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28. März 2018, 05:19 Uhr

Die Lage am Mittwoch

Liebe Leserin, lieber Leser,

während heute das katalanische Parlament zu einer Sondersitzung im Fall Puigdemont zusammentritt, rätseln die Deutschen, warum sich die Bundesregierung so unmissverständlich an die Seite der Madrider Zentralregierung gestellt hat. Die Antwort liegt auf der Hand. Angela Merkel ging es nicht nur um uneingeschränkte Solidarität mit dem spanischen Premierminister Mariano Rajoy, sondern auch um eine Warnung an die Separatisten aus der eigenen Schwesterpartei.

Schließlich hatten die CSU-Granden Horst Seehofer und Markus Söder in den vergangenen Tagen deutlich gemacht, dass sie von der Richtlinienkompetenz der Kanzlerin nichts halten und eine eigene Polizeitruppe zur Sicherung der bayerischen Außengrenze aufbauen wollen. Nun lautet die Frage: Wird Merkel darauf drängen, den Tatbestand der Rebellion ins Strafgesetz aufzunehmen?

Der automatische Bürgermeister

Olaf Scholz ist dafür bekannt, dass er selbst zu fröhlichsten Anlässen mit dem Esprit des Bergedorfer Telefonbuchs zu reden versteht. Glaubt man den Porträts, die derzeit von seinem designierten Nachfolger Peter Tschentscher gezeichnet werden, wird es in der Hansestadt bald noch nüchterner zugehen. Der Mann sei noch mehr in Zahlen und Details verliebt als sein Vorgänger, heißt es. Heute wird der bisherige Finanzsenator zum Hamburger Bürgermeister gewählt, und wenn nicht alles täuscht, steht die Abstimmung unter dem Motto: Vom Scholzomat zum Tschentscherator.

Spion gegen Spion

Nach dem Giftgasanschlag auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal ist ein weltweiter Abbau von Geheimdienstkapazitäten in Gang gekommen, der nicht nur negative Züge aufweist. Erst verwies die britische Regierung 23 russische Diplomaten (genauer: Spione) des Landes, dann schickte der Kreml die selbe Anzahl britischer Agenten nach Hause. Gestern warfen 26 weitere Staaten mehr als 140 russische Geheimdienstmitarbeiter hinaus, und heute wird damit gerechnet, dass Moskau entsprechende Gegenmaßnahmen verhängt. Wie wäre es nun, so lautet die vielleicht etwas naive Frage, wenn beide Seiten nach dem selben Prinzip auch die Zahl ihrer Raketen oder Soldaten reduzierten?

Die Goldman-Sachsen

In den USA ist der Einfluss der Investmentbank Goldman Sachs seit Jahren legendär, nun könnte er in Deutschland noch größer werden. Zunächst ernannte Vizekanzler Olaf Scholz den Deutschland-Chef des Kredithauses, Jörg Kukies, zum neuen Finanzstaatssekretär. Dann wurde bekannt, dass Kukies Europa-Kollege Richard Gnodde als Nachfolger des glücklosen Deutsche-Bank-Chefs John Cryan im Gespräch ist - oder zumindest bis vor Kurzem war. Es bedarf nicht viel Fantasie, um sich das tiefe Verständnis zwischen dem obersten Regulator und dem wichtigsten Konzernchef seiner Branche auszumalen, wenn beide aus dem selben Haus kommen. Oder, um es im Manager-Jargon der Goldmänner auszudrücken: den Synergieeffekt.

Verlierer des Tages...

...ist Donald Trump. Der US-Präsident nennt sich gern "größter Job-Beschaffer aller Zeiten". Doch seit der mächtigste Bauunternehmer der Welt einen globalen Handelskrieg riskiert, der alle Beteiligten einschließlich der USA zu Verlierern machen würde, senken die internationalen Finanzanleger die Daumen. Von Dax bis Dow Jones drehten die Weltbörsen in den vergangenen Wochen ins Minus. "Benutze deine Verhandlungsmacht", lautet der Leitsatz in Trumps Buch "The Art of the Deal". Vielleicht sollte sich der Präsident zur Abwechslung mal an Immanuel Kant orientieren: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen."

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Ich wünsche Ihnen einen erkenntnisreichen Tag,

Ihr Michael Sauga

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