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Kanzlerin: Merkel und die DDR

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Neues Buch über die Kanzlerin Aktenzeichen Angela M. ungelöst

Warum spricht sie so gut Russisch? Und was hat sie als FDJ-Funktionärin getrieben? Ein neues Buch über Angela Merkel sucht nach Antworten. Doch bei der Spurensuche im DDR-Leben der Kanzlerin sind die Fakten eher dünn.

Ralf Georg Reuth und Günther Lachmann sind Experten für die dunklen Kapitel der deutschen Geschichte. Historiker Reuth ("Bild") hat schon über Adolf Hitler und Joseph Goebbels geschrieben, "Welt"-Redakteur Lachmann über die "tödliche Toleranz" gegenüber Muslimen.

Jetzt haben sie sich gemeinsam die Kanzlerin vorgeknöpft, deren erste 35 Jahre angeblich im "Vagen" liegen, "eingegraben" in Angela Merkels Gedächtnis.

Deshalb haben die Autoren zur Schaufel gegriffen und diese in den märkischen Sand gerammt, gebuddelt und gebuddelt und gebuddelt. Herausgekommen ist ein Buch mit dem Titel "Das erste Leben der Angela M." Ein Aufklärungsbuch? Wohl kaum. Die beiden haben nur einen eigenen Schleier über Merkels DDR-Zeit geworfen.

Ein disproportionales Misstrauen durchzieht dieses Buch. Während Merkels Selbstauskünfte gern in Frage gestellt werden, werden Geheimdienst-Postillen für bare Münze genommen und sozialistische Phrasen ernster als zu DDR-Zeiten. Und da alles, was in der DDR unbekannt war oder ist, mit dem Staatssicherheitsdienst zu tun haben muss, werden auch immer wieder Stasi-Akten zitiert. So wird - perfide - der Verdacht genährt, geheime Mächte hätten ihre Hand im Spiel gehabt bei Merkels Weg in die Politik. Angela M., das klingt schon so, als wollte jemand etwas tarnen: "Eigenartig verschwommen und auch widersprüchlich äußert sie sich über die DDR."

Vor dem Lesen des Buchs wusste der interessierte Staatsbürger bereits, dass Merkel in der brandenburgischen Provinz aufwuchs, dass sie Pastorentochter war und fleißig Naturwissenschaften studierte, bevor sie 1989 in die Politik stolperte und später im Kabinett Helmut Kohls landete. Wer in der DDR lebte, der kann sich erinnern, wie der Herbst 1989 alles durcheinander wirbelte, Karrieren beendete und neue begannen - vieles zufällig, unabsichtlich, überraschend.

Der Zufall aber ist der Feind von Journalisten, die - erstens - nicht dabei waren und - zweitens - häufig Schlapphüte oder andere verborgene Mächte am Werke sehen. Finden sie keine Hinweise oder welche, die sie nicht deuten können, sehen sie darin einen weiteren Beweis für ihre These. Da sieht man halt, wie diese geheimen Mächte arbeiten. O-Ton der Ermittler Lachmann und Reuth: "Welche Rolle spielen Beziehungsgeflechte bei einem solch unglaublichen Aufstieg - Beziehungsgeflechte, die dann auch verständlich machten, weshalb wir über das erste Leben der Angela Merkel bislang so wenig wissen?"

In Sachen Merkel förderten die beiden Autoren kaum Neues ans Tageslicht, weshalb das Wenige mit Deutungen versehen wird, die aus Mücken Elefanten machen. Merkels frühe Liebe zur russischen Sprache wird derart aufgepäppelt. Die Logik geht ungefähr so: Merkel hat nicht nur gut Russisch gesprochen. "Sie lernte mit Begeisterung Russisch." Sie sei durch die Sowjetunion gereist und habe in Georgien auch nach Gori gewollt. Gori? Die Autoren klären auf: "in die Geburtsstadt Stalins".

Einige Kapitel weiter - jetzt fällt der Groschen (oder Rubel) - wird von Merkels Engagement im "Demokratischen Aufbruch" (DA) im Herbst 1989 berichtet. Der DA war eine christlich geprägte DDR-Oppositionsbewegung. Reuth und Lachmann aber sehen in dieser Bürgerbewegung nicht etwa Pastoren, sondern Moskauer Gefolgsleute am Werk: "Der Kreml setzte jedenfalls auf den vom KGB betreuten Demokratischen Aufbruch!" Und so bekommt - ganz suggestiv - alles einen Sinn. Russisch lernen, nach Gori reisen wollen, während Moskau als langer Arm die Fäden zieht. Die Namen Lothar de Maizière , Gregor Gysi und Manfred Stolpe fallen, der Spionage-Chef Markus Wolf wird beschrieben,... und die verdächtig stille Angela M. mittendrin und ausgerechnet als "Mitarbeiterin" von DA-Chef Wolfgang Schnur, der im März 1990 als Spitzel enttarnt wird.

"Eine gut beleumundete, intelligente und exzellent Russisch sprechende Kraft"

Heraus kommt ein Szenario, in dem höchstens Naivlinge glauben können, Merkel sei nicht von unbekannten Mächten gesteuert gewesen. O-Ton: "Tatsächlich ging es Lothar de Maizière bei seiner Entscheidung, Angela Merkel zu seiner stellvertretenden Pressesprecherin zu machen, auch um etwas anderes. Denn sie war nicht nur eine zuverlässige, gut beleumundete, intelligente und obendrein exzellent Russisch sprechende Kraft (...) Ihre Herkunft schien obendrein Gewähr dafür zu bieten, dass sie im eng mit Moskau zusammenwirkenden Amt des Ministerpräsidenten (...) am richtigen Platz sein würde."

Selbst auf ihr Studium wird die Mücken-Elefanten-Technik angewandt. Naturwissenschaften, Physik, das klingt eigentlich unverdächtig. Die Fallgesetze galten auch im Sozialismus. Aber von Reuth und Lachmann erfährt der Leser, dass die Naturwissenschaftler "der Adel der Werktätigen" waren. Zudem hat Merkel nicht irgendwo studiert, sondern ausgerechnet an einer "Hochburg des Marxismus-Leninismus". Außerdem - Achtung Neuigkeit! - war Merkel später in der BGL, der Betriebsgewerkschaftsleitung an der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin.

Etwas seltsam mutet es an, dass Merkel wiederholt als "Funktionärin" und "Aktivistin" der Staatsjugend FDJ bezeichnet wird. Der in DDR-Dingen uninformierte Leser muss glauben, die heutige CDU-Chefin sei hauptamtliche Propagandistin gewesen und habe von früh bis abends das "Lob des Kommunismus" rezitiert. Dabei hatte sie lediglich ein "Ehrenamt" inne, nur wie es aussah, ist nicht ganz klar. Geradezu grotesk wirkt der Hinweis, eine "FDJ-Truppe" habe ihre Studentenwohnung renoviert, als sei dies ein Parteiauftrag gewesen. Und als hätten die Jugendfreunde beim Tapezieren permanent "Bau auf, Bau auf, Freie Deutsche Jugend, bau auf" geträllert.

Lebensfremd wirkt auch die Formulierung, schon als Kind sei Merkel "im Gleichschritt im Kollektiv" marschiert, blaue Bluse, Halstuch, linientreu. Waren Reuth und Lachmann dabei? Wahrscheinlich war Merkel bereits in der ersten Klasse Flachschwimmerin. Mit einem roten "F" auf der Badekappe.

Angela Merkel sei es gelungen, heißt es im Nachwort, "eine Legende in die Welt zu setzen, die Legende von der patriotischen Pfarrerstochter, die in der Wende auszog, um mitzuhelfen, die gespaltene Nation zusammenzufügen." Diese Legendenbildung sei durch die "die Unkenntnis und Gleichgültig des Westens gegenüber den tatsächlichen Verhältnissen in der DDR" begünstigt worden. Aus derselben Quelle speist sich nun eine andere Legende, die von der "Funktionärin" Merkel, die heute "hemmungslos dem Zeitgeist Rechnung" trägt. (Und die bestimmt in der Freizeit in ihrem brandenburgischen Dorf am liebsten Moskauer Eis lutscht. Aber das ist noch nicht ganz ausrecherchiert.)

Zum Autor

Stefan Berg, 1964 in Ost-Berlin geboren, ist seit 1996 beim SPIEGEL. Seine Laufbahn als Journalist begann er bei Kirchenzeitungen in der DDR.

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