Neuer Polonium-Verdacht Polizei räumt Haus in Schleswig-Holstein

Der Fall Litwinenko zieht auch in Deutschland immer weitere Kreise. Nach der Entdeckung einer radioaktiven Strahlung in einem Hamburger Wohnhaus hat die Polizei jetzt ein Gebäude im Kreis Pinneberg in Schleswig-Holstein räumen lassen. Auch dort gibt es eine Kontamination.

Hamburg - Bei Untersuchungen in einem Haus in Haselau im Kreis Pinneberg wurde eine Kontamination festgestellt, teilte die Polizei mit. Es soll sich um das Wohnhaus der Ex-Schwiegermutter von Dimitrij Kowtun handeln, einem Kontaktmann des ermordeten Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko.

Ob es sich bei dem neuen Fund um Polonium-Spuren handelt, ist aber noch unklar. In dem Haus wurde am Bett und an einem Stuhl sogenannte Alphastrahlung gemessen. Das Gebäude wurde versiegelt. Ein "Feinscan" soll nun weiter Aufschluss geben. Die Ex-Frau Kowtuns, deren zwei Kinder sowie die ehemalige Schwiegermutter Kowtuns wurden von der Polizei vernommen.

In Hamburg hatten Ermittler des Bundeskriminalamtes (BKA) und des Bundesamtes für Strahlenschutz in der vergangenen Nacht in zwei Wohnungen nach Spuren von Polonium 210 gesucht und in einer der beiden eine leichte radioaktive Strahlung festgestellt. Eine bestimmte Strahlenquelle sei aber nicht entdeckt worden, sagte Polizeisprecherin Ulrike Sweden. Die Hamburger Polizei setzte gemeinsam mit dem BKA eine Sonderkommission namens "Dritter Mann" ein. Sie soll nun die Spuren des Mordfalls in der Hansestadt weiter verfolgen.

Überprüft worden war die Wohnung des russischen Geschäftsmannes Dmitri Kowtun - ein Kontaktmann Litwinenkos - in der Erzbergerstr. 4 sowie die Wohnung seiner deutschen Ex-Frau im selben Haus im Hamburger Stadtteil Ottensen. In der zweiten Wohnung, die im 1. Stock gelegen ist, fanden die Experten des BKA laut eigenen Angaben an zwei Stellen Hinweise auf eine leichte Strahlung, jedoch keine Kontamination.

Sweden sagte, es sei nicht auszuschließen, dass entweder eine Person oder ein Gegenstand gestrahlt hätten. Jetzt müsse man die weiteren Untersuchungen abwarten. Es seien "sehr umfangreiche Maßnahmen" in Vorbereitung, sagte Polizeisprecher Andreas Schöpflin.

Alle Bewohner müssen ihre Wohnungen verlassen

Konkret sei nun heute und in den kommenden zwei Tagen ein "Feinscan" aller Wohnungen in dem Gebäude geplant, teilte die Polizei heute bei einer Pressekonferenz in Hamburg mit. Dazu müssten sämtliche 30 Bewohner ihre Wohnungen verlassen und zeitweise bei Verwandten oder Freunden unterkommen. Alternativ stellen die Behörden eine Unterkunft. Laut Polizei geht von den gefundenen radioaktiven Spuren aber keine unmittelbare Gefahr aus. "Es handelt sich um eine schwach strahlende Substanz, die außerhalb eines Radius' von 3,8 Zentimetern keine Wirkung entfaltet", sagte ein Polizeisprecher. "Gefährlich ist nur die Einnahme der Substanz oder direkter Kontakt mit offenen Wunden."

Heute Vormittag war die Situation vor dem Haus Nummer 4 in der kopfsteingepflasterten Erzbergerstraße wieder weitgehend normal, nur zwei Polizisten waren vor dem Gebäude postiert. Autos und Passanten durften die Straße wieder passieren, in der Nähe öffneten die Buden eines Weihnachtsmarkts. "Wir sind hier alle sehr gelassen und haben keine Angst", sagte ein Bewohner des Hauses zu SPIEGEL ONLINE. "Mysteriöse Nachbarn haben wir nicht bemerkt."

Wer hatte noch mit Kontakt zu Kowtun?

Der 41-jährige Kowtun war eine der Personen, die sich am 1. November mit Litwinenko in dem Londoner Hotel Millennium getroffen hatten. Dabei waren möglicherweise zahlreiche Menschen der radioaktiven Substanz Polonium 210 ausgesetzt worden. Litwinenko erkrankte kurz nach der Begegnung und starb am 23. November an einer Polonium-Vergiftung.

Ob Kowtun nach dem Gespräch mit Litwinenko in London noch einmal nach Hamburg zurückgekehrt war, konnte die Polizei nicht sagen. Derzeit soll er sich in einem Moskauer Krankenhaus aufhalten. Berichte, wonach er nach der Vernehmung durch britische und russische Ermittler ins Koma gefallen sei, wurden zurückgewiesen. Möglicherweise wurde er aber ebenfalls durch Polonium verstrahlt. Er war vermutlich von Hamburg aus zu dem Treffen mit Litwinenko nach London geflogen. Dort hatte er einen Tag später gemeinsam mit Andrej Lugowoi in einem Londoner Hotel Litwinenko getroffen. Alle drei Männer waren früher für den russischen Geheimdienst aktiv.

Polizeisprecherin Sweden wies Medienberichte zurück, wonach in Hamburg ein Anschlag auf Litwinenko vorbereitet worden sein könnte. Es lägen bislang keine Hinweise vor, dass Kowtun an der Vergiftung beteiligt gewesen sei. Sie bestätigte aber, dass die deutschen Behörden in Verbindung mit der britischen Polizeibehörde Scotland Yard stehen.

Die Polizei rief alle Personen, die Kontakt zu Kowtun hatten, auf, sich unter der Telefonnummer 040-42 67 65 zu melden. Es wurde außerdem darauf hingewiesen, dass es sich bei Polonium 210 um eine schwach strahlende Substanz handele, die nur in einem geringen Umkreis Wirkung entfalte. Eine Gefahr ergebe sich lediglich bei Einnahme oder Kontakt mit offenen Wunden.

Litwinenko hatte auf seinem Sterbebett in London den russischen Präsidenten Wladimir Putin beschuldigt, seine Ermordung in Auftrag gegeben zu haben. Der Kreml wies dies vehement zurück.

har/jaf/AP/dpa/ddp

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.