Die Lage am Montag Liebe Leserin, lieber Leser,

der politische Deal wird gern Donald Trump als Lieblingsmethode zugeschrieben. Zuletzt machte dessen Schwiegersohn und Chefberater Jared Kushner von sich als Möchtegern-Dealmaker die Rede, weil er mit einem 50-Milliarden-Dollar-Investitionsprojekt den seit 70 Jahren schwelenden Konflikt zwischen Israel und Palästina beenden will. Das Ganze droht allerdings zu einem Dealkrepierer für Trump zu werden: Zu einer ersten Vorstellung der Idee in Bahrain tauchten die Palästinenser erst gar nicht auf.

Nun setzt Trump seine Hoffnungen auf einen anderen Deal: Mit Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un will der US-Präsident wieder in Verhandlungen zum Atomprogramm einsteigen. Dafür hatte sich Trump am Wochenende spontan mit Kim getroffen - und als erster US-Präsident die Grenze nach Nordkorea überschritten. Mehr Symbolik geht kaum, aber befördert sie wirklich den erhofften Deal?

Politik ist mehr als eine Summe von mehr oder weniger klugen Deals, sie ist komplexer und unberechenbarer, in Brüssel war das gestern zu beobachten. Da hatte Angela Merkel wohl geglaubt, vom G20-Gipfel in Osaka einen guten Deal mitgebracht zu haben. Sie war bereit, den CSU-Mann und Spitzenkandidaten der EVP-Fraktion im Europaparlament, Manfred Weber, als Kandidaten für den Posten des mächtigen EU-Kommissionspräsidenten zu opfern, weil zu viele Staats- und Regierungschefs, allen voran Emmanuel Macron, ihn nicht haben wollten.

Stattdessen sollte nun der Sozialdemokrat Frans Timmermans Kommissionschef werden und Weber Präsident des EU-Parlaments: Doch Merkel und EU-Ratspräsident Donald Tusk, der den Vorschlag vortrug, hatten die Rechnung nicht mit der EVP gemacht. Einige ihrer Vertreter sahen sich unterverkauft, war die EVP doch aus den Europawahlen als stärkste Fraktion hervorgegangen. Dann, so die Argumentation der Dealgegner, habe sie auch das Recht, das mächtigste Amt zu besetzen. Die ganze Nacht lang liefen die Verhandlungen, Ratspräsident Tusk führte bis zum Morgen viele Einzelgespräche. Beichtstuhlverfahren heißt diese Methode.

Die Schwierigkeiten mit dem Brüssel-Deal zeigen, dass Angela Merkel auch auf europäischer Ebene an Glanz verliert. Bisher konnte sie fast sicher sein, dass ihre Vorschläge mindestens gehört und in vielen Fällen auch ohne große Schwierigkeiten umgesetzt werden. Vor allem mit den Visegrád-Staaten Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn sieht sie sich nun aber harten und oft kompromisslosen Gegnern gegenüber. Und die EVP folgt, wie diese Nacht zeigte, nicht automatisch ihrem Wort. Die Kanzlerin, sie ist keine Dealgarantin mehr.

Mehr über die aktuellen Entwicklungen aus Brüssel lesen Sie auf SPIEGEL ONLINE und auf Twitter bei meinen Kollegen Peter Müller (@PeterMueller9 ) und Markus Becker (@MarkusBecker ) aus Brüssel.

Seehofer ganz im Osten

Foto: Michael Kappeler/ DPA

Heute besucht Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) zusammen mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) das schöne Görlitz. Schön deshalb, weil viele Fassaden der Stadt an ein Museum oder an eine Filmkulisse erinnern. Schön auch, weil man nur über die Brücke gehen muss, um in einem urigen Restaurant polnisch zu essen und ein kühles Zywiec zu trinken.

Das hat Seehofer eher nicht vor, er will über den Strukturwandel reden, "am Beispiel Bauen 4.0", wie es in der Ankündigung heißt. Anschließend will er sich mit Bürgern unterhalten.

Seehofer kommt als Minister, nicht als Wahlkämpfer, aber man muss nur eins und eins zusammenzählen: In Görlitz hat es nur ein parteiübergreifendes Bündnis zu verhindern vermocht, dass der AfD-Kandidat Bürgermeister der Stadt wurde. In Görlitz hat Ministerpräsident Kretschmer 2017 sein Direktmandat bei der Bundestagswahl an den AfD-Konkurrenten verloren und musste den Bundestag verlassen. In Görlitz wurde bei der Europawahl die AfD mit 32,4 Prozent mit Abstand die stärkste Partei.

Am 1. September wählt Sachsen einen neuen Landtag. Man kann wohl behaupten: Der Wahlkampf hat begonnen.

Biedermeier

Foto: Gert Eggenberger/ dpa

Gestern hat die Österreicherin Birgit Birnbacher den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Ich finde die Autorin und ihre Biografie sympathisch. Sie ist keine Karriereschriftstellerin, hat früh die Schule abgebrochen, arbeitete als Behindertenpädagogin in der Kinder- und Jugendarbeit, reiste nach Indien und Äthiopien, um dort zu helfen, machte das Abitur nach, studierte Soziologie und Sozialwissenschaften und arbeitete neben dem Schreiben als Soziologin weiter, was wohl erklärt, warum sie eine so authentische Nähe zu ihren Protagonisten entwickelt, die sich oft in einem prekären Umfeld bewegen.

Ich habe Birnbachers Debütroman "Wir ohne Wal" in einem Rutsch gelesen, eine Collage von Momentaufnahmen aus dem Leben einiger 20- bis 30-Jährigen in einer Kleinstadt, in Teilen tragisch, in Teilen komisch, in Teilen beides zusammen, aber immer in atemloser, kraftvoller Sprache erzählt. Ausgezeichnet wurde Birnbacher für einen Text, in dem es um eine Ich-Erzählerin geht, die an einer soziologischen Studie teilnimmt. Zentral in der Geschichte aber ist ein Biedermeierschrank, der unvermittelt auftaucht. Ein Geschenk der Mutter, wie sich später herausstellt. Sie können den Text hier bei den Kollegen vom ORF lesen .

Gewinnerin des Tages...

Foto: Maurizio Gambarini/ DPA

... ist die Deutsche Presse-Agentur, die am 18. August 70 Jahre alt wird, aber schon heute in einem Festakt mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier geehrt wird. Was für einen Lateinschüler der Kleine Stowasser ist, das deutsch-lateinische Wörterbuch, ist für einen Journalisten die dpa - ein treuer, zuverlässiger Begleiter durch das ganze Berufsleben hindurch, eine wichtige Stütze und auch ein Inbegriff für Seriosität: Wenn es die dpa meldet, kann es so falsch nicht sein, pflegte einer meiner älteren Kollegen bei der "Süddeutschen Zeitung" zu sagen, wo ich als freier Mitarbeiter mit dem Schreiben begann.

"die pflege der objektiven nachricht und die unabhaengigkeit von jeder staatlichen, parteipolitischen und wirtschaftlichen interessensgruppe werden das merkmal der neuen agentur sein", hieß es in der ersten dpa-Meldung zu ihrer Gründung vom 1. September 1949. Ein Grundsatz, der für die dpa und ihre weltweit tausend Mitarbeiter natürlich bis heute gilt. Ein Grundsatz, der in Zeiten von "Fake News", Elitenschelte und Misstrauen gegenüber den sogenannten Mainstream- oder Massenmedien umso wertvoller ist. Happy birthday, dpa!

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

Ihnen wünsche ich, dass Sie gut in den Tag und gut in die Woche kommen!

Ihr Martin Knobbe

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