Die Lage am Dienstag Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,


heute beschäftigen wir uns mit den politischen Problemen in Italien, den frauenpolitischen Problemen in SPD und Union und den Übernachtungsproblemen in der heiligen Stadt Köln.

Stiernacken in Brandenburg

Patrick Pleul/ DPA
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Heft 34/2019
Ewig junge Haut? Die falschen Versprechungen der Kosmetikindustrie - und was wirklich hilft

Der Wahlkampf in Brandenburg geht in die heiße Phase. Heute Abend treten die Spitzenkandidaten der Parteien in der "Wahlarena" des Rundfunks Berlin-Brandenburg (rbb) gegeneinander an. Die AfD liegt in mehreren Umfragen an erster Stelle, dahinter liefern sich SPD, CDU, Grüne und Linke ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Für große Entrüstung sorgten gestern Äußerungen von AfD-Mann Andreas Kalbitz bei einer Diskussionsrunde der Spitzenkandidaten mit ausgewählten Schülern. Auf die Frage eines Jugendlichen, was er von Thüringens AfD-Landeschef Björn Höcke halte, der "ziemlich offen ein Nazi" sei, sagte Kalbitz: "Tut mir leid, dass Sie da so verblendet sind durch die Dauerrotlichtbestrahlung, die Sie medial an der Schule bekommen." Zudem bezeichnete Kalbitz die Klimaaktivistin Greta Thunberg als "zopfgesichtiges Mondgesicht-Mädchen". Inhaltlich war auch das großer Unfug: Entweder ist man ein Mondgesichts-Mädchen oder ein zopfgesichtiges Mädchen, wobei strittig ist, ob es Letzteres überhaupt gibt. Stiernackige Männervisagen wiederum soll es schon bisweilen geben.

Im aufgeklärten Milieu des Landes dürfte man sich nach Kalbitz' Äußerungen noch etwas sicherer sein, dass solch vorgestrige Herren nicht an die Macht kommen dürfen. Kalbitz hingegen dürfte zufrieden sein. Seinem Milieu konnte er wieder mal die wichtigsten Schlüsselwörter servieren. Und bei der heutigen "Wahlarena" ist ihm nach den jüngsten Provokationen die gewünschte Aufmerksamkeit sicher.

Matteo Salvini allein im Sandkasten

GIUSEPPE LAMI/EPA-EFE/REX

Bei kaum einem Land stehen kultureller Reichtum, Schönheit und Vielfalt der Regionen und die aufgeklärte Herzlichkeit der Bewohner in größerem Kontrast zur bisweilen schlicht und kulturlos wirkenden Führung. Das war zu Silvio Berlusconis Zeiten so, und das ist heute so, da der strammrechte Innenminister Matteo Salvini die Geschicke Italiens prägt. Noch prägt, muss man sagen. Als Salvini vor Kurzem die Koalition Bündnis mit der Cinque Stelle (Fünf Sterne-Partei) aufkündigte und einen Misstrauensantrag gegen den gemeinsam getragenen Ministerpräsidenten Giuseppe Conte stellte, glaubte er noch, in den Besitz der ganzen Macht gelangen zu können. Doch sein präpotentes Auftreten hat die anderen Parteien abgeschreckt. Inzwischen verhandeln Cinque Stelle und die italienische Sozialdemokratie Partito Democratico über eine Regierungskoalition.

Um 15 Uhr wird Premier Conte heute in Rom vor dem Senat der Republik eine Rede halten. Es wird erwartet, dass er gleich danach bei Staatspräsident Sergio Mattarella seinen Rücktritt einreicht, um dem Misstrauensvotum von Salvinis Lega zu entgehen. Mattarella könnte Conte daraufhin umgehend mit der Führung eines Übergangskabinetts beauftragen. Das würde Sozialdemokraten und Cinque Stelle die nötige Zeit für Koalitionsverhandlungen geben.

Salvini hat sich verzockt. Seine jüngsten Versuche, die alten Partner zurückzugewinnen, erinnern an ein Kind im Sandkasten, das allen Kumpanen Steine an den Kopf gepfeffert hat und nun verzweifelt feststellt, dass keiner mehr mit ihm spielen mag.

Sozialdemokratische Frauenprobleme

Jörg Carstensen/ DPA

Zahlreiche Herren aus der SPD, die gern ihren Status verbessern und Parteivorsitzende werden würden, haben in den vergangenen Wochen verzweifelt nach einer Frau an ihrer Seite gesucht. Olaf Scholz sucht dem Vernehmen nach noch immer. Doch viele Sozialdemokratinnen, von Gesine Schwan ausdrücklich abgesehen, zierten sich. Vielleicht haben sie größere Demut vor dieser höchstkomplizierten Aufgabe. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey beschäftigte daneben auch die Zukunft ihres Doktortitels. Gegen ihre Arbeit wurden Plagiatsvorwürfe erhoben und die Freie Universität Berlin benötigt weit mehr als die übliche akademische Viertelstunde, um denen nachzugehen.

Heute Nachmittag wird Giffey im Berliner Planetarium Kindern "Der Löwe in dir" von Rachel Bright vorlesen. Es ist die schöne Geschichte einer kleinen Maus, die immer vergessen und übersehen wird und die irgendwann beschließt, das Brüllen zu lernen. Doch am Ende ihrer Odyssee findet sie heraus, dass man gar nicht groß und stark sein muss, um seine eigene Stimme zu finden. Mit etwas Wohlwollen könnte es sich auch um die Geschichte Angela Merkels handeln.

Christdemokratische Frauenprobleme

Ingo Wagner/ dpa

Man kann der CDU wirklich nicht unterstellen, zur Speerspitze des Feminismus zu zählen. Sie mag mit Merkel zwar die erste Bundeskanzlerin stellen, doch der Frauenanteil in der Bundestagsfraktion von CDU und CSU sank nach der vergangenen Bundestagswahl von 25 auf 20 Prozent.

Dagegen regt sich nun Widerstand. Die Entwicklung sei "deprimierend", sagt die Bundestagsabgeordnete Elisabeth Motschmann. Als meine Kollegin Christiane Hoffman und ich Motschmann zum Gespräch trafen, wurden wir Zeugen eines radikalen Wandels. Vor nicht allzu langer Zeit warb Motschmann noch für die klassische Hausfrauen-Ehe. Heute bezeichnet sie sich selbst als Feministin und wirbt für eine Wahlrechtsreform, die mehr Frauen den Einzug ins Parlament ermöglichen würde, insbesondere aus ihrer eigenen Partei.

Dass Angela Merkel Bundeskanzlerin geworden sei, habe den Frauen indirekt gewisse Nachteile beschert, glaubt Motschmann. "Immer hieß es: 'Mehr als Bundeskanzlerin geht doch nicht. Da seht ihr's doch: Ihr habt alle Chancen!' Das ist natürlich Unfug. Die gläserne Decke ist immer noch da, und die müssen wir nach und nach weiter durchstoßen."

Gewinner des Tages...

Oliver Berg/ DPA

...sind die Freunde von Computerspielen. Heute eröffnet in Köln zum elften Mal die Gamescom, die weltweit größte Messe für den sogenannten Endkunden, auch Gamer genannt. Von denen dürfen heute allerdings nur ein paar Glückliche in die Hallen - heute ist der sogenannte Fachbesucher und Medientag. Ab morgen kommen dann die Massen.

Verlierer des Tages sind alle Menschen, die dieser Tage Köln besuchen und nichts mit Computerspielen am Hut haben. Die Hotels sind ausgebucht, selbst schäbige Unterkünfte gehen zum 4-Sterne-Preis weg. Als Alternative empfehle ich den Kauf einer Luftmatratze und einen Platz auf den Rheinwiesen, Domblick inklusive. Einen schöneren Ort kann man zum Schlafen nicht finden.

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insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
kalim.karemi 20.08.2019
1. Kablitz6
Der Mann heißt Kablitz, kann als Rotlichtproduzent aber schon mal vorkommen.
StefanZ. 20.08.2019
2. …und die Verlierer des Tages sind…
Eltern und Schullehrer und später dann wir alle, die wir uns inmitten von noch impulsiveren und aggressiveren Mitmenschen wiederfinden müssen, weil diese von früh an ihre Persönlichkeit mit einer Überdosis von elektronischen Bildschirm-Suchtmitteln geschädigt haben: https://www.cheo.on.ca/en/news/impulsive-behaviour-linked-to-sleep-and-screen-time-cheo-study-finds.aspx
dirkcoe 20.08.2019
3. Dumm, primitiv und laut
mehr hat die AfD eben nicht anzubieten. Auf argumentativer Ebene kommt der traurige Haufen gar nicht erst vor - und wer mit klarem Verstand wird in Höcke etwas anderes sehen - als einen Nazi?
Claudius32 20.08.2019
4. Antiquiertes Weltbild der SPD
Während überall in der Gesellschaft gleichgeschlechtliche Paare volle Anerkennung erfahren, kann sich die SPD als Doppelspitze nur eine Frau/Mann Kombination vorstellen. Wie rückständig ist das denn?
fraukewarner 20.08.2019
5. Hoffentlich...
lassen sich die Wählerinnen nicht länger von der abgedroschenen Formel 'gläserne Decke' einlullen, sondern setzen vielmehr auf Kreativität und Durchsetzungsvermögen. Übrigens: Eine gläserne Decke läßt sich ja auch von oben durchstoßen, wenn der Wille dazu vorhanden ist.
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