Die Lage am Montag Liebe Leserin, lieber Leser,


Angela Merkel hat sich offenbar durchgerungen, einen Schritt in der Klimapolitik zu machen: Die Bundesregierung will sich dem Ziel einer klimaneutralen Europäischen Union bis zum Jahr 2050 anschließen. Frankreich, Schweden, Spanien und andere verfolgen diesen Kurs schon länger.

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Heft 25/2019
Weniger Gefühl, mehr Politik - wie sich die Grünen auf die Macht vorbereiten

Kürzlich soll Merkel vor den Abgeordneten der Union gesagt haben, dass es in der Klimapolitik mit "Pillepalle" nicht mehr weitergehe, also mit kleineren Maßnahmen. Damit ernannte sie sich selbst auf diesem Gebiet zur Pillepalle-Kanzlerin, denn sie war 14 Jahre lang für die Klimapolitik zuständig, hätte also entschiedener handeln können. Nun darf man gespannt sein, mit welchem Nicht-Pillepalle sie das Ziel 2050 erreichen will.

Dazu passt, dass heute in Bonn eine große Klimakonferenz beginnt. Beamte aus der ganzen Welt sollen den Klimagipfel im Dezember in Chile vorbereiten.

Wie sexy ist Peer Steinbrück?

Maurizio Gambarini/dpa

Am Freitagabend sagte der ehemalige Kanzlerkandidat der SPD, Peer Steinbrück, 72, dass er Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner "sexy" finde. Er sagte das im Rahmen einer Satireshow des Kabarettisten Florian Schroeder im Berliner Admiralspalast. Gleichwohl wirkte dieses Wort aus Steinbrücks Mund komplett deplatziert. Es war die Anmaßung eines älteren Herren, der immer noch glaubt, er könne öffentlich ein Urteil über die Attraktivität einer Frau aussprechen und ihr damit eine sexualisierte Rolle zuweisen.

Dass Sätze daneben sind, merkt man manchmal an einem einfachen Test. Man fragt sich, ob der betreffende Satz auch mit vertauschten Rollen möglich wäre. Und es ist undenkbar, dass sich Klöckner in ähnlicher Weise über Steinbrück äußern würde.

"Drückend, schwül und sonnig"

Manchmal schaue ich mir an, was der Diplomat Harry Graf Kessler vor genau 100 Jahren in sein Tagebuch geschrieben hat. Er war einer der klügsten Beobachter seiner Zeit. Im Mai 1919 hatten die Siegermächte des Ersten Weltkriegs den Deutschen harsche Bedingungen für einen Friedensvertrag vorgelegt, und die Deutschen wollten das nicht akzeptieren. "Das alles sieht nach neuem Krieg aus", schrieb Kessler am 17. Juni 1919. "Es ist wie 1914. Und ebenso drückend schwül und sonnig wie damals Ende Juli."

Zum 17. Juni gehört natürlich auch das Jahr 1953, der Aufstand in der DDR, der niedergeschossen wurde. Von da bin ich in Gedanken rasch bei den Demonstranten, die in Hongkong gegen das Auslieferungsgesetz protestieren. Hoffentlich geht das gut aus.

Gewinner des Tages

Sean Gallup/Getty Images

Klar, das ist Octavian Ursu von der CDU, der gestern zum Oberbürgermeister von Görlitz gewählt wurde. Eine gute Nachricht, aber es steht eine weniger gute dahinter. Ursu hat auch deshalb gewonnen, weil die Kandidaten von Grünen und Linken auf den zweiten Wahlgang verzichtet hatten, um einen Sieg der AfD zu verhindern. Deren Kandidat hatte den ersten Durchgang für sich entschieden. In gewisser Weise gibt es in Görlitz also eine Koalition von CDU, Grünen und Linken. Und die gibt es nur, weil die AfD nicht gewinnen darf.

Eine weitere Verkrümmung findet sich auch im Bundestag, wo die anderen Parteien der AfD einen Vizepräsidenten verweigern, obwohl ihr einer zusteht. Wenn das so weitergeht, sollte man sich irgendwann fragen, ob nicht der Schaden des Verhinderns größer ist als eine andauernde Verkrümmung, die die anderen Parteien ja nicht glaubhafter macht.

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insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
nach-mir-die-springflut 17.06.2019
1. Als sie alle soviel redeten (und nichts sagten)
Gehen wir davon aus, es gibt einen Klimawandel, während der vom Menschen verursacht wurde (und wird), weil der wiederum stetig mehr fossile Energieträger verbraucht (90 Mio. Fass Erdöl täglich, Tendenz steigend). Um von dem Verbrauch wegzukommen, muss man Apparate aufbauen, die die Energie aus den Naturgewalten wandeln und Ersatz-Energieträger herstellen (Methan als Erdgasersatz zum Beispiel, Elektrolysebenzin als Fossilbenzinersatz). Um diese Energiewende zu machen, braucht es sowohl einen Ausbau- als auch einen Finanzierungsplan. Beides gibt es nicht. Merkel betreibt Augenwischerei und Populismus. Mit einer Steuer wird die Sache nicht zu finanzieren sein. Selbst wenn sie aber finanzierbar wäre, müsste die Steuer definiert und über 100 Jahre angelegt sein, solange braucht die Energiewende nämlich mindestens. Mit heutigem Tempo braucht sie noch gar 250 Jahre. Die über die Energiewende heute so viel Blödsinn reden, werden als Nichtssagende bald alle gestorben sein. Was ein Elend sie ihren Erben hinterlassen, wenn die ihre Vorfahren als Plaudertaschen werden benennen müssen.
pandora14 17.06.2019
2. Wenn ich das lese!!
Pillepalle. Wer hat denn diese ganze Pillepalle verursacht, die nur die Stromkosten in die Höhe trieb und das Land so extrem veränderte? Die Kanzlerin mit ihren Luschen Altmaier, Röttgen , Laschet, Strobl und Co? Und jetzt tut sie so, als ginge sie das nichts an und spielt sich als große Retterin auf? Wie verblödet sind schon Volk und Medien, dass sie nicht aufschreien und sie aus ihrem Sessel jagen?
skylarkin 17.06.2019
3.
Ja, das Julia Klöckner Peer Steinbrück sexy findet das wäre wirklich undenkbar, aber wäre auch der Satz undenkbar das Andrea Nahles sagt, sie findet Robert Habeck sexy? Nein das ist nicht undenkbar und so zeigt sich dass die Vorstellung des Autors merkwürdig ist, aber nicht grundsätztlich die Aussage von Peer Steinbrück. Auch Politiker und sogar ältere wie Peer Steinbrück sind keine asexuellen Wesen oder dürfen nur Jüngere oder Attraktivere sich so äußern?
derhahn 17.06.2019
4. Die Kirche im Dorf lassen
Wenn der Steinbrück das in einer Satiresendung gesagt hat, war das vielleicht auch mit ein bisschen Augenzwinkern gemeint. Immer kommt gleich das "das sagt man nicht mehr!" empört hinterher. Wenn man die Rollen vertauscht, finde ich es sogar richtig witzig in so einem Rahmen. Dann würde ich die Klöckner vielleicht sogar ein ganz kleines bisschen sympathisch finden.
hausfeen 17.06.2019
5. Ich suche noch immer nach der weniger guten ...
... Nachricht aus Görlitz. Anbetracht der desaströsen Grundstimmung ist es doch eine gute Nachricht, wenn sich alle demokratische Parteien wenigstens punktuell einigen können.
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