Dirk Kurbjuweit

Die Lage am Morgen Merkels Irrtum

Dirk Kurbjuweit
Von Dirk Kurbjuweit, Autor im SPIEGEL-Hauptstadtbüro

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute befassen wir uns mit dem Spitzentreffen der deutschen Politik, mit der Frage, ob Shoppen Bürgerpflicht ist, mit einer Raketenlücke und mit Borussia Dortmund.

Das Ende des Bibberns

Stell dir vor, die Bundeskanzlerin redet mit den Ministerpräsidenten, und es interessiert kaum noch einen. So ähnlich ist die Situation heute. Ganz anders als vor wenigen Wochen, als diese Treffen über den Alltag der Deutschen entschieden. Nun ist der Alltag fast wieder normal, außer in den Schulen und ein paar anderen Bereichen. Niemand wartet bibbernd darauf, was Angela Merkel und die Kollegen aus den Ländern heute beschließen werden.

Beim letzten Treffen am 6. Mai wurde das Krisenmanagement weitgehend in die Hände der Ministerpräsidenten und Landräte gelegt. Die Runde hatte einige Lockerungen beschlossen, zum Teil gegen den Widerstand Merkels, die aus Wut gesagt haben soll, sie sei kurz davor aufzugeben.

Aus heutiger Sicht hat sich Merkel geirrt. Trotz der Lockerungen sind die Fallzahlen gesunken. Auch wenn es immer noch neue Infektionen gibt, rechtfertigen die Zahlen keine drastischen Eingriffe in die Freiheit. Einzelne Hotspots können lokal und regional bekämpft werden. Auch das ist nur ein Zwischenstand, aber wenn es dabei bleibt, kann man nur froh sein, dass Merkel ihren härteren Kurs Anfang Mai nicht mehr durchsetzen konnte.

Guter Konsum? Schlechter Konsum?

"Shoppen ist jetzt erste Bürgerpflicht" heißt heute eine Überschrift im Wirtschaftsteil der "Süddeutschen Zeitung". Es geht um Großbritannien, aber so ähnlich gilt das auch für Deutschland. Tatsächlich geistert dieser Satz schon seit einigen Wochen durch meinen Kopf und löst in mir ein gewisses Widerstreben aus. Um den wirtschaftlichen Einbruch infolge der Coronakrise halbwegs begrenzen zu können, müssten wir jetzt kaufen, kaufen, kaufen. Dann wären wir gute Staatsbürger - in dem Sinne, dass wir etwas für das Wohl unseres Landes tun, auch für Europa und die Welt.

Vor Corona war aber Shoppen eines der Probleme der Welt. Auch weil so viel gekauft wurde, stiegen die Temperaturen zum Schaden der Erde und der Menschen. Als guter Staatsbürger galt da eher, wer nachhaltig shoppte oder mal verzichtete.

Nun können viele Menschen nicht mehr so einfach shoppen, weil sie ihr Einkommen oder Teile davon verloren haben oder damit rechnen müssen, dass dies noch passiert. Andere wollen nicht mehr so richtig, darunter ich selbst.

Shoppen war eine Kulturtechnik geworden, verbunden mit den Genüssen des Flanierens und des Genießens in Restaurants und Bars. Shoppen war nicht mehr kaufen im Sinne von: Ich brauche das. Shoppen hieß: Ich will das haben. Shoppen wurde Teil einer Lebensform.

Diese Lebensform scheint zum Teil infrage zu stehen. Es wird nicht genug gekauft, um die Konjunktur richtig in Schwung zu bringen. Da man auf jeden Fall das kauft, was man braucht, verzichtet man offenbar nun auf einiges von dem, was man nicht braucht. Ist das falsch?

Man könnte einfach sagen: Nein, es ist gut für das Klima. Aber was ist mit den Leuten, die ihre Arbeitsplätze verlieren, weil nicht mehr genug geshoppt wird?

Dieser Grundkonflikt existiert schon länger, in den Zeiten von Corona spitzt er sich zu. Man könnte anfangen, Ökoprodukte zu kaufen, die man nicht braucht. Aber das ist auch keine Lösung. Ich habe keine, das muss ich zugeben. Nur ein großes Unbehagen. Ich bin gern Staatsbürger, aber wenn ich shoppen muss, um mich darin zu beweisen, kann etwas nicht stimmen.

Ohne Kraft

Raketenlücke war ein Wort meiner Kindheit im Kalten Krieg. Es war Bundeskanzler Helmut Schmidt, der eine Raketenlücke bei der Nato entdeckt hatte. In einem Bereich der atomaren Mittelstreckenraketen war der Warschauer Pakt im Vorteil. Es folgte die Nachrüstung, die gegen viele Proteste durchgesetzt wurde.

Heute konferieren die Verteidigungsminister der Nato und beraten unter anderem darüber, wie sie auf eine neue Raketenlücke reagieren sollen. Wieder hat Russland einen Vorteil bei atomaren Mittelstreckenwaffen. Für eine neue Nachrüstung fehlen der kriselnden Nato aber Kraft und Wille.

Verlierer des Tages...

...ist, tja, Borussia Dortmund. Da können sie heute machen, was sie wollen, können 3:0 gegen Mainz 05 gewinnen, 5:0, 12:0. Es nützt nichts, Meister werden sie in dieser Saison nicht mehr. Das ist seit gestern der glorreiche FC Bayern München, zum 8. Mal hintereinander, zum 30. Mal insgesamt.

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