, wirkt der Ort nach der kurzen Ruhe am Morgen oft schon am frühen Vormittag wie ein Rummelplatz. Manche nennen das Berliner Eigenart - andere schlicht Stillosigkeit.

Von Bunkerstimmung ist also nichts zu spüren. Nach den Feierlichkeiten wird der Platz wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein. "Ich weiß bis heute nicht, warum in den vergangenen Jahren so aufgeregt über die Sicherheitsanforderungen diskutiert wurde", sagt Ex-Botschafter Kornblum. In all den Jahren schien es ihm manchmal, als hätten die USA zwar den westlichen Teil der Stadt mit der Luftbrücke und auch danach gerettet, durften aber nach 1990 keine Wünsche mehr haben. "Wenn Sie heute vor der Botschaft stehen, dann ist doch der Eindruck: Die Sicherheitsmaßstäbe sind sehr zivil."

Die Aufregung, da ist er sich sicher, "war also umsonst".



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63bn.debts 04.07.2008
1. Kornblum biegt sich die Wahrheit zurecht
[Zitate aus dem Artikel:] "Ich weiß bis heute nicht, warum in den vergangenen Jahren so aufgeregt über die Sicherheitsanforderungen diskutiert wurde", sagt Ex-Botschafter Kornblum... ...Die Aufregung [um die Sicherheitsvorkehrungen], da ist er sich sicher, "war also umsonst". ...In Berlin folgte ein jahrelanger Streit mit dem Senat, weil die Amerikaner zunächst die komplette Sperrung des Pariser Platzes wünschten... [Zitate Ende] Ja ja, Herr Kornblum, es ist völlig unverständlich wieso sich die Berliner so über den Botschaftsbau aufgeregt haben. Es ist ja völlig normal wenn einer der wichtigsten Plätze der Stadt, sowohl historisch wie auch touristisch, komplett gesperrt wird und zur Hochsicherheitszone erklärt wird. Es ist ja für die tollen Amerikaner, die sind ja immer so gut zu uns gewesen, die dürfen einfach alles. Es ist ja völlig legitim, dass alle Berliner und Berlinbesucher für die USA büßen müssen. "Wir Amerikaner stürzen die Welt ins Chaos und werden deswegen überall gehasst. Es ist doch völlig normal das wir mitten in der Stadt eine Botschafts-Bunker bauen und alles drumherum sperren. Wir waren doch so gut zu euch." Diese "Botschaft" ist eine Schande für den Pariser Platz, eine Schande für Berlin und eine Schande für die USA. Die Botschaft ist das perfekte Abbild der USA im Jahr 2008: Siherheit über alles, wir finden uns super toll obwohl die ganze Welt sehen kann das e nicht so ist.
suiz, 04.07.2008
2. Kasernengebäude
Es ist aufjedenfall mit Abstand(!) das hässlichste und tristeste Gebäude am Pariser Platz - zu dem, auch wenn der Vergleich hingt, sieht es aus wie ein 0815-Kasernengebäude.
Beckenhorst, 04.07.2008
3. Da muss ich meinem Vorschreiber Recht geben.
Nicht die Architektur ist das kritikwürdigste (Geschmäcker sin verschieden), sonder das einer der touristischsten Orte Berlins zu Hochsicherheitszone verkommt und Terroristen mit dem benachbartem Brandenburger Tor auch ein sehr symbolbehaftetes Ziel geboten wird. Symbole sind heutzutage scheinbar wichtiger als Vernunft.
Der Pragmatist 04.07.2008
4. Laecherliche Heuchelei
Zitat von 63bn.debts[Zitate aus dem Artikel:] "Ich weiß bis heute nicht, warum in den vergangenen Jahren so aufgeregt über die Sicherheitsanforderungen diskutiert wurde", sagt Ex-Botschafter Kornblum... ...Die Aufregung [um die Sicherheitsvorkehrungen], da ist er sich sicher, "war also umsonst". ...In Berlin folgte ein jahrelanger Streit mit dem Senat, weil die Amerikaner zunächst die komplette Sperrung des Pariser Platzes wünschten... [Zitate Ende] Ja ja, Herr Kornblum, es ist völlig unverständlich wieso sich die Berliner so über den Botschaftsbau aufgeregt haben. Es ist ja völlig normal wenn einer der wichtigsten Plätze der Stadt, sowohl historisch wie auch touristisch, komplett gesperrt wird und zur Hochsicherheitszone erklärt wird. Es ist ja für die tollen Amerikaner, die sind ja immer so gut zu uns gewesen, die dürfen einfach alles. Es ist ja völlig legitim, dass alle Berliner und Berlinbesucher für die USA büßen müssen. "Wir Amerikaner stürzen die Welt ins Chaos und werden deswegen überall gehasst. Es ist doch völlig normal das wir mitten in der Stadt eine Botschafts-Bunker bauen und alles drumherum sperren. Wir waren doch so gut zu euch." Diese "Botschaft" ist eine Schande für den Pariser Platz, eine Schande für Berlin und eine Schande für die USA. Die Botschaft ist das perfekte Abbild der USA im Jahr 2008: Siherheit über alles, wir finden uns super toll obwohl die ganze Welt sehen kann das e nicht so ist.
Typische anti-US Hetze. Die USA haetten jeden Stil bauen koennen, es wuerde dagegen gehetzt werden. Die Deutschen machen sich lamgsam laecherlich und man kann sie wirklich nicht mehr erst nehmen. Ich habe zufaellig den Bau mit eigenen Augen gesehen und finde, dass er gans gut in die Umgebung passt. Haetten die Russen dort eine Botschaft gebaut, wuerde man keinen Pieps von den Leuten hoeren. Was soll man dann also noch zu dieser Heuchelei sagen? Einfach ignorieren! Pragmatist
spreequell, 04.07.2008
5. Einfach Nur HÄsslich!
Diese Diskussion ist völlig absurd. Die neue amerikanische Botschaft ist schlichtweg häßlich! Sehr häßlich. Ich kann gar nicht genau sagen, von welcher Seite ich sie am häßlichsten finde. Das ist nicht nur die Folge des Bestrebens, einen Bunker mit Fenstern mitten in der Stadt zu bauen, sondern lässt auch am Geschmack der Bauherren zweifeln. Darüber hinaus ist die Verlegung einer Straße und die Verpollerung riesiger Areale in jeder Hinsicht inakzeptabel. Solche Kritik muss geäußert werden dürfen und hat nichts mit der Leistung der USA für Deutschland und insbesondere für Berlin zu tun. Es wäre doch absurd, wenn man für die nächsten tausend Jahre jede ästhetische und (sicherheits-)politische Fehl-Entscheidung der USA wegen der Rosinenbomberei gutheißen müsste. Eine Bunkerbotschaft gehört nicht in die Innenstadt.(Das gilt übrigens ebenso für die britische Botschaft, für die noch immer eine ganze Straße gesperrt wird.) Irgendwo am Stadtrand hätte man einen wunderbaren Hochsicherheitstrakt für den US-Botschafter bauen können. Mit Zäunen, die in den Himmel ragen und einer kleinen Raketenabewehrbasis. An den Pariser Platz gehört so ein Gebäude - Freundschaft hin oder her - auf gar keinen Fall. Ich bin für sofortigen Ariss!!
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