Die Lage am Montag Liebe Leserin, lieber Leser,


hat jemand verstanden, warum Angela Merkel noch einmal antreten und was sie in vier weiteren Regierungsjahren machen will? Ich nicht. Zweimal trat sie gestern Abend auf, um 19 Uhr bei einer Pressekonferenz, um 21.45 Uhr bei Anne Will. Sie hat die Lage beschrieben: "Anfechtungen wie nie zuvor", Zustand der EU, Brexit, das Ergebnis der amerikanischen Wahlen, Spaltungen in Deutschland, zum Beispiel von Stadt und Land, ein neues Medienverhalten. Sie hat ihren eigenen Zustand beschrieben: neugierig, gefestigt, freudig, "ganz munter", auf keinen Fall ein "halb totes Wrack". (Das bezog sich auf einen Satz, den sie vor vielen Jahren gesagt hatte: Sie wolle nicht als halb totes Wrack aus dem Amt scheiden.) Sie hat gesagt, sie trete an, um, "was mir an Gaben und Talenten gegeben ist, in die Waagschale zu werfen", sie habe das Ziel, "für den Zusammenhalt in unserem Land zu arbeiten" ("Versöhnen statt spalten", hat schon Johannes Rau gesagt). Sie hat auf Original Merkel'sche Weise gesagt, dass sie "von der Tonalität her etwas tun kann". Sie habe "viele Ideen", sie habe "neue Ideen".

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Heft 47/2016
Das Gespräch über Donald Trump und den erschöpften Westen

Aber welche? Das hat sie nicht gesagt. Es ist ja wahr, dass es immense Anfechtungen für die Bundesrepublik, die EU und den Westen gibt. Umso mehr hätte man sich gewünscht, dass Merkel sagt, was sie machen will, um diesen Anfechtungen zu begegnen. Ein bisschen hat sie: Rente, Breitband auf dem Land. Das waren die konkreten Dinge, die sie genannt hat. Aber um die Rente geht es seit Bismarck, um das Breitband seit mindestens zehn Jahren. Nimmt man nur den Tag gestern, mit zwei immerhin sehr wichtigen und sicherlich gut vorbereiteten Auftritten, dann steht zu erwarten, dass Merkel einfach so weitermerkelt, und das kann nicht die Lösung sein. Die Frau, von der in den Donaldistischen Zeiten so viel erwartet wird, hat enttäuscht.

REUTERS

Aus für den Springteufel

Es ist nicht immer so, dass der gewinnt, der sich am lautesten und radikalsten aufführt. Man hatte das fast schon nicht mehr für möglich gehalten nach diesem bestürzenden Jahr. Nicolas Sarkozy ist gestern nur Dritter geworden und ausgeschieden. Die konservative Wählerschaft in Frankreich war aufgerufen, in einer ersten Vorwahl Kandidaten für die Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr zu bestimmen. Sarkozy hatte sich oft als Springteufel der Politik aufgeführt, dann aber eine lahme Präsidentschaft hingelegt und wurde abgewählt. Nun wollte er als Springteufel hoch zwei zurückkehren und Marine Le Pen mindestens nacheifern, wenn nicht rechts überholen. Die konservative Wählerschaft nahm ihn kühl aus dem Rennen. Die Stichwahl am kommenden Sonntag bestreiten François Fillon und Alain Juppé.

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HR/Pressestelle/dpa

Gewinner des Tages

Zwischen der Pressekonferenz von Angela Merkel, der "Tagesschau" und Merkels Auftritt bei Anne Will habe ich den "Tatort" geschaut, zum ersten Mal seit Jahren wieder. Interessant fand ich, wie aus einer abstrusen Geschichte ein guter Film werden kann. Ein Twist nach dem anderen, eine Unwahrscheinlichkeit jagte die nächste, und ständig dachte ich, so kann es nun wirklich nicht sein in der Realität. Andererseits ist selbst die Realität manchmal zu abstrus, um Realität sein zu können. Siehe Trump. Dieser "Tatort", mit einem großartigen Ulrich Tukur und einem großartigen Jens Harzer, war eine Feier der Abstrusität und damit ein Film, der zu unserer Zeit passt. Eins hat er dieser Zeit voraus: das gute Ende. Da müssen wir in der Realität noch hoffen.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche.

Ihr Dirk Kurbjuweit

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insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
notbehelf 21.11.2016
1. Sehr gut
Mir hat der Hessen-Tatort und besonders Herr Tukur sehr gut gefallen. Ja, die Story war etwas an den Haaren herbeigezogen, aber es ging ja auch mehr um die Wendungen, die das nahm.
StefanZ.. 21.11.2016
2. Die Abstrusität unserer Zeit
Diesen Bezug zum Tatort finde ich prima. Wir leben in der Tat in sehr verwirrenden und chaotischen Zeiten. Nun am Wochenende las ich einen wissenschaftlichen Artikel der den Bezug zwischen Lernbegierde/Neugierde quer durch ungewöhnliche und sehr unbekannte Bereiche und Themen zur Fähigkeit der Kreativität belegte. Das ist interessant für Personal-Auswahlverfahren und entsprechende Tests. Es wurde klar, dass kreative Problemlösungskompetenzen von dieser Art der besonders Fachfremden Neugierde und dem Verlangen nach neuen Erkenntnissen stark geprägt werden. Wen es interessiert, hier dazu die Englischsprachige Pressemitteilung: ow.ly/VwD9306lqet Das scheint ein wenig zu erklären, warum man bei Frau Merkel so gar nichts Neues hört. Dazu ein kleiner Test zum Neugierde-/Kreativitätspotential der Leser. Mal sehen, wer über den Tellerrand hinausschauen kann. Die Knaller-Neuigkeit des Wochenendes war für mich die Mitschrift dieses angeblichen Gespräches. Es geht um die behaupteten tatsächlichen Charaktereigenschaften und Absichten von Trump und Clinton. Diese 2 Seiten lesen sich spannender als jeglicher Tatort der letzten 10 Jahre: ow.ly/aJv7306mBxT
localpatriot 21.11.2016
3. Wo ist die Nachfolgerin oder der Nachfolger?
Nach 12 Jahren im Amt wäre es an der Zeit dass man eine erfahrene, fähige und einsatzbereite Gruppe von Kanzlernachfolgern sieht. Aber diese gibt es nicht. Wie ein Unkrautteppich hat die Kanzlerin das Wachstum und gedeihen einer neuen, frischen und modernen Gruppe von Nachfolgern erstickt oder deren Gedeihen so verhindert, dass sie nicht als einsatzfähig gelten. Die Opposition, die SPD, ist zerrüttet und amtsunfähig und in den eigenen Reihen kann man niemanden erkennen. Man kann erwarten dass die nächsten vier Merkeljahre weitere Entfernung vom Wahlvolk bringen und danach kommt dann die Sintflut. Wennimmer die Regierenden zu lange im Amt sind, folgt eine Zeit des Chaos. Die USA zeigen wieder einmal dass eine funktionierende Demokratie den friedlichen Machtwechsel als Grundbedingung hat. Acht Jahre sind lange genug. Nicht nur in den USA, Überall, auch in D.
henry.miller 21.11.2016
4.
Ich weiß nicht genau, was Frau Merkel genau anders machen soll und auch im Spiegel lese ich es nicht. Sie ist eine große Politikerin. Eine Nation besteht immer noch aus ihren Menschen. Jeder ist aufgefordert nachzudenken. Dieser ständige Vorwurfston in allen Artikeln nervt. Wenn der Spiegel eine Idee hat, die besser als die der aktuellen Politiker, sollte er sie mal äußern. Ihr Artikel ist flach, halt das Fernsehprogramm von gestern
tsitsinotis 21.11.2016
5. Ich teile Ihren Pessimismus nicht.
Angela Merkel ist für jede Überraschung gut. Sie hat bewiesen, dass sie spontan mit Herz reagieren kann -- und das ist in diesen wirren Zeiten das Entscheidende. Es gibt z.Zt. wirklich keine Alternative. Ich traue ihr zu, dass sie sich, den Zeitzwängen folgend, von der unseligen marktkonformen Demokratie verabschiedet und durch ihr potenzielles Mitgefühl einen Weg aus dem grassierenden Hass aufzeigt. Nur sie hat das Renommee dazu.
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