Susanne Beyer

Die Lage am Morgen Spinnen die Deutschen? Das Rätsel um die Impfskepsis

Susanne Beyer
Von Susanne Beyer, Autorin im SPIEGEL-Hauptstadtbüro

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute geht es um die Fragen, warum so viele Deutsche der Coronaimpfung misstrauen, ob wir ein allzu homogenes Kabinett bekommen und welche neuen Regeln am Arbeitsplatz gelten.

Die spinnen, die Deutschen

Sie war lange, zu lange, kaum noch sichtbar, man hat sie zwar früh warnen hören vor der vierten Welle, energisch genug abgewehrt hat sie sie aber nicht. Seit Montag jedoch wirkt die noch amtierende Kanzlerin wieder kämpferisch.

Gestern hat sie sogar Vertreter der Ampelparteien ins Kanzleramt einbestellt. Sie soll ihnen ins Gewissen geredet haben. Denn mit dem heutigen Tag läuft die epidemische Lage von nationaler Tragweite aus. Merkel hat wohl deutlich gemacht, dass sie die Nachfolgeregelung, die am vergangenen Donnerstag mit der Mehrheit der Ampelparteien im Bundestag beschlossen worden ist, für unzureichend hält.

Deutschlandflagge bei einer Kundgebung von Kritikern der Coronamaßnahmen der Bundesregierung auf dem Leipziger Augustusplatz

Deutschlandflagge bei einer Kundgebung von Kritikern der Coronamaßnahmen der Bundesregierung auf dem Leipziger Augustusplatz

Foto: Sebastian Willnow / dpa

Kommt die allgemeine Impfpflicht? Befürwortern gilt der anstehende Regierungswechsel als richtiger Moment dafür – nach dem Motto: neue Lage, neue Leute, neue Beschlüsse. Skeptiker aber weisen darauf hin, dass der größte Teil der neuen Regierung, die SPD, schon der alten Regierung angehörte, die eine Impfpflicht ausgeschlossen hatte. Die Grünen hatten den Kurs der alten Regierung unterstützt. Die FDP müsste ohnehin einen sehr weiten argumentativen Weg zurücklegen, um einer Impfpflicht zustimmen zu können.

Eines muss aber eingeräumt werden: Als sich Vertreter von CDU, SPD, Grünen und FDP klar gegen eine Impfpflicht aussprachen, war nicht zu ahnen, dass die Deutschen beim Impfen insgesamt störrischer sein würden als Bewohner anderer Länder.

Die Deutschen sind sich darin gerade selbst ein Rätsel. Ist es der Rechtsruck? Sind die Anthroposophen schuld? Der Naturglaube der Romantik? Die Neigung zur Esoterik? Eine Staatsferne in ländlichen Regionen? Die Thesen schwirren nur so umher, und es entstehen aufschlussreiche Texte. Mein Kollege Tobias Rapp, der selbst eine Waldorfschule besucht hat, beschreibt am eigenen Beispiel die Besonderheiten dieser Prägung. Tom Nuttall, »Economist«-Korrespondent in Berlin, schreibt in einem Gastbeitrag für den SPIEGEL  britisch-nüchtern: Das Land müsse sich damit abfinden, eine ganz normale europäische Erfahrung zu machen.

Die Fragen nach den kulturellen Ursachen der Impfskepsis können nur nützlich sein. Denn nur wer sich selbst kennt, kann sich ändern.

Ab nach Hause

Auch wir aus dem Berliner Hauptstadtbüro haben vor ein paar Tagen eine E-Mail von der Ressortleitung bekommen, in der sie erklärte, welche Coronaregeln nun gelten. 3G am Arbeitsplatz – wie in allen deutschen Betrieben. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen, bevor sie ihren Betrieb betreten, nachweisen, dass sie geimpft, genesen oder negativ getestet sind. Arbeitgeber müssen die Nachweise überprüfen. Diejenigen, die von zu Hause arbeiten können, sollen das möglichst tun. Was Wirtschaftsverbände dazu sagen, was Datenschützer kritisieren und welche Sanktionen denen drohen, die die neuen Pflichten umgehen wollen – das alles können Sie hier nachlesen:

Bekommt Deutschland ein vielfältiges Kabinett?

Ob und inwiefern die neue Regierung in Deutschland gleichberechtigt und divers genug besetzt sein wird, ist in diesen Tagen ein großes Thema. Vor knapp einem Jahr, am 27. November 2020, hat Olaf Scholz getwittert: »Ich gebe hier heute das Versprechen ab: Ein von mir als Bundeskanzler geführtes Kabinett ist mindestens zur Hälfte mit Frauen besetzt!«

Heute wird erwartet, dass die Ampelparteien ihren Koalitionsvertrag vorstellen. Es kann aber noch etwas dauern, bis sie erklären, wen sie ins Kabinett schicken wollen.

Wird Scholz sein Versprechen einhalten? Und was ist, wenn zwar eine Parität der Geschlechter erreicht, aber kein Minister, keine Ministerin mit Migrationshintergrund vertreten sein wird?

Dass sie damit nicht einverstanden wären, haben Anfang der Woche Stipendiatinnen und Stipendiaten der Deutschlandstiftung Integration klargemacht. Unter dem Hashtag #wirsind20millionen schickten sie einen Aufruf an die zukünftige Bundesregierung, darin forderten sie: »Die Vielfalt Deutschlands muss im Jahr 2021 im Bundeskabinett repräsentiert werden.« – »Wir wollen mitentscheiden. Jetzt.«

Natürlich muss ein Minister viele Interessen mitvertreten, für die er mit der eigenen Biografie nicht steht. Und natürlich sollte eine Ministerin mit Migrationshintergrund nicht vor allem über ihr Geschlecht oder die Herkunft ihrer Vorfahren definiert werden.

Politiker Özdemir

Politiker Özdemir

Foto: Jan Woitas/ dpa

Dass aber auf den Kabinettslisten, die in Berlin zurzeit kursieren, bislang nur deutsch klingende Namen gehandelt werden, ist kein gutes Zeichen. Der Grünenpolitiker Cem Özdemir zum Beispiel verfügt über ausreichend politische Erfahrung für ein Ministeramt und außerdem über die Neigung und das Talent, die eigene Herkunft öffentlich so zu reflektieren, dass selbst verstockte Vertreter der Mehrheitsgesellschaft verstehen, worum es geht. Sollte jemand wie er ernsthaft nicht infrage kommen?

Ich habe mir vor einigen Tagen das Video eines Auftritts von Özdemir bei einer SPIEGELlive-Veranstaltung Ende Oktober im Hamburger Thalia-Theater angesehen. Der Anlass war der 60. Jahrestag des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei. Es hat mich beschämt und beeindruckt, wie Özdemir von einer Ermahnung seines Vaters erzählte, der als sogenannter Gastarbeiter nach Deutschland gekommen war. 1994 gehörte Cem Özdemir zu den ersten Bundestagsabgeordneten mit türkischen Eltern. Sein Vater habe damals zu ihm gesagt, er müsse jetzt sehr aufpassen – ein möglicher Fehler von ihm werde auf die Gemeinschaft der Türkischstämmigen zurückfallen. »Angekommen bist du, wenn du auch einen Fehler machen darfst«, fügte Özdemir seiner Erzählung an. Es wirkte nicht, als glaube er, sich in seiner Heimat, in Deutschland, Fehler erlauben zu dürfen.

Bekommt Schweden die erste Regierungschefin?

Deutschland gilt im Vergleich zu Schweden in Fragen der Gleichberechtigung als rückständig. In entsprechenden Rankings rangiert es immer weit hinter dem skandinavischen Land. Und doch konnte Deutschland jetzt 16 Jahre lang eine Regierungschefin vorweisen, die Schwedinnen und Schweden hatten hingegen noch nie eine Ministerpräsidentin.

Mögliche schwedische Regierungschefin Magdalena Andersson

Mögliche schwedische Regierungschefin Magdalena Andersson

Foto:

Adam Ihse / EPA

Heute aber könnte die Sozialdemokratin Magdalena Andersson die erste schwedische Regierungschefin werden – mit Betonung auf könnte. Denn sicher ist es keineswegs, dass sie als Nachfolgerin von Ministerpräsident Stefan Löfven gewählt werden wird. Die Abstimmung im Reichstag in Stockholm beginnt um neun Uhr.

Gewinner des Tages…

»Liebe ist ein Tuwort. Solidarität auch.« (Symbolbild)

»Liebe ist ein Tuwort. Solidarität auch.« (Symbolbild)

Foto: DER SPIEGEL/Susanne Beyer

...sollen diejenigen sein, die sich auch heute etwas einfallen lassen, um auf freundliche Weise für das Impfen zu werben. Die SPIEGEL-Zentrale steht ja in Hamburg, hier gibt es einige Beispiele:

Ein Hamburger Luxushotel hat sich mit einem Autohändler zusammengetan: Von einem Chauffeur werden die Angemeldeten abgeholt – die Impfung gibt es dann in der Skyline Bar mit Blick über den Hafen. Das Angebot ist bereits ausgebucht.

Die Fischauktionshalle auf dem Fischmarkt in Altona wird zur Impfstation.

Am Montag hat die Elbphilharmonie zur Coronaschutzimpfung in die Künstlerzimmer und den Großen Saal geladen.

Bei einem Spaziergang gestern, ebenfalls in Hamburg, bin ich durch einen mit Graffiti besprühten Durchgang gekommen. Auf einem Sofa, das dort für den Sperrmüll abgestellt war, lehnte ein selbst gemaltes Bild mit einem Spruch, der ganz sicher naiv, vielleicht aber auch nützlich ist: »Liebe ist ein Tuwort. Solidarität auch.«

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Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.

Ihre Susanne Beyer

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