Die Lage am Donnerstag Liebe Leserin, lieber Leser,


ginge es nach Angela Merkel, würde sie die Bundestagswahl wahrscheinlich heute früh beginnen lassen. Über Monate war Merkel die träge Königin dieses Wahlkampfes, doch nun, auf den letzten Metern, wird ihr nicht Martin Schulz von der SPD gefährlich, sondern die eigene Behäbigkeit. In der Union glaubt kaum noch einer, dass Merkel das Rennen um das Kanzleramt verliert, weshalb die Kampagne seltsam lustlos erscheint.

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Heft 38/2017
Eine Gebrauchsanweisung

Das aber wiederum reizt die Anhänger der AfD, die in der Siegesgewissheit der Union nur einen weiteren Beleg für die Machtarroganz der späten Merkel-Jahre erblicken. Jeder weitere Wahlkampftag ist so ein guter für die Rechtspopulisten.

Der unerschrockene Präsident

DPA

Kurz vor Öffnung der Wahllokale ist der Bundespräsident aufgewacht, ein Mann namens Frank-Walter Steinmeier (falls es Ihnen entfallen sein sollte). "Tomaten und Trillerpfeifen sind im demokratischen Diskurs aus meiner Sicht kein Mittel zu höherer Erkenntnis, und Ohrenschmerzen kein Ausweis einer wirklich geglückten Kontroverse", sagte er. Das ist, wie soll man sagen, eine hübsch formulierte Selbstverständlichkeit. Allerdings sind die Erwartungen an Steinmeier inzwischen so gering, dass ihm sogar Banalitäten Applaus einbringen. Endlich habe sich der Präsident "aus der Deckung diplomatischer Wurstelsätze" gewagt, stand in einer Zeitung. Steinmeier wird es gerne gelesen haben. Derart ermuntert wagt er vielleicht sogar das Ungeheuerliche und ruft die Bürger auf, am Sonntag wählen zu gehen.

Bitterer Genuss

Getty Images

Wenn Sie sich schon einmal gefragt haben, unter welchen Bedingungen die Bohnen für Ihren Milchkaffee am Morgen produziert werden, kann ich Ihnen die Geschichte meiner Kollegen aus dem Wirtschaftsressort empfehlen. Sie haben recherchiert, wie sehr das milliardenschwere Geschäft mit dem Kaffee immer noch auf Ausbeutung beruht. Und wie wenig Labels wie Fair Trade in der Praxis bringen. Der Kaffeekolonialismus, das ist das Fazit meiner Kollegen, kann nur durchbrochen werden, wenn die Macht der großen Lebensmittelkonzerne beschnitten wird und die Rohstoffländer selbst damit anfangen, ihre Bohnen zu rösten und zu verkaufen.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Verlierer des Tages...

AFP

... sind die Sozialisten in Frankreich. Nach dem Debakel bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Frühjahr muss die Parti Socialiste ihr Hauptquartier im noblen siebten Pariser Arrondissement verkaufen. Bis zu 60 Millionen Euro wird das Gebäude erlösen. Aber mehr noch als Geld fehlt den Sozialisten eine Idee, wie sie wieder zu alter Größe zurückfinden. Sie sind zu einer Splitterpartei geschrumpft, weil sie die Macht wollten, aber nie den Mut hatten, zur Not auch gegen Widerstände das Land zu reformieren. Das Schicksal der französischen Sozialisten sollte den Sozialdemokraten in Deutschland eine Warnung sein. Die SPD war immer dann erfolgreich, wenn sie die Mitte der Gesellschaft erreichte. Der Ratschlag mancher Kommentatoren, die Partei müsse wegen anhaltender Erfolglosigkeit nun beherzt nach links rücken, wird der Union endgültig ein Dauerabo auf das Kanzleramt sichern.

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag.

Ihr René Pfister

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insgesamt 32 Beiträge
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thequickeningishappening 21.09.2017
1. # Merkel Wahlkampf
Der Machterhalt scheint gesichert und trotzdem wird es am Sonntagabend lange Gesichter in der CDU Zentrale geben!
okav 21.09.2017
2. Nicht sehr ökologisch und auch nicht ökonomisch
Die Kaffeebohnen in den Herkunftsländern zu Rösten und zu Verpacken kann sicher nicht die Lösung sein. Die Bohnen verdoppeln ihr Volumen bei diesem Vorgang und würden damit den logistischen Aufwand auch sinnlos verdoppeln. Von daher ist die Verarbeitung der Bohnen nahe am Verbrauch sehr sinnvoll. Das Problem der Unterbezahlung in den Rohstoffländern sollte daher anders angegangen werden.
okav 21.09.2017
3. Nicht sehr ökologisch und auch nicht ökonomisch
Die Kaffeebohnen in den Herkunftsländern zu Rösten und zu Verpacken kann sicher nicht die Lösung sein. Die Bohnen verdoppeln ihr Volumen bei diesem Vorgang und würden damit den logistischen Aufwand auch sinnlos verdoppeln. Von daher ist die Verarbeitung der Bohnen nahe am Verbrauch sehr sinnvoll. Das Problem der Unterbezahlung in den Rohstoffländern sollte daher anders angegangen werden.
Putenbuch 21.09.2017
4. Präsident Kleinmut
Es steht dem Bundespräsidenten nicht zu, sich schulmeisternd an den Bürger zu wenden. Der Bürger ist weder das Kind, noch der Schüler dieses Mannes. Auf der FB-Seite des Bundespräsidenten ist der Stream einer Diskussion zu sehen. Dort reagiert der Bundespräsident geradezu patzig auf einen Fragesteller. Herr Steinmeier hat, wie erwartet, m.E. nicht das nötige Format diese Rolle mit Größe und Würde auszufüllen. Stattdessen: Kleinmut und Eitelkeit.
Kapustka 21.09.2017
5. Ach je
Genau das gleiche Gesülze wie vor 4 oder 8 Jahren. Da war Merkel angeblich auch behäbig und selbstgefällig. Es gab sogar ein eigenes Spiegel-Titelbild dazu. Auch wenn es dem Redakteur nicht passt: Union 36, SPD 22.
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