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04. Juni 2018, 05:16 Uhr

Die Lage am Montag

Liebe Leserin, lieber Leser,

das ist es also? Mehr als acht Monate hat Deutschland gebraucht, um auf Emmanuel Macrons Vorschläge für Europa zu antworten. Eigentlich schon seit seinem Präsidentschaftswahlkampf wirbt der Franzose um Deutschland, um die Kanzlerin, er hält Reden an der Sorbonne, in Aachen, er umgarnt und argumentiert, bietet an und beschwört. Er selbst hat geliefert, hat in Frankreich die Reformen auf den Weg gebracht, die seine Vorgänger nicht anzugehen wagten. Angela Merkel dagegen hat ihn lange warten lassen, jetzt hat sie ihm geantwortet. In einem Zeitungsinterview.

Das sagt schon viel. Viel ist es nicht, was sie zu bieten hat. Auf Macrons großen Wurf antwortet Deutschland mit Kleinklein. Wenig Neues ist da, wenig, was nicht schon im Koalitionsvertrag steht oder lange geplant ist, der Europäische Währungsfonds, ein Investitionshaushalt, nicht üppig, an viele Bedingungen gebunden. Schließlich: eine gemeinsame Interventionsarmee. Merkel zeigt sich offen für Macrons Vorschlag, besteht aber auf dem Parlamentsvorbehalt. Wie soll das dann funktionieren? Sie hat, das ist das Fazit, nicht den Mut, gegen Widerstände in ihrer Partei für mehr Europa zu kämpfen. Und für uns Europäer: das schreckliche Gefühl, das eine historische Chance vertan wird und wir das einmal sehr bereuen werden.

Appeasement gegenüber Washington

Apropos Reue: In letzter Zeit scheint mir das Wort "Appeasement" sehr in Mode zu kommen. Es bezeichnet ja eine Politik des falschen und irgendwie feigen Kompromisses, der sich dann später rächt, naiv vielleicht auch, den vergeblichen Versuch, mit Zugeständnissen zu besänftigen. Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu etwa, der heute nach Berlin kommt, hat das Atomabkommen mit Iran mit dem Münchner Abkommen von 1938 verglichen. Er hält die Übereinkunft mit Teheran für Appeasement-Politik. Ich dagegen fürchte, dass die Europäer sich Trump, der das Abkommen aufgekündigt hat, nicht entschieden genug entgegenstellen werden und damit ihrerseits eine Politik der "Appeasement" verfolgen: gegenüber dem amerikanischen Präsidenten.

Sozialdemokraten in Klausur

Die SPD-Fraktion beendet heute in Berlin ihre zweitägige Klausur, es soll um die lange versprochene Erneuerung gehen, um das Profil der SPD und, so Fraktionschefin Andrea Nahles, Debatten, die man lange vernachlässigt habe.

Von Klarheit ist die Rede, und man möchte das alles gern glauben, aber es klappt einfach nicht.

Das Schweigen der Rechten

Ich habe lange überlegt, ob ich den Vogelschiss-Vergleich von Alexander Gauland hier erwähnen soll. Sein zynisches Kalkül ist ja gerade, dass sich alle tagelang daran abarbeiten. Darauf zu reagieren ist also kontraproduktiv, es nicht zu tun, ist unanständig. Ich habe mir dann angeschaut, wer sich so über Gauland empört hat: die Grünen, die Linkspartei, Martin Schulz, Annegret Kramp-Karrenbauer. Was mir gefehlt hat: Wo waren eigentlich diejenigen in der Union, die glauben, dass man die AfD am besten bekämpft, indem man weit nach rechts rückt? Den rechten Rand abdecken - gehörte dazu nicht, dass man dann irgendwo doch eine rote Linie zieht? Wo also waren die Kommentare von Jens Spahn etwa, der ja gerne über Anstand spricht, oder Markus Söder?

Verlierer des Tages...

... ist die Band Dschingis Khan, fremd und geheimnisvoll, Sie wissen schon: Mossskauuuuu. Jetzt hat Ralph Siegel den Song zur WM in Russland neu aufgelegt, es wird hintereinander auf Deutsch, Russisch, Spanisch und Englisch gesungen. Alle kitschigen Klischees von Russland werden wieder zusammengerührt, dazwischen stolpert Jogi Löw durchs Bild und Kinder spielen Fußball: "Fußball ist wie Kasatschok." Ich habe in Moskau geheiratet, meine aus Deutschland angereisten Freunde sangen damals eine persönliche Adaption des Lieds. Ich bin also, was den Song angeht, durchaus zur Sentimentalität bereit, aber auch sensibel. Am unglaublichsten ist der russische Teil der aktuellen Version, den ein bekannter Schlagersänger und seine Tochter bestreiten, der Text ist für das Mindset der Russen adaptiert, komplett ironiefrei, er besingt "Tapferkeit, Männlichkeit, Kraft und Jugend" der Spieler. Sie betet derweil für den Sieg. Das Ganze ist sooo peinlich, dass es schon fast wieder komisch ist. Hohohohoho!

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Ich wünsche Ihnen einen wilden Start in die Woche.

Herzlich,
Ihre Christiane Hoffmann

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