Martin Knobbe

Die Lage am Morgen Nawalny spricht

Martin Knobbe
Von Martin Knobbe, Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

wir lassen heute das Attentatsopfer Alexej Nawalny zu Wort kommen, erwarten die Aussagen von Andreas Scheuer im Maut-Untersuchungsausschuss und blicken auf das Programm des EU-Sondergipfels.

Nawalny berichtet

"Du fühlst keinen Schmerz, aber Du weißt, Du stirbst."

Als Alexej Nawalny den Augenblick beschreibt, in dem das Nervengift in ihm zu wirken begann, sitzt er auf einem grünen Sofa im Hauptstadtbüro des SPIEGEL. Draußen ist es noch dunkel, es ist kurz nach 6 Uhr am gestrigen Mittwoch, der russische Oppositionspolitiker gibt meinen beiden Kollegen Christian Esch und Benjamin Bidder am frühen Morgen sein erstes großes Interview nach dem Attentat.

Nawalny wirkt aufgedreht, er macht Scherze, er lacht viel. Man sieht auf den ersten Blick nicht, dass dieser Mann tagelang im Koma gelegen hat und kurz vor dem Tod stand. Als er sich allerdings aus einer Flasche Wasser eingießen will, gelingt es nur mit Mühe, so sehr zittern seine Hände.

Personenschützer begleiten Nawalny rund um die Uhr und sie achten auf die Details: Die Flasche Sprudelwasser, die wir für den Interviewgast auf den Tisch gestellt haben, hat einer der Beamten unter den vielen Flaschen im Redaktionskühlschrank ausgewählt. Die zufällige Wahl erhöht das Sicherheitsgefühl.

Fast zwei Stunden lang spricht Nawalny, er sagt auch, wen er als Attentäter verdächtigt: "Ich behaupte, dass hinter der Tat Putin steht, und andere Versionen des Tathergangs habe ich nicht." Nawalny kündigt zudem an, nach Russland zurückzukehren. "Meine Aufgabe ist jetzt, der Typ zu bleiben, der keine Angst hat. Und ich habe keine Angst!"

Das große Interview mit Nawalny lesen Sie ab 9 Uhr auf SPIEGEL Plus oder am Freitag im neuen SPIEGEL-Heft.

EU-Spitzen beraten

Im Fall Nawalny könnte die EU zeigen, dass sie handlungsfähiger ist, als man es ihr zuschreibt. Wenn heute die europäischen Staats- und Regierungschefs mit einwöchiger Verspätung zum EU-Sondergipfel zusammenkommen, dann steht auch das Giftattentat auf den Oppositionspolitiker auf der Tagesordnung. Deutschland hatte betont, dass es in der Frage, wie man auf das Attentat reagieren muss, auf eine europäische Antwort setzt. Die Frage ist nur, ob sich Europa jemals auf eine Antwort einigen kann.

Weitere Themen für den zweitägigen Gipfel: die Beziehungen zu China, die Eskalation des Konflikts um Bergkarabach, die Sanktionsforderungen gegen die Türkei und die strittige Rolle Zyperns.

Fröhlichkeit klingt anders.

Podcast Cover
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Scheuer kämpft

Es stehen schwere Verdächtigungen im Raum: Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hat möglicherweise bei der Planung der Pkw-Maut Haushalts- und Vergaberecht gebrochen. Und später, nachdem das Projekt vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) für rechtswidrig erklärt worden war, soll er das Parlament belogen haben. Der CSU-Politiker, so ist anzunehmen, wird diese Vorwürfe vehement zurückweisen, wenn er heute vor dem Maut-Untersuchungsausschuss des Bundestags aussagt. Wenn er denn überhaupt darf.

Möglicherweise kommt der Minister heute gar nicht mehr dran, denn die Unionsfraktion hat kurzfristig den früheren Verkehrsstaatssekretär Gerhard Schulz (Spitzname "Mr. Maut") auf die Zeugenliste setzen lassen, zusätzlich zu denen, die schon drauf stehen: Die Vertreter, die in einem Konsortium die Maut betreiben sollten und jetzt Schadensersatz von der Bundesregierung haben wollen.

Im Mittelpunkt wird wohl die Frage stehen, ob die Betreiber dem Minister angeboten haben, mit der Unterzeichnung des Mautvertrags noch zu warten, bis der EuGH sein Urteil dazu gefällt hat. Scheuer soll das abgelehnt haben. Er habe stattdessen auf eine Vertragsunterzeichnung gedrängt, bevor die europäischen Richter ihre Entscheidung treffen. Und das, obwohl ihn Berater vor zu großer Eile gewarnt haben.

Heute bestreitet Scheuer, dass es ein solches Angebot der Betreiber gegeben habe. "Nein, dieses Angebot gab es nicht", sagte er im Bundestag.

Sollten die Betreiber bei ihrer Sicht der Dinge bleiben, dann könnte es heute zum Showdown kommen. Dann stünde Wort gegen Wort. Dann wüsste man zumindest: Einer hat gelogen.

Gewinner des Tages

... sind der Virologe Christian Drosten und der Heinsberger Landrat Stephan Pusch, die heute mit 13 anderen vom Bundespräsidenten die angekündigten Verdienstorden erhalten. Beide haben in der Coronakrise gezeigt, was gute Kommunikation bedeutet. Drosten durch ständiges Erklären seiner selbst und seiner Wissenschaft. Er hat uns zielstrebig, manchmal dickköpfig durch das Dickicht der neuesten Erkenntnisse geführt. Kaum ein anderer Wissenschaftler hat sich, nicht zuletzt durch seinen Podcast, so viel ums Erklären bemüht. Wohlwissend, dass er mit seiner Dauerpräsenz auch aneckt und Hass auslöst.

Auch Pusch hat viel kommuniziert und blieb dabei authentisch. So verbarg er nicht seinen Ärger darüber, als im März ein Fußballspiel zwischen Dortmund und Mönchengladbach mit Zuschauern stattfinden durfte, während zur gleichen Zeit Schulen und Kitas geschlossen waren. „Ich würde mir natürlich wünschen, dass man das mal näher erklärt“, sagte Pusch. Mit seiner unbeschwerten Ehrlichkeit beeindruckt der Landrat - nicht nur die Bürger seines Kreises.

Karten gewinnen

Ich möchte Sie noch auf eine Veranstaltung unserer Reihe SPIEGEL Live hinweisen, die - selten genug in diesen Tagen - nicht nur virtuell, sondern auch ganz analog stattfindet, selbstverständlich mit strengen Hygiene- und Abstandsregeln.

"Essen, was mir guttut" ist das Motto des Abends am morgigen Freitag, 2. Oktober 2020, um 19.30 Uhr in der Urania Berlin.

Mein Kollege, SPIEGEL-Redakteur Markus Deggerich, spricht mit seinen Gästen über die neue Ess-Klasse. Essen ist viel mehr, als Nahrungsaufnahme: Es ist Liebe, Familie, Heimat, Wissenschaft und ein Geschäft.

Mit auf dem Podium sind:

  • C.C. Gambeex: als Künstler und Koch betreibt er seit 2008 das Berliner Slow-Food-Restaurant "Ponte Carlo".

  • André Göbel: Mitbegründer der Kornditorei "Knalle", die als erfolgreiches Start-up das Popcorn neu erfunden hat (Knallige Kostprobe inklusive).

  • Markus Wältring: Spitzenkoch regionaler, westfälischer Küche, dessen Familienbetrieb Corona nicht überlebte.

  • Maria Bögge: hat kein Kochbuch geschrieben, betreibt keinen Blog, sitzt auch nicht in TV-Kochshows - aber als über 80-jährige Mutter, Gärtnerin und Familienköchin weiß sie alles über alte Küchentricks und vernünftige Vorratshaltung, jenseits vom Hefe-Horten und Toilettenpapier stapeln.Wir verlosen 5x2 Karten. Wenn Sie an der Veranstaltung teilnehmen möchten, schicken Sie uns eine E-Mail an info@spiegelgruppe-veranstaltungen.de. Weitere Infos finden Sie hier .

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

  • Vorwürfe aus den eigenen Reihen: Republikaner kritisieren Trump, weil er sich nicht von Rassisten distanziert. Donald Trump wollte Rassisten im TV-Duell mit Joe Biden nicht verurteilen. Dafür setzt es nun Kritik aus der eigenen Partei.

  • Kölner Sängerin darf Gefängnis in der Türkei vorzeitig verlassen: Der Vorwurf lautete Mitgliedschaft in einer Terrororganisation. Im November 2018 wurde die deutsch-kurdische Sängerin Hozan Canê in der Türkei zu sechs Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Nun wurde ihre Freilassung angeordnet.

  • Mehrere Raketen nahe Camp Erbil eingeschlagen: Angreifer haben das Camp der internationalen Koalition in Erbil attackiert. Bei dem Raketenbeschuss wurde offenbar niemand verletzt.

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.

Ihr Martin Knobbe

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