Neuköllner Mädchentreff "Schlampe, das sagt man eben unter Freunden"

Hure, Schlampe - unter Kiez-Jugendlichen scheint es nur diese Bezeichnungen für Frauen zu geben. Von Klassenkameraden getrietzt, von den Eltern an der kurzen Leine gehalten, lernen Schülerinnen im Neuköllner Mädchentreff "MaDonna", sich zu wehren.

Von Eva Lodde


Berlin - Wenn Emine von einem Jungen auf der Straße blöd angequatscht wird, hat sie ein schlagendes Argument: "Ich sage ihm, dass ich keine Schlampe bin. Ich hatte noch keinen Freund." Danach werde sie immer in Ruhe gelassen. Zur Not würde sie einen Typen auch boxen, sagt die 15-Jährige.

Mädchentreff MaDonna: Nur "Nichtstresser" dürfen manchmal rein
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Mädchentreff MaDonna: Nur "Nichtstresser" dürfen manchmal rein

So mutig wie Emine geben sich alle hier. Im "MaDonna" in Neukölln, wo sie unter sich bleiben. Wo Jungs nicht reinkommen. Nur auf Einladung darf mal ein "Nichtstresser" dazu. Von halb zwei bis halb sieben können die 8- bis 21-Jährigen jeden Tag vorbeikommen: kochen, quatschen, ins Internet gehen, Hausaufgaben machen. Zwanzig oder mehr kommen jeden Tag. Auf den großen Kissen der "Kuschelecke" haben sich zehn Mädchen meist türkischer oder arabischer Herkunft zusammengefunden. Sie knabbern Sonnenblumenkerne, ziehen lässig an ihren Zigaretten und warten neugierig auf Fragen. Die Aufregung um ihren Kiez und die Gewalt - das finden sie übertrieben. "Hast du auch Angst aus dem Fenster zu gucken?", fragt die 22-jährige Sevil ironisch in die Runde. Ein paar lachen. Angst, so sagen die Mädchen, haben sie keine.

"Ach, das sind nur blöde Anmachen", meint auch Jano, "wir sagen: Haltet die Schnauze!" Die 16-Jährige ist die Gangsterin unter den Mädchen. Ein Image, das sie offensichtlich gerne pflegt: Sie trägt große schwarze Creolen und eine weißen Pulli, dessen Kapuze sie die ganze Zeit aufbehält. Ihre Sätze fängt sie gerne mal mit "Ich schwöre" an. "Ich habe früher auch jede Menge Scheiß gemacht", antwortet sie als es um die Gewalt an den Schulen in Neukölln, insbesondere an der Rütli-Hauptschule, geht. Genaues über den "Scheiß" will sie allerdings nicht erzählen. Sie grinst etwas und macht eine wegwerfende Handbewegung.

Sie lassen sich nicht verarschen

"Mit meiner Familie hatte das aber gar nichts zu tun", behauptet Jano, "das war nur aus Langeweile." Tatsächlich meinen die meisten, dass die Lehrer härter durchgreifen müssten, dass sie sich von den Schülern nicht alles gefallen lassen sollten. "Grenzen ziehen" - das ist das Stichwort. Sie erzählen von der Kurt-Löwenstein-Schule, wo die Jungs sofort rausfliegen würden, wenn sie mehrmals Mist bauen. Oder von der Anna-Siemsen-Oberschule, wo ein Vertrag gemacht wird zwischen Schüler und Lehrer: Benutzt der Junge oder das Mädchen trotzdem Schimpfwörter muss er zum Beispiel die Tische abwischen.

"Und all die Problemfälle, die geflogen sind, landen auf der Rütli-Schule. Kein Wunder, dass das passiert ist", meint Adla. Die 22-Jährige ist in Neukölln groß geworden. Seit acht Monaten macht sie ihr Praktikum im Mädchentreff. In den letzten fünf Jahren sei es im Viertel schon viel besser geworden. Die Mädchen könnten immerhin alleine zu "MaDonna" laufen. "Aber viele erzählen, dass sie auf dem Weg als 'Hure' beschimpft werden", sagt sie.

Dieser Spiessrutenlauf und die ständige Behauptung - das ist für die Mädchen Alltag. Die Gestik der Älteren, ihre Ausdrucksweise sagt klar: Ich lass mich nicht verarschen. Nur ein zehnjähriges, etwas schüchternes Mädchen meldet sich brav, als sie etwas sagen will. Sie wartet sogar bis es komplett ruhig ist. Die anderen hingegen quatschen drauf los: Wer lauter ist, gewinnt.

Wenn sie auf der Straße sind, dann ist der Umgangston rau. "Schlampe und so - das sagt man eben unter Freunden, das ist Angewohnheit", meint Jano. "Das ist unser Slang, aber das heißt noch lange nicht, dass das gut ist", ermahnt Adla. Einige nicken.

"Ein gutes Mädchen bleibt zu Hause"

Die 14-jährige Islam hingegen fühlt sich vor jeglichen Anfeindungen geschützt: "Die Jungs, die unsere Religion kennen, die wissen aber, dass man ein Mädchen nicht 'Hure' nennt." Oder zumindest, dass sie so nicht gerufen werden darf. Das schwarze Kopftuch hat sie eng um ihren Hals gewickelt, Ohren oder Haaransatz sind nicht zu sehen. Sie trägt eine schwarze Hose, darüber einen langen schwarzen Mantel. Sie sei noch nie wirklich beschimpft worden. "Die respektieren mich", meint Islam.

Aber sie gibt auch zu, dass die Willkür der Jungs bei der Einordnung in die beiden Kategorien, Heilige oder Hure, oft groß ist: "Mädchen, die mit anderen ins Bett gehen, werden Schlampe genannt. Aber wenn sich ein Mädchen einem Jungen verweigert, dann nennt er sie aus Wut auch Schlampe."

Die ultimative Lösung bringt Emine vor: "Wenn du zu Hause bist, bist du ein gutes Mädchen." Sie folgt dieser Regel strikt: Sie geht nur mit ihren Eltern einkaufen, hilft viel im Haushalt. Einen Freund will sie vor der Hochzeit nicht haben. Stattdessen wiederholt die 15-Jährige öfters, wie sie sich vor der Hochzeitsnacht fürchtet: "Ich habe so eine Angst, dass kein Blut auf dem Laken ist. Ich weiß nicht, was ich machen würde."

Diese Rollenzuteilung nehmen die Mädchen an - denn es ist gleichzeitig ihr Schutz auf der Straße. Nur wenn sie in der Realität des übrigen Berlins ankommen, dann ist ihr Schutz, ihr Symbol des Heiligtums auf einmal hinderlich. Islam beschwert sich über Firmen, die Frauen mit Kopftuch nicht einstellen.

Die Gesetze der Männer

Wer aber Eltern hat, die "mit der Zeit gehen" - wie eines der Mädchen sagt -, wer sich offener gibt, der muss auch stärker sein. Der kommt lange nicht mit ein paar Beleidigungen davon. Den Mädchen von "MaDonna" ist bislang außer verbalen Schmähungen glücklicherweise nichts passiert. "Ehre darf nicht Mord heißen" mahnt ein Schild am Fenster.

Nachdem Emine lange über ihre Sorgen geredet hat, ruft Maria aus der Ecke: "Du denkst ja nur an die Zukunft. Lebe doch erst mal dein Leben!" Außer Freundschaft will zwar auch die Zwölfjährige mit Jungs erst mal nichts zu tun haben. Aber Emines Einstellung kann sie nicht verstehen. Und die von Islam auch nicht. Von wegen dass die Mädchen ernsthaft sein müssten, Jungs aber nicht. "Die haben sich doch ihr eigenes Gesetz geschaffen", sagt sie erzürnt, ihre großen, runden Augen blitzen. "Wenn Frauen kochen, sollen Männer das auch tun. Wenn Männer eine Freundin haben, dann sollen die Frauen auch einen Freund haben dürfen. Alles andere finde ich scheiße. Ich mache, was ich will."

Wenn die Mädchen reden, dann verbessern sie gegenseitig ihr Deutsch - selbst in der hitzigsten Diskussion. "Ey, das heißt Mädchen und nicht Mädchens", sagt eine. Sie geben aufeinander acht, die Mädchen können voneinander lernen - nicht nur in der Sprache. "MaDonna" ist für viele neben der Schule der einzige Ort, wo sie miteinander reden können. Und das verbindet, auch Emine und Maria. Als sie gehen, warten ihre Väter draußen vor der Tür.  



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