Neuer Gesundheitsminister Rösler Stresstest für den Überflieger

Er ist sogar noch jünger als Karl-Theodor zu Guttenberg: FDP-Senkrechtstarter Philipp Rösler wird mit gerade mal 36 Jahren der Junior im neuen Kabinett. Parteichef Westerwelle hat so einen potentiellen Rivalen eingebunden - und ihm ein Ressort übertragen, in dem man sich rasch viele Feinde macht.
FDP-Politiker Rösler: Auf dem Weg in die Gesundheitspolitik

FDP-Politiker Rösler: Auf dem Weg in die Gesundheitspolitik

Foto: THOMAS PETER/ REUTERS

Berlin - Philipp Rösler hat sich eine Grenze gesetzt. Mit 45 wolle er aus der Politik aussteigen. Ob er das wirklich so gemeint habe, wurde er letztens in der FDP-Bundeszentrale in Berlin gefragt. "Klar", sagte er da und blickte ganz, ganz ernst. Ist das Koketterie? Oder die Einsicht, dass Politik den Menschen irgendwann bis zur Unkenntlichkeit verändert?

Der 36-Jährige hat auf jeden Fall noch ein wenig Zeit, es sich anders zu überlegen. Nun wird er zunächst einmal Bundesgesundheitsminister. Ein Amt, das zu den schwierigsten in der Republik zählt. Am Freitagmittag hatte Rösler noch die Ergebnisse der Verhandlungsgruppe Gesundheit vorgetragen, zusammen mit Ursula von der Leyen und Barbara Stamm von der Union. Am frühen Nachmittag wurde zwischen Hannover, seiner Heimatstadt, und Berlin der SMS-Verkehr immer dichter. Rösler, so schälte sich heraus, solle ins Kabinett.

Am frühen Abend dann twitterte der FDP-Gesundheitsexperte Daniel Bahr: "Ein Augenarzt mit Durch- und Weitblick wird Gesundheitsminister. Ich freue mich für Philipp Rösler und die FDP und werde ihn unterstützen!"

Es ist der nächste Sprung in einer erstaunlichen Karriere, die in Niedersachsen begann. Walter Hirche, einst FDP-Landeschef und Wirtschaftsminister, förderte ihn. Und immer war Rösler der Jüngste: Als Generalsekretär seines Landesverbandes, als Fraktions- und Landesvorsitzender und schließlich Wirtschaftsminister. In der Partei gibt es mittlerweile dafür ein geflügeltes Wort: "Ein Rösler" - das seien im Durchschnitt jene vier Jahre, die es ihn auf einem Posten hielt, bevor es weiter aufwärts ging.

Umstrittenes Thesenpapier zum Zustand der FDP

Rösler ist ein Liebling der Partei. Er ist redegewandt, er kann witzig sein - und das gefällt den Delegierten. Beim Bundesparteitag dieses Jahr in Hannover wurde er minutenlang gefeiert, und es schien nicht, als sei das nur eine Pflichtübung. Auch bei dem geräuschlosen Wahlparteitag in Potsdam, eine Woche vor dem Urnengang, war er es, der mit einem Seitenhieb auf die quengelnde CSU Jubel im Saal auslöste: Eigentlich hätte er sich eine Koalitionsaussage zugunsten der CDU gewünscht - "und wenn das nicht reicht, dann nehmen wir auch noch die CSU dazu".

Schon lange gilt er als der kommende Mann hinter Guido Westerwelle. Mit dem FDP-Parteichef focht er vor über einem Jahr einen Streit über die Aufstellung der Liberalen aus - er war dafür, sie breiter aufzustellen und scheute sich auch nicht, sozialpolitische Themen nach vorne zu bringen. Er schrieb ein Thesenpapier unter dem herausfordernden Titel "Was uns fehlt", in dem der bekennende Katholik auch dafür plädierte, Begriffe wie Solidarität nicht zu vergessen. Und er bemängelte öffentlich, dass die Liberalen dort, wo über Werte diskutiert werde, eine Blöße hätten. Westerwelle stoppte die Debatte - zumindest auf dem Parteitag in München im Sommer 2008.

Rösler wagte den Aufstand nicht, laute und aggressive Töne waren und sind seine Sache nicht. Das Thema aber behielt er hartnäckig im Auge. "Freiheit gefühlt, gedacht, gelebt" heißt ein Buch, das er in diesem April mit dem NRW-Generalsekretär Christian Lindner in Berlin vorstellte. Ihr Ziel: Eine neue Programmdebatte zu entfachen. Schon der Titel verrät, dass Rösler und seine Mitstreiter seine Partei vom Image der Kälte befreien will.

Mit neun Monaten als Waisenkind aus Vietnam nach Deutschland

Für gesellschaftliche Entwicklungen hat er ohnehin ein Sensorium. Rösler selbst kam mit neun Monaten aus einem katholischen Waisenhaus in Vietnam nach Westdeutschland, er wurde von deutschen Eltern adoptiert. Als jüngst Berlins Ex-Finanzsenator und Bundesbanker Thilo Sarrazin mit Thesen über Araber und Türken von sich reden machte, war er einer der ersten, der das öffentlich kritisierte. Man dürfe Probleme nicht schönreden, "aber das ist Polemik in die andere Richtung", sagte er auf SPIEGEL ONLINE. Sarrazins Aussagen machten "alle Integrationsbemühungen der letzten fünf Jahre kaputt".

Nun hat ihn Westerwelle auserkoren, das Gesundheitsressort zu führen. Ein Amt, das von Lobbygruppen umstellt und bedrängt wird. 2011 soll der Gesundheitsfonds umgebaut werden, eine Kommission wird dazu Vorschläge erarbeiten.Was auch immer umgesetzt wird, es ist ein Job, in dem der Zeitverschleiß enorm ist. Rösler, verheiratet mit einer berufstätigen Ärztin und Vater von Zwillingen, wird in ein noch engeres Zeitkorsett gedrängt.

Für Westerwelle hat die Berufung des Niedersachsen auf jeden Fall zwei Vorteile: Ein neues junges Gesicht in einer Mannschaft der FDP, in der sich ansonsten Déjà-vu-Eindrücke einstellen. Zugleich ist sein Konkurrent nun fest in Berlin eingebunden - in einem Ressort, in dem man sich auch schnell sehr viele Feinde machen kann.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.