Roland Nelles

Die Lage am Morgen Das wirkliche Problem für Annalena Baerbock

Roland Nelles
Von Roland Nelles, US-Korrespondent

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute geht es um das Plagiatsaffärchen von Annalena Baerbock, um die USA-Reise des SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz und um zwei legendäre Aussprüche von Donald Rumsfeld.

Baerbocks Problem mit den Unentschlossenen

Ist eigentlich schon Wahlkampf? Der Wettstreit um die Nachfolge von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) verläuft in diesen Tagen relativ geräuschlos. Natürlich bis auf das Plagiatsaffärchen der Grünen-Spitzenkandidatin Annalena Baerbock. Das ist interessant.

Ein österreichischer Plagiatsjäger wirft Baerbock vor, in ihrem Buch »Jetzt. Wie wir unser Land erneuern« an einigen Stellen aus frei zugänglichen Quellen im Internet abgeschrieben zu haben. Baerbock und die Grünen reagieren empört und sprechen von »Rufmord«, was wiederum auch leicht übertrieben wirkt. Wer sich das wichtigste Amt im Staate zutraut, sollte in der Lage sein, das bisschen Plagiatsvorwurf auszuhalten. Im Kanzleramt kommen ganz andere Stinkbomben angeflogen. So gesehen könnte Baerbock die Sache als gute Übung für ihre Leidensfähigkeit abhaken.

Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock

Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock

Foto:

Soeren Stache / dpa

Eine andere Frage ist, wie sich die Episode am Ende dann tatsächlich auf ihren Stand bei den Wählerinnen und Wählern auswirken wird. Vermutlich wird es wieder einmal so sein, dass sich all jene, die sie ohnehin skeptisch sehen, in ihrer Ansicht über die Kandidatin bestätigt fühlen werden. Genauso dürften ihre Fans weiter und noch energischer zu ihr halten, weil sie über die Attacken auf ihre Favoritin empört sind.

Baerbocks wirkliches Problem sind die unentschlossenen Wählerinnen und Wähler, die nun einen weiteren Grund sehen könnten, eine mögliche Wahlentscheidung zugunsten der Grünen zu überdenken. Hier lauert für sie die Gefahr, auch weil die Unentschlossenen in ihrer ganzen Unberechenbarkeit am Ende so häufig Wahlen entscheiden. Armin Laschet und Olaf Scholz werden das erneute Dramolett um die Rivalin jedenfalls aufmerksam mitverfolgen. Sie schweigen und genießen.

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Wahlkampf de luxe

Apropos Olaf Scholz: Der SPD-Kanzlerkandidat präsentiert sich im Reigen der Möchtegernkanzler und -kanzlerinnen bekanntlich als der Typ »erfahrener Macher«. Dazu passt, dass Scholz derzeit in seiner Eigenschaft als Noch-Bundesfinanzminister in der US-Hauptstadt Washington politische Gespräche führt. Unter anderem steht ein Treffen mit seiner amerikanischen Amtskollegin Janet Yellen auf dem Programm. Es geht um die ganz großen Fragen: globale Steuern, transatlantische Partnerschaft, die Aussichten für die Weltwirtschaft.

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz

Foto: via www.imago-images.de / imago images/Political-Moments

Das Schöne für Scholz: Dem heimischen Publikum kann er sich so einmal mehr als Nachwuchs-Helmut-Schmidt präsentieren. Er macht ein bisschen Bella Figura, die Nachrichten berichten über die Reise. Alles wirkt wie ganz normales Regierungshandeln, was es bestimmt irgendwie auch ist. Zugleich kann eine solche Reise kurz vor einer Wahl aber natürlich getrost unter der Rubrik Wahlkampf de luxe verbucht werden.

Was dann eigentlich nur noch fehlt, ist der Quasi-Ritterschlag durch einen kurzen Fototermin bei Präsident Joe Biden oder Vizepräsidentin Kamala Harris. Dass diese Begegnungen während der Scholz-Reise zustande kommen, wäre allerdings eine große Überraschung. Üblicherweise mischt sich das Weiße Haus nicht in dieser Form in europäische Wahlkämpfe ein. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.

Biden besucht eingestürztes Hochhaus

Nach dem Hochhauseinsturz in Florida will heute US-Präsident Joe Biden gemeinsam mit seiner Frau Jill die Unglücksstelle besuchen. Die Katastrophe könnte als das schlimmste Unglück dieser Art in die amerikanische Geschichte eingehen. Eine Woche nach dem Zusammenbruch des 40 Jahre alten Champlain Towers South im Städtchen Surfside nahe Miami werden immer noch mehr als 140 Menschen vermisst. Bislang gibt es 18 bestätigte Tote.

Die Rettungskräfte suchen seit Tagen fieberhaft nach Überlebenden, konnten bislang jedoch nur noch Leichen bergen. Ein Spezialteam aus Israel unterstützt die US-Bergungsspezialisten bei der Arbeit.

Champlain Towers South in Surfside

Champlain Towers South in Surfside

Foto: Lynne Sladky / AP

Zugleich geht die Suche nach den Ursachen des Unglücks weiter. In US-Medien sind Bilder von dem offenkundig brüchigen Fundament des Hauses aufgetaucht, die Mitarbeiter einer Wartungsfirma für den Swimmingpool wenige Tage vor dem Unglück aufgenommen haben sollen. Es gab wohl auch bereits im Jahr 2018 Anzeichen dafür, dass mit dem Fundament des 136 Wohneinheiten umfassenden Gebäudes etwas nicht in Ordnung war.

Abschied von Donald Rumsfeld

Donald Rumsfeld ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Der Mann war eine höchst umstrittene Legende, nicht nur in den USA, sondern weltweit: Er diente schon dem Watergate-Präsidenten Richard Nixon als Berater, er war Verteidigungsminister unter Gerald Ford. Als Pentagon-Chef von George W. Bush erlangte er Berühmtheit, weil er sich wie kaum ein Zweiter für den Krieg gegen Saddam Husseins Irak einsetzte.

Der ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld (2005)

Der ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld (2005)

Foto: Tech. Sgt. Cherie A. Thurlby / imago/Cinema Publishers Collection

Unvergessen ist sein Streit mit dem damaligen deutschen Kanzler Gerhard Schröder (SPD) und mit Außenminister Joschka Fischer (Grüne) um den Irakkrieg. Weil die Deutschen gegen den Krieg waren, warnte Rumsfeld die rot-grüne Bundesregierung: »Wer in einem Loch sitzt, sollte aufhören zu graben.« Die Deutschen sahen es genau andersherum: Für sie war es Rumsfeld, der mit seinen Kriegsplänen die falsche Politik betrieb.

Es gibt aber auch noch einen anderen legendären Ausspruch von Rumsfeld. Der geht so, ausnahmsweise im Original: »There are known knowns; there are things we know we know. We also know there are known unknowns; that is to say we know there are some things we do not know. But there are also unknown unknowns – the ones we don't know we don't know.«

Gewinner des Tages...

...ist Deutschland, ja, Sie haben richtig gelesen. Ich bin zum ersten Mal seit 17 Monaten wieder aus den USA in die Heimat gereist und bin beeindruckt, mit welcher Effizienz, Disziplin und Akribie hierzulande das Coronavirus bekämpft wird. Allein die Schärfe, mit der die Regeln manchmal durchgesetzt werden, kann etwas verstörend wirken.

Schon beim Einsteigen in Washington wurde ich bei der Lufthansa belehrt, dass ich mit meiner eigens angeschafften Stoffmaske nicht fliegen dürfe. Das war überraschend für mich, denn in den USA sind die bunten Stofftücher in den Jets weitverbreitet, nicht die OP-Masken. Ich hatte zum Glück auch davon eine dabei.

Corona-Teststelle in Deutschland

Corona-Teststelle in Deutschland

Foto:

Ralph Peters / imago images

Was mir am Boden sofort auffiel: In Deutschland gibt es jetzt offenbar mehr Coronatest-Zentren als Handyshops. Alles ist kostenlos. Das Testen ist wirklich fantastisch organisiert. Deutschland ist ein Test-Wunderland. In den USA war die Suche nach einem günstigen, unkomplizierten Test lange Zeit ein ziemliches Theater. Für einen Schnelltest (Antigen) kann man in Washington schon mal 125 Dollar zahlen, für einen PCR-Test, dessen Ergebnis in weniger als 16 Stunden zu haben ist, werden stolze 175 Dollar aufgerufen. Kostenlose Tests gibt es zwar auch, man kann sich aber nicht immer sicher sein, wann genau die Ergebnisse zurückkommen.

Ich habe dann hier in Deutschland bei einer Gelegenheit zum ersten Mal einen Test machen müssen, bei dem mir ein fieses langes Stäbchen bis tief in den Rachen gesteckt wurde. So eine Prozedur habe ich in den USA während der gesamten Coronakrise nicht erlebt. Da reichte zumindest bei mir stets ein kleines Wattestäbchen, das sanft die Nasenspitze berührte. Der deutsche Test war nicht schön, aber ich ahne wohl, dass diese Methode in bestimmten Fällen sicherlich sinnvoller sein dürfte.

So bleibt unterm Strich die Lehre: Jedes Land löst die Probleme der Pandemie offenkundig ein bisschen auf seine sehr eigene Art. Und Deutschland ist dabei tatsächlich sehr deutsch. Was sonst?

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