Philipp Wittrock

Die Lage am Morgen Angela Merkel und die wilde 16

Philipp Wittrock
Von Philipp Wittrock, Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute geht es einmal mehr um den Wettlauf der deutschen Länder aus den Corona-Beschränkungen, um den anstehenden Autogipfel mit der Kanzlerin und die Debatte über den Bundesliga-Neustart.

Merkel und die Öffnungsorgien

Gerade einmal zwei Wochen ist es her, da hat sich die Kanzlerin über die "Öffnungsdiskussionsorgien" in manchen Ländern beklagt. Über das Diskussionsstadium ist man inzwischen weit hinaus. Was da derzeit aus den föderalen Einheiten der Republik vermeldet wird, wenn es um die Lockerung der Corona-Regeln geht, muss auf Angela Merkel wie eine einzige Öffnungsorgie wirken.

Zur Erinnerung: Zuletzt tagten die 16 Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten vergangenen Donnerstag mit der Kanzlerin in einer Videokonferenz. Am Mittwoch ist die nächste Runde zur Koordinierung geplant. Wozu eigentlich, mag sich Merkel denken, wenn zwischendurch eh jeder macht, was er will. Wenn ihr Sprecher nun von regionalen "Akzenten" oder "Nuancen" spricht, ist das ein ziemlich hilfloser Versuch, die Brüskierung der Regierungschefin herunterzuspielen.

Jeder Landesfürst mag Gründe für sein Handeln haben. Er hat auch das Recht dazu. Und vielleicht handelt er sogar richtig. Aber warum trägt er seine Pläne dann nicht im großen Kreis vor? Er sehe der anstehenden Schalte mit der Kanzlerin "mit ehrlichem Interesse" entgegen, sagt Niedersachsen-MP Stephan Weil. Eine nette Art zu sagen: Wegen mir müssen wir die Schalte nicht machen.

Markus Söder war gestern "ein bisschen unglücklich" über das Vorpreschen der anderen. Vielleicht aber nur, weil er es nicht mag hinterherzurennen. Jetzt jedenfalls hält er es für effizienter, wenn jeder für sich selbst entscheide. Die "Gemeinschaft der Umsichtigen", zu der er sich jüngst noch mit Merkel zählte, könnte am Dienstag aufgekündigt werden. Dann will Bayerns Ministerpräsident seine eigenen, neuen Lockerungsvorschläge verkünden.

Merkel und die Kaufprämien

Klar, die Autoländer Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen sind dafür. Aber wenn sogar die FDP und der Wirtschaftsflügel der Union Zweifel am Sinn einer Autokaufprämie anmelden, dann muss einem das zu denken geben. Schließlich ist man dort sonst nicht so zurückhaltend, wenn die deutsche Autoindustrie um Hilfe ruft.

Tatsächlich halten viele Experten - und zwar nicht nur Umweltschützer – eine solche Prämie, die es auch für Verbrenner-Neuwagen geben soll, für wenig geeignet, das Interesse am Fahrzeugkauf nach der Coronakrise wieder nachhaltig zu steigern, aus ökonomischen und ökologischen Gründen.

Dazu kommen moralische Bedenken. Die Aussichten mögen düster sein, aber Daimler, Volkswagen und BMW sitzen noch immer auf Milliarden, Zehntausende ihrer Mitarbeiter erhalten Kurzarbeitergeld von der Arbeitsagentur. Während sie vom Staat Subventionen fordern, wollen die Konzerne gleichzeitig Dividende an die Aktionäre ausschütten. Dass einer wie VW-Chef Herbert Diess erklärte, die Dividende oder auch Manager-Boni nur "als letztes Mittel" kürzen zu wollen, ist auch noch nicht vergessen.

Die Kanzlerin und ihre zuständigen Minister werden all das bedenken müssen, wenn sie sich am Dienstagvormittag die Forderungen der Autobauer und Gewerkschaften anhören.

Kalou und der Videobeweis

Zehn Infizierte bei 1724 Corona-Kontrollen - das sind 0,6 Prozent. Und darum wertet die DFL die erste Testwelle bei allen Vereinen der 1. und 2. Bundesliga als Beleg dafür, dass der Profifußball bereit zum Geister-Comeback ist. Doch die Frage bleibt: Wie geht man mit den Infektionen um? Sportminister Horst Seehofer ist für einen Start der Bundesliga im Mai, sagt aber auch: Ein Corona-Fall im Team oder seinem Stab sollten zwei Wochen Quarantäne für den gesamten Klub bedeuten.

Vom 1.FC Köln, der am Wochenende drei Erkrankte gemeldet hatte, ist genau das aber nicht bekannt. Hielte man sich daran, würde es die geplante Wiederaufnahme am 15. Mai ohnehin hinfällig machen. Und überhaupt: Wie soll das im laufenden Spielbetrieb gehen?

Dazu kommt das entlarvende Facebook-Video des Hertha-Spielers Salomon Kalou. Der filmte sich bei Handshakes mit Teamkollegen und Betreuern, crashte den Corona-Test eines Mitspielers. Kalou ist inzwischen suspendiert, aber sein Videobeweis zeigt auch: Bis auf den medizinischen Mitarbeiter ("Sala, lösch das bitte!") fand es keiner der Gefilmten anstößig, auf die Hygieneregeln zu pfeifen.

Sieht aus, als gebe es zwischen Politik und Bundesliga noch einiges zu besprechen, wenn Merkel und die Ministerpräsidenten am Mittwoch grünes Licht für den Fußball geben sollen.

Gewinner des Tages…

…sind die Urlauber, zumindest jene, die es ans Meer zieht. Lassen wir einmal alle Lockerungsdebatten beiseite - dass Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen noch vor Pfingsten wieder Gäste an ihre Küsten lassen wollen, ist allein vor dem Hintergrund eines gewissen Krisenerholungsbedarfs eine gute Nachricht.

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