Neuer Unicef-Chef Heraeus Exot im Anzug

Ein Unternehmer, eine Journalistin, eine Sportlerin: Das sind die Neuen an der Spitze des Kinderhilfswerks Unicef. Um ihre Aufgabe sind sie nicht zu beneiden: Sie müssen die Organisation kräftig modernisieren - und aus der Vertrauenskrise führen.

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Berlin - Jürgen Heraeus, der neue Chef von Unicef Deutschland, ist Unternehmer durch und durch, das sieht man schon am Outfit: anthrazitfarbener Anzug, weißes Hemd, grau-blaue Krawatte. Die langen grauen Haare sind zurückgegelt. Heraeus spricht kurze, gerade Sätze, eben laut genug, um das Stakkato-Klicken der Kameras zu durchdringen. "Mit dem neuen Vorstand beginnt ein neues Kapitel", sagt der 71-jährige und faltet die Hände zum Zelt.

Unicef-Deutschland-Chef Heraeus, Vize-Chefinnen Linsenhoff (r.), von Welser: "Mit dem neuen Vorstand beginnt ein neues Kapitel"
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Unicef-Deutschland-Chef Heraeus, Vize-Chefinnen Linsenhoff (r.), von Welser: "Mit dem neuen Vorstand beginnt ein neues Kapitel"

Flankiert wird er von seine beiden neuen Vize-Chefinnen: der ehemaligen Dressurreiterin Ann Kathrin Linsenhoff und Maria von Welser, Direktorin des Hamburger NDR-Landesfunkhauses. Im Vergleich zu Heraeus wirken die beiden ziemlich bunt - und unterstreichen damit schon optisch die Sonderrolle, die der promovierte Betriebswirt im neuen Vorstand einnimmt. Heraeus ist der einzige Unternehmer zwischen Journalisten, Ex-Sportlern und zumeist grünen Politikern. Er ist in diesem Umfeld der Exot im Anzug.

Trotzdem - oder gerade deshalb - soll er Unicef nun retten. Er soll das Kinderhilfswerk aus der Vertrauenskrise um die vermeintliche Verschwendung von Spendengeldern und um Provisionen für Spendenbeschaffer führen. Der Vorstand sprach ihm dafür einstimmig das Vertrauen aus. "Maria von Welser hat gestern vor versammeltem Vorstand ein kurzes Vorstellungsgespräch mit mir geführt", erzählt er SPIEGEL ONLINE. "Die Ideen, die ich habe, wurden offenbar für gut befunden."

Sein Hanauer Familienunternehmen hat er zu einem Konzern mit mehr als 11.000 Mitarbeitern und gut zehn Milliarden Euro Jahresumsatz ausgebaut - nun soll Heraeus bei Unicef die Bilanz aufpolieren. Deren Gesamteinnahmen sind nach eigenen Angaben seit November um 20 Prozent eingebrochen, geschätzter Ausfall: sieben Millionen Euro. Und im Februar hat das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen dem Kinderhilfswerk auch noch das Spendensiegel entzogen.

Heraeus und sein Vorstand werden vor allem daran gemessen werden, die Einnahmen wieder zu stabilisieren. "80 bis 100 Millionen Euro Spenden hat Unicef Deutschland in den letzten Jahren mobilisiert", sagt er. "Dahin müssen wir zurück." Um diese Aufgabe zu meistern will der Vorstand die Arbeit der Spendenorganisation wesentlich transparenter machen. Im einzelnen sind folgende Maßnahmen geplant:

  • Künftige Geschäftsberichte sollen Verwaltungskosten klar auflisten.
  • Ein Verhaltenskodex soll verbindliche Richtlinien zum Finanz- und Vertragsmanagement definieren.
  • In Zusammenarbeit mit der Transparenzinitiative wichtiger Hilfsorganisationen und dem deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) entwickelt Unicef Standards für die Vergleichbarkeit von Hilfsorganisationen.

Die zweite Aufgabe der neuen Vorstands wird es sein, Unicef Deutschland zukunftsfähig zu machen. Nicht umsonst fiel die Wahl mit Heraeus auf einen Unternehmer und nicht, wie vielfach angenommen, auf die Grünen-Politikerin Anne Lütkes oder die ehemalige Dressurreiterin Ann-Katrin Linsenhoff.

Nun steht ein Mann an der Spitze, der Spendenbeschaffung auf Provisionsbasis gegenüber nicht abgeneigt ist - wie er betont allerdings nur, wenn diese "transparent" ist. Auch die Idee sogenannter Charity-Partys will er nicht von Anfang an verwerfen. Allerdings, sagt Heraeus, müsse man genau prüfen, welche Großereignisse, mit denen sich auf einen Schlag große Spendensummen erschließen lassen, zu Unicef passen.

Bevor der Vorstand über solche Details diskutieren kann, muss er sich allerdings erst einmal kennen lernen. Heraeus: "Viele der acht Mitglieder sind sich gestern das erste Mal begegnet."



insgesamt 177 Beiträge
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Seite 1
Klo, 04.02.2008
1.
Zitat von sysopDie Wirtschaftsprüfer der KPMG unterstellen der deutschen Sektion des Kinderhilfswerks, bewusst zu lügen. KPMG hat Unregelmäßigkeiten unter anderem bei Honoraren und Provisionen festgestellt, nun gerät der Geschäftsführer Dietrich Garlichs zunehmend unter Druck. Welche Konsequenzen müssen gezogen werden?
Wenn es stimmt, dann müssen Köpfe rollen. So einfach ist das. Das Klo.
Betonia, 04.02.2008
2.
Zitat von sysopDie Wirtschaftsprüfer der KPMG unterstellen der deutschen Sektion des Kinderhilfswerks, bewusst zu lügen. KPMG hat Unregelmäßigkeiten unter anderem bei Honoraren und Provisionen festgestellt, nun gerät der Geschäftsführer Dietrich Garlichs zunehmend unter Druck. Welche Konsequenzen müssen gezogen werden?
Da haben es sich ein paar Leute anscheinend zu bequem gemacht. Und man hat sie dabei in Ruhe gelassen. Konsequenzen: Wo es um Gelder geht, muss immer kontrolliert werden, und zwar von unabhängiger Seite, das ist doch nichts neues.
LibertyOnly 04.02.2008
3. SPD-Politiker nichts neues
Tja, nichts neues, diese Sozialdemokraten konnte noch nie mit Geld umgehen.
Sascha_N 04.02.2008
4. Go ahead...
Sehr geehrter Herr Hans-Ulrich Klose, wenn Sie möchten, dass die deutsche Bundeswehr in Afghanistan mehr Einsatz zeigt und presenter wird, dann bitte ich Sie bester Herr: GEHEN SIE VORWEG! Dieser Mensch weiß doch gar nicht, wie es in Afghanistan ausschaut. Den Russen wurde der Hintern versohlt, den Amerikanern ebenso - was soll dann die Bundeswehr da unten? Außer sterben, weil sie sich in Dinge einmischt, die Deutschland nichts angehen. Die USA haben wenigstens Gründe dafür: Die Ausbeutung der Rohstoffe...
Think-Smart 04.02.2008
5. Kleinere Organisationen sind effektiver
Wer viel in der dritten Welt unterwegs ist, wird bald bemerken, Unicef gibt es nur auf dem Papier. Wenn es wirklich mal brennt und die Leute gefragt sind, dann glänzen sie mit Abwesenheit. Gut hier nachzulesen: http://prohumane.org/hilfe.htm
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